lautstark. 17.06.2020

Studium: Digitale Lehre im Hauruckverfahren

CoronaDigitale AusstattungDigitalität im Unterricht

Distanzlehre an Hochschulen

Rappelvolle Hörsäle, lebhafte Diskussionen in Seminarräumen oder Mittagspausen in der Mensa, all das findet im laufenden Sommersemester an den Hochschulen in NRW nicht statt. Durch die Corona-Pandemie startete der Lehrbetrieb zum Teil verspätet und stark eingeschränkt. Doch auch ohne Präsenzlehre geht es weiter – und zwar digital.

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  • Ausgabe: lautstark. 04/2020 | Gemeinsam durch die Krise
  • Autor*in: Denise Heidenreich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Lernen und Lehren auf Distanz – für die meisten Studierenden und Dozierenden ist das kein normaler Hochschulalltag. Onlinevorlesungen oder Lehrvideos waren vor der Pandemie vielleicht Zusatz zur Präsenzlehre, nun mussten Dinge wie diese im Hauruckverfahren für fast 800.000 Studierende aus dem Boden gestampft werden.

Eine Ausnahme ist die FernUniversität in Hagen. „Sicher sind wir durch unsere Struktur mit anderen Voraussetzungen ins ,Corona-Semester‘ gestartet. Wir profitieren in dieser Situation davon, dass unsere Studierenden ohnehin zu Hause lernen und online an Veranstaltungen teilnehmen“, sagt Nicole Engelhardt, Leiterin der Koordinationsstelle für E-Learning und Bildungstechnologien. „Aber auch bei uns bringen die pandemiebedingten Maßnahmen Änderungen mit sich: Wir wurden mitten in der Prüfungsphase – die bei uns auch in Präsenz stattfindet – von dem Lockdown überrascht, viele Klausuren sind ausgefallen.“

Bildschirm statt Hörsaal

Während die FernUni Hagen nach der zündenden Idee für die Prüfungsabnahme sucht, stellen sich viele Lehrende anderer Hochschulen die Frage, worauf es bei der Vermittlung von Lerninhalten auf digitalen Wegen eigentlich ankommt. Aus Sicht von Nicole Engelhardt ist vor allem entscheidend, den regulären Stoff nicht 1:1 zu übermitteln. „Digitale Lehre ist keine digitalisierte Präsenzlehre. Dozierende müssen nicht nur fachlich, sondern auch mediendidaktisch fit sein. Eine Onlineveranstaltung erfordert gute didaktische Ideen und geht zunächst mit einem erhöhten Arbeitsaufkommen einher, außerdem braucht es anfangs Frustrationstoleranz in Sachen Tools und Technik. Für welches digitale Mittel man sich auch entscheidet: Wichtig ist, den Teilnehmer*innen eine logische Struktur zu bieten und sie nicht mit zu vielen Inhalten zu überfordern. Fragen Sie sich: ‚Welches Lehrziel will ich erreichen?‘ und wählen Sie dann die geeigneten Mittel, um dorthin zu kommen.“

Digitale Lehre – wie kommen Inhalte an?

Ein Aspekt, um den sich Dozierende bei der digitalen Lehre Gedanken machen: Wie kann gewährleistet werden, dass die aufbereiteten Inhalte auch bei den Studierenden ankommen?  „Das ist tatsächlich nicht so einfach. Gerade bei uns an der FernUniversität haben wir eine sehr heterogene Zielgruppe mit unterschiedlichen Voraussetzungen – doch wir stellen bereits über spezifische Einschreiberegularien sicher, dass die Studierenden beispielsweise einen Internetanschluss haben. In der jetzigen Ausnahmesituation kämpfen aber viele Studierende mit dem Problem, dass das Internet daheim überlastet ist, weil der gesamte Haushalt im Homeoffice und von Distanzlernen betroffen ist. Manche haben vielleicht auch überhaupt keinen Internetzugang und arbeiten normalerweise an der Universität. Eine faire Lehre wird so erschwert. Das sollten Lehrende sich vor Augen führen und eine gewisse Medienvielfalt anbieten –
zum Beispiel Lernvideos einerseits als Stream, andererseits auch als Download bereitstellen. In der Regel braucht es hierfür allerdings die erforderlichen Supportstrukturen der Hochschulen“, sagt Nicole Engelhardt.

Verunsicherung unter Studierenden

Doch nicht nur die unterschiedlichen Ausgangssituationen stellen für Lernende eine Hürde dar: „Beim Lernen aus der Distanz ist ein großes Maß an Selbstmotivation und Disziplin notwendig. Aus meiner Sicht fehlt vielen Studierenden vor allem die gewohnte Struktur. Nicht selten haben sie mehrere mehrstündige Videokonferenzen, die hohe Konzentration erfordern. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie das Studium in den nächsten Monaten weitergeht und wann und wie Prüfungen absolviert werden können“, so Nicole Engelhardt.

Aus ihrer Sicht ist es deshalb wichtig, dass Dozierende den Kontakt zu ihren Studierenden aufrechterhalten. „Im mediendidaktischen Konzept sollten zum Beispiel Aufgaben über Lernplattformen enthalten sein. Auch in Live-Veranstaltungen bietet es sich an, Response-Möglichkeiten wie Abstimmungssysteme, Chats oder Ähnliches zu nutzen. Zum einen, um sicherzugehen, dass die vermittelten Lerninhalte auch angekommen sind, zum anderen, um die Beziehung zu den Teilnehmern zu stärken“, sagt Nicole Engelhardt. Ein weiterer wichtiger Punkt sei es auch, Studierende dazu anzuregen, sich eigenständig in Lerngruppen zu organisieren und dabei auf vertraute Kommunikationsmedien zurückzugreifen. Die Fachfrau weist dabei auf den Datenschutz hin: „Hochschulen sind verpflichtet, den Datenschutz einzuhalten, insofern kann eine solche Empfehlung immer nur mit der Freiwilligkeit der Studierenden einhergehen.“

Digitale Lehre

In ihrem Zehn-Punkte-Positionspapier fordern der Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten (BASS) und der Bundesfachgruppenausschuss Hochschule und Forschung der GEW in Bezug auf die digitale Lehre Folgendes:

  • Es müssen schnellstmöglich weitere Dauerstellen für Digital-Fachkräfte an den Hochschulen geschaffen werden, die die Lehrenden und die Mitarbeiter*innen in Technik und Verwaltung unterstützen. Wir brauchen Investitionen in Fachkräfte statt in kommerzielle Software.
  • Es müssen einheitliche Qualitätsstandards für digitale Lehre geschaffen und eingehalten werden.
  • Open-Source-Werkzeuge sollen der Standard an Hochschulen werden.
  • Online-Lehre darf die Präsenzlehre nicht ablösen. Blended-Learning, das heißt, die Integration digitaler Lehre in Präsenzlehrangebote, soll mittelbis langfristig weiterentwickelt werden.