lautstark. 19.08.2020
Zwei Professionen für die frühkindliche Bildung




Wo zeigt sich der Unterschied zwischen Erzieher*innen und Kindheitspädagog*innen und warum sind beide Berufe wichtig?
Linda Engels: Vor dem Hintergrund der veränderten Lebenswelt, die Pädagogik abdecken muss, gibt es auch verschiedene Ansprüche an pädagogische Fachkräfte, die in den vergangenen Jahren gestiegen sind. Dazu gehören die systemische Beobachtung oder die Dokumentation von Entwicklungsabläufen, was immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Das erfordert eine inhaltlich breite Qualifikation der Fachkräfte und eine stärkere Verbindung der Bereiche Bildung, Erziehung und Betreuung. Aus dieser Anforderung heraus sind die Studiengänge der Kindheitspädagogik entstanden. Sie übernehmen eher Koordinierungs- und planerische Aufgaben, etwa Konzepterstellung, begleitende Forschung, aber auch Organisation.
Claus Stieve: Beide Berufsgruppen sind wichtig, das hängt mit der Geschichte des Berufs zusammen, erst gemeinsam sind sie eine Profession. Die Erzieher*innen stehen für die langjährige Fachexpertise und Fachlichkeit, die in der Frühpädagogik entwickelt worden ist. Die Erzieher*innen waren immer engagiert, hohe Standards für eine an Kindern orientierte Professionalität zu entwickeln und gesellschaftliche Anerkennung für diese Aufgabe zu erhalten. Die Frühpädagogik und die Arbeit in Kindertageseinrichtungen hatten aber lange keine akademische Grundlage. Das unterscheidet dieses Arbeitsfeld von allen anderen pädagogischen Bereichen, von Schule über Jugendarbeit bis zur Erwachsenenbildung. Die ersten Studiengänge für Frühpädagogik sind erst 2004 entstanden, der Begriff der Kindheitspädagogik noch später. Mit ihm wurden neben dem Kindergarten auch die mittlere Kindheit und die Familienbildung einbezogen, eine notwendige Ergänzung zum Beruf Erzieher*in. Die akademische Qualifikation ermöglicht, an der Erforschung von zentralen Entwicklungen der Pädagogik der Kindheit beteiligt zu werden.
Wie können sich die beiden Professionen ergänzen?
Linda Engels: Eine Ergänzung der beiden Bereiche kann man durch multiprofessionelle Teams gut herstellen. Es geht nicht darum, Erzieher*innen aus dem Beruf zu verdrängen, sondern darum, sich zu ergänzen und Aufgaben zu verknüpfen.
Welche Kompetenzen können Kindheitspädagog*innen im Arbeitsbereich der frühkindlichen Bildung zusätzlich einbringen?
Claus Stieve: Es ist schwer zu trennen, wer für welchen Bereich zuständig ist. Die Tätigkeiten von Erzieher*innen und Kindheitspädagog*innen überlappen sich. Es sind die beiden zentralen Berufe gerade für die frühe Kindheit. Kindheitspädagog*innen bringen aus dem Studium in hohem Maße forschende Fähigkeiten mit, etwa Kinder differenziert zu beobachten, konzeptionelle Fähigkeiten etwa für sprachliche Bildung oder Inklusion und koordinierende Fertigkeiten wie für die Arbeit in Familienzentren.
Wie sollte aus Ihrer Sicht die Leitung von Kindertageseinrichtungen besetzt sein? Bringen studierte Kindheitspädagog*innen dafür mehr Wissen mit?
Linda Engels: Ich möchte bestehenden Kita-Leitungen keine Kompetenz absprechen. Ohne Praxiserfahrung sollte man auch direkt von der Hochschule keine Kita-Leitung übernehmen. Sinnvoll ist es für beide Berufsgruppen, erst Erfahrungen zu sammeln. Auch für Erzieher*innen ist die Leitungsrolle erst nach absolvierten Weiterbildungen und eventuell einer Zeit als Stellvertretung ein Thema. Teilweise studieren erfahrene Erzieher*innen auch später Kindheitspädagogik berufsbegleitend. Das Thema Kita-Leitung kann dabei im Studium durchaus ein Schwerpunkt sein.
Welche Schwerpunkte kann ein Studium zusätzlich liefern – etwa in Entwicklungspsychologie oder Elementardidaktik?


Claus Stieve: Entwicklungspsychologie und Elementardidaktik sind typische Schwerpunkte, die mit einer Erziehung der frühen Kindheit in Verbindung gebracht werden. Es ist zwar wichtig, zu sehen, wie Kinder sich entwickeln. In einem Studium ist es aber auch relevant, zu lernen, theoretische Vorgaben kritisch zu hinterfragen. Die Absolvent*innen lernen, sozialwissenschaftlich zu denken, Kinder nicht nur in Bezug auf psychologische Entwicklungsschritte zu sehen, sondern auch in der Weise, wie sie an Gesellschaft partizipieren. Zum Studium gehört deshalb, sich mit Theorien auseinanderzusetzen, Didaktiken kennenzulernen, aber auch zu erforschen und Forschung kritisch zu hinterfragen. Man muss heute in die pädagogische Arbeit einbeziehen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Kindheit stattfindet. In vielen Einrichtungen hat man mit sozialer Ungleichheit zu tun. Wie können wir die damit verbundenen Probleme verstehen, um Professionalität zu entwickeln? Kindheitspädagog*innen lernen daher, immer wieder neu zu fragen und so angemessenes Handeln zu entwickeln.
Sollte es, unabhängig von einem Studium, weitere Weiterbildungsmöglichkeiten für Erzieher*innen geben? Werden diese anerkannt, etwa durch bessere Bezahlung?
Linda Engels: Es ist immer sinnvoll, sich in unterschiedlichen Bereichen weiterzubilden und Schwerpunkte zu setzen im Sinne eines multiprofessionellen Teams, etwa in den Bereichen Motorik oder Sprachförderung. Weiterbildungen finden oft reduziert statt, weil es schwierig ist, den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten. Auch gibt es keine Anerkennung durch zusätzliche Bezahlung. Aber auch studierte Kindheitspädagog*innen erhalten in der Regel keine höhere Bezahlung, sondern werden, ebenso wie grundständige Erzieher*innen, im TVöD, S8a, eingruppiert. Ein höheres Einkommen ist in der Regel nur für Leitungen vorgesehen.
In anderen europäischen Ländern werden pädagogische Fachkräfte in der Regel akademisch ausgebildet. Wie sehen Sie die beiden Ausbildungsmöglichkeiten im europäischen Vergleich?
Claus Stieve: International ist das Studium für den frühkindlichen Bereich eine wichtige Berufsgrundlage. Aber auch in anderen Ländern arbeiten nicht nur Akademiker*innen in Kitas. Darum geht es auch nicht. Aber der momentan nur geringe Anteil von 6,6 Prozent an Akademiker*innen, davon nur 1 Prozent Kindheitspädagog*innen, ist eklatant wenig, verglichen mit anderen Bildungseinrichtungen. Das zeigt, dass diese Entwicklung immer noch eine sehr langsame ist. Es braucht eine klare Initiative von Bund und Ländern, Studiengänge weiterzuentwickeln und quantitativ auszubauen. Ein Studium sollte sich auch finanziell lohnen, Absolvent*innen der Fachrichtung Kindheitspädagogik sollten genauso bezahlt werden wie Sozialpädagog*innen. Wir brauchen in Kitas mehr Erzieher*innen, aber auch mehr Kindheitspädagog*innen. Bei Kindern und Familien geht es nicht nur um die Kita, sondern um viele andere Aufgaben, etwa im Rahmen der Familienbildung, der frühen Hilfen. Deshalb sprechen wir auch von Kindheits- und Familienpädagog*innen.
Linda Engels: Die GEW fordert seit Jahren ein Hochschulstudium für das pädagogische Personal in Kitas. Es ist derzeit aus meiner Sicht aber nicht umsetzbar, weil wir einen eklatanten Fachkräftemangel haben. Aber schon jetzt ist die Erzieher*innenausbildung in den Fachschulen formal auf Bachelorniveau. Ich denke, multiprofessionelle Teams sind die Lösung, bestehend aus akademischen Kindheitspädagog*innen und Erzieher*innen.
Claus Stieve: Ich finde, gerade wegen des Fachkräftemangels ist ein Studium wichtig. Es erhöht den Anreiz, in dieses Arbeitsfeld einzusteigen, und es ist zeitlich nicht länger als eine Ausbildung.