lautstark. 22.06.2021

Wertschätzung verbessert Gesundheit am Arbeitsplatz

Arbeits- und GesundheitsschutzEntlastungMitbestimmung

Führungsstil beeinflusst Wohlbefinden von Beschäftigten in Kitas und Schulen

Führungskräfte haben Einfluss auf Gesundheit und Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden. Wie sie beides stärken können, erklärt Erziehungswissenschaftler Olaf-Axel Burow anhand seines Leadership-Kompasses.

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  • Ausgabe: lautstark. 04/2021 | Stress und Achtsamkeit: Jetzt mal langsam!
  • Autor*in: Prof. Dr. Olaf-Axel Burow
  • Funktion: Erziehungswissenschaftler und Begründer der Kreatives-Feld-Theorie
Min.

Schon vor Corona zeigten Studien, wie die des „Bayerischen Aktionsrats Bildung“ aus 2014, dass zu viele Mitarbeiter*innen in Schule und Kita aufgrund der wachsenden Anforderungen, ungeeigneter Führungs- und Organisationsstrukturen sowie unzureichender Ausstattungen überfordert und sogar gesundheitlich belastet sind. Die Pandemie hat die Anforderungen noch erhöht. Statt das folgenlos zu beklagen gilt es jetzt, die Corona-Chance zu nutzen, die darin besteht, dass wir nach Wegen suchen, wie wir resiliente¹, das heißt krisensichere und gesundheitsförderliche Einrichtungen schaffen können. Hierbei kommt es sowohl auf die Schaffung verbesserter Rahmenbedingungen durch die Politik an als auch auf die Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Organisationskultur. Hier wird das Augenmerk darauf gelegt, was Mitarbeiter* innen und insbesondere Führungskräfte in Schulen und Kitas tun können.

Ursachen der Belastung verstehen

Eine erste Möglichkeit, den Veränderungsprozess in Schulen oder Kitas in Gang zu setzen, besteht in der Durchführung eines pädagogischen Tages. Die Beteiligten begeben sich dabei ausgehend von einer gemeinsamen Analyse der Belastungsfaktoren auf eine Zeitreise in die erwünschte Zukunft einer gesundheits- und bisweilen sogar glücksförderlichen Schule beziehungsweise Kita. Im Anschluss werden Strategien und konkrete Umsetzungsschritte des entwickelten Zukunftsbildes vereinbart. Eine solche Zukunftswerkstatt zum Thema „Abbau von Belastungen“, an der mittlerweile über 1.500 Beschäftigte teilgenommen haben, führen meine Kolleg*innen Nadine Lietzke-Schwerm, Hans-Günther Rolff und ich seit 2009 zweimal jährlich an der Deutschen Akademie für Pädagogische Führung (DAPF) durch.

Ressourcen sind wichtig fürs Kohärenzgefühl

Gefördert wird unsere Zukunftswerkstatt von der Unfallkasse NRW, die seit 2007 den deutschlandweit höchstdotierten Schulentwicklungspreis „Gute und gesunde Schule“ vergibt. Mit dieser Auszeichnung werden Schulen prämiert, die sich mit einem überzeugenden Entwicklungskonzept auf den Weg gemacht haben. Heinz Hundeloh, Leiter der Unfallkasse, hat ein Modell zur Analyse der Belastungsfaktoren entwickelt, das wir für die Arbeit in der Zukunftswerkstatt heranziehen.

Es zeigt, dass für ein Kohärenzgefühl – also das Erleben der Tätigkeit als verstehbar, machbar und sinnhaft – organisationale, personale und soziale Ressourcen nötig sind. Denn Ressourcen sind Faktoren der Beanspruchungsoptimierung, die es ermöglichen, Situationen zu beeinflussen und negative Auswirkungen zu verhindern. Durch den Austausch über vorhandene und fehlende Ressourcen erhalten die Teilnehmenden ein tieferes Verständnis des Zusammenspiels der unterschiedlichen Belastungsfaktoren.

Im zweiten Schritt hilft das Modell, erste Anregungen für den notwendigen Veränderungsprozess zu geben: So meinen die meisten Kolleg*innen zu Beginn, dass die Belastungen vor allem durch ungünstige Rahmenbedingungen verursacht seien. Doch die Analyse zeigt, dass auch die Kultur der Einrichtung sowie die eigenen Kontrollüberzeugungen, das eigene Mindset, wie die Psychologin Carol Dweck es nennt, eine wichtige Rolle spielen.

Schlüssel für Mitarbeiter*innengesundheit

Ein besonderer Stellenwert kommt in dem Veränderungsprozess Leitungen zu. Studien haben gezeigt, dass Mitarbeiter*innen, die sich durch ihre Leitung wertgeschätzt fühlen, gesünder sind, weniger fehlen und mehr Engagement zeigen. Deshalb besteht ein weiterer Schlüssel zu mehr Gesundheit und Glück im Team in der Umsetzung von wertschätzender Führung mit dem Leadership-Kompass. Dieser gründet sich auf folgende drei Theorien:

  • Salutogenese: Der Soziologe Aaron Antonovsky entdeckte bei der Untersuchung der Frage, was uns unter Stressbedingungen gesund hält und das Kohärenzerleben unterstützt, drei Schlüsselfaktoren: Wenn die Anforderungen für alle verstehbar, persönlich bedeutsam und handhabbar sind, fühlen wir uns wohl, sind engagiert und erfahren Selbstwirksamkeit.
  • Selbstbestimmungstheorie: Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Selbstbestimmungstheorie gezeigt, dass Vertrauen in die Fähigkeiten der Geführten und die Erweiterung ihres Gestaltungsspielraums zu mehr Engagement, zur Identifikation mit der Einrichtung und der Tätigkeit sowie zu guten Leistungen führen.
  • Wertschätzende Führung: Gemeinsam mit meinem Kollegen Dr. Heinz Hinz habe ich gezeigt, dass die gemeinsame Weiterentwicklung der eigenen Einrichtung schließlich wirkungsvoll unterstützt wird durch einen wertschätzenden Austausch über Gelingensbedingungen. Nötig ist es zudem, ein Zukunftsbild samt Zukunftscode zu entwerfen, der drei Kernwerte beinhaltet. Diese bringen die gemeinsam entwickelte Ausrichtung auf den Punkt und dienen als Orientierung für das tägliche Handeln. Das dritte wichtige Element ist der von der gewünschten Zukunft her entwickelte Umsetzungsplan.

Leadership-Kompass gibt Führungskräften Orientierung

Die Ergebnisse dieser Theorien werden im Leadership- Kompass in die drei Haltungen „Gestalte es einfach!“, „Sei visionär!“ und „Sei leidenschaftlich!“ sowie in je drei dazugehörende Prinzipien überführt. Führungskräften, die wirkungsvoll sowie gesundheitsförderlich führen wollen – seien es Schul- oder Kitaleiter*innen, Lehrkräfte oder Erzieher*innen –, sollten sich deshalb an den folgenden drei Haltungen orientieren und versuchen, die zugehörigen Leitfragen umzusetzen:

I Salutogenese: Gestalte es einfach!

  • Ist mein Handeln für alle verstehbar?
  • Erfahren die Kolleg*innen alle Maßnahmen als persönlich bedeutsam?
  • Sind die notwendigen Umsetzungsschritte für alle handhabbar?

II Selbstbestimmungstheorie: Sei leidenschaftlich!

  • Wie kann ich dafür sorgen, dass alle Beteiligten entsprechend ihrem Stand und ihren Aufgaben mehr Selbstbestimmung erfahren?
  • Wie kann ich dafür sorgen, dass jede Person – gemäß ihren Voraussetzungen und Motivationen – Kompetenzzuwachs erfährt?
  • Was kann ich dafür tun, dass unsere Einrichtung als positiv besetzte Gemeinschaft erfahren wird, der sich jede*r zugehörig fühlt?

III Wertschätzende Führung: Sei visionär!

  • Durch welche Maßnahmen kann ich für einen regelmäßigen wertschätzenden Austausch bezüglich Kommunikations-, Unterrichts- und Lernkultur sorgen?
  • Wie kann ich die Kolleg*innen an der Entwicklung von Zukunftsbild und Zukunftscode beteiligen, sodass eine Corporate Identity, eine Zielklarheit und ein Zugehörigkeitsgefühl entstehen?
  • Durch welche Maßnahmen kann ich dafür sorgen, dass die Vision in konkret überprüfbare Handlungsschritte übersetzt wird?

In der Umsetzung sollte beachtet werden, dass die Kombination aller drei Haltungen des Leadership- Kompasses für die Zukunftsgestaltung (Future Design) von Kitas und Schulen relevant sind. Wertschätzende Führung wird zudem durch die Orientierung am Lossada-Quotienten unterstützt. Dieser gibt vor, dass das Verhältnis der positiven Rückmeldungen drei zu eins ausfallen sollte.

Grundlegende Neugestaltung von Kita und Schule

Die mithilfe des Leadership-Kompasses umgesetzte wertschätzende Führung ist Bestandteil der Positiven Pädagogik, die auf eine grundlegende Neugestaltung von Schule und Kita zu einer wertschätzenden Einrichtung abzielt. Wertschätzung zeigt sich demnach nicht nur in der Organisationskultur, in den Beziehungen von Leitung, Lehrenden und Lernenden, Erziehenden und Kindern, sondern auch in der ästhetischen Anmutung aller Bereiche und Dimensionen – etwa in der ansprechenden und herausfordernden Gestaltung von Lehr- und Lernumgebungen sowie Räumen, wie sie beispielhaft in den Bauten der niederländischen Architektin Rosan Bosch zu sehen sind. Zukunftsgestaltung beziehungsweise Future Design werden in ihrer Perspektive umfassender verstanden: Es geht um eine Verknüpfung von Beziehungs- mit Umgebungsgestaltung, sodass eine Organisationskultur entsteht, die zum „Aufblühen“ aller (Human Flourishing) beiträgt.

¹Auch wenn es in der Forschung noch keine Erklärung dafür gibt, warum manche Menschen resilient sind und andere nicht, kann davon ausgegangen werden, dass Resilienz durch die Berücksichtigung der Faktoren des Leadership- Kompasses begünstigt werden kann.