lautstark. 26.09.2023

Sozialpädagog*innen: Springen, löschen und vertreten

BelastungMPT – Fachkräfte im multiprofessionellen TeamSchulsozialarbeitSozialpädagogik

So geht es den Fachkräften der Sozialpädagogischen Berufe an Schulen

Jeden Tag übernehmen Menschen diverser Professionen in Schule Aufgaben, für die sie weder ausgebildet noch zuständig sind. Dabei könnten klug eingesetzte multiprofessionelle Teams für Entlastung sorgen. Eine Schulsozialarbeiterin und ein Sozialpädagoge erzählen, was sich dringend ändern muss!

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  • Ausgabe: lautstark. 05/2023 | Belastungen reduzieren: Weil zu viel zu viel ist
  • Autor*in: Sherin Krüger
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Marion Vittinghoff

(Foto links) ist Personalrätin der GEW NRW und freigestellte Schulsozialarbeiterin.

„Alarm, Alarm! Sie müssen sofort helfen!“ Hier brennt es zwar nicht im wörtlichen Sinn, aber diese Aufforderung kennen viele Schulsozialarbeiter*innen in NRW nur allzu gut. Dabei liegt die Hauptaufgabe der Schulsozialarbeit in der Prävention. „Weil die Kolleg*innen aber ständig eine Feuerwehrfunktion übernehmen, bleibt zu wenig Zeit für echte Beziehungsarbeit“, weiß Schulsozialarbeiterin und Personalrätin Marion Vittinghoff. Sie ist seit 2020 freigestellt, bleibt aber durch ihre Beratung und als Teilnehmerin in Arbeitskreisen immer nah am Geschehen: „Die Aufgaben haben sich durch die anhaltenden Krisen stark verändert“, benennt sie die aktuelle Lage.

Krisen erhöhen Arbeitsaufkommen in der Schulsozialarbeit

„In den vergangenen beiden Jahren haben im Bezirk Düsseldorf allein an den Hauptschulen sieben erfahrene Schulsozialarbeiter*innen aufgehört – von denen ich weiß! Das habe ich zuvor noch nicht erlebt“, erzählt Marion Vittinghoff. Die Corona-Pandemie, der Lehrkräftemangel, die erhöhte Gewaltbereitschaft – das sind nur drei von vielen Gründen, die zu Überlastung an Schulen führen. „Wir erleben, wie Lehrkräfte teils massiv überfordert sind. Das schlägt sich ungewollt im Arbeitsklima und im Umgangston nieder und führt zu Problemlagen, die das Arbeitsaufkommen in der Schulsozialarbeit erhöhen.“
Schulsozialarbeiter*innen sind beim Land, bei der Kommune oder bei freien Trägern angestellt. Sie finden unterschiedliche Arbeitsbedingungen vor und werden nicht gleich bezahlt. Hauptschulen erhalten für Schulsozialarbeit noch Mehrbedarfsstellen, während andere Schulformen eine Lehrkräftestelle umwandeln müssen.

„Das fällt momentan nicht allzu sehr ins Gewicht, da viele Lehrer*innenstellen sowieso leer bleiben.“ Und die können mit anderen Professionen besetzt und bei Bedarf auch für Vertretungsunterricht eingesetzt werden. Oder etwa nicht? „Der Erlass untersagt das konkret. Doch in der Not möchte man sich ja gegenseitig beistehen, wenn es gut läuft im Kollegium.“ Also springen Schulsozialarbeiter*innen auch mal dort ein, wo sie nicht zuständig sind. Springen zu können ist in ihrem Job sowieso Bedingung: von Raum zu Raum, von Notfall zu Notfall; früher sogar zwischen mehreren Schulen. Heute werden Schulsozialarbeiter*innen an maximal zwei Schulen eingesetzt. Manche können aber immer noch nicht mehr als Sprechstunden an Schulen anbieten, weil ihnen zu wenig Zeit zur Verfügung gestellt wird.

Echte Multiprofessionalität

Dabei möchten die Kolleg*innen nur eins: unterstützen! Die Familien und das Kollegium als gleichwertiges Teammitglied. Wenn es dann von der Dienststelle heißt „für Lehrkräfte und sonstiges Personal“, also Wertschätzung fehlt, wenn es keine Entwicklungsmöglichkeiten gibt und keine eigene Fachaufsicht, die auch selbst vom Fach ist, wächst die Frustration. Marion Vittinghoff wünscht sich mehr Respekt für die Arbeit der Kolleg*innen, Aufstiegschancen, Budgets für eigene Projekte, Zeit und Ruhe für Besprechungen und Austausch. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist echte Multiprofessionalität auf Augenhöhe bis in die Führungsebene.

 

Thomas Ridder-Padberg

(Foto rechts) ist Personalrat der GEW NRW und Sozialpädagoge.

Seit dem Schuljahr 2023/2024 sind etwa 3.000 sozialpädagogische Fachkräfte in der Schuleingangsphase an den Grundschulen in NRW angestellt – fast alle unbefristet. Ein Grund zur Freude? Auf jeden Fall! Und ein Grund mehr, nicht nachzulassen und den Kolleg*innen die Wertschätzung, Weiterbildung und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, die sie für ihren Job brauchen – das meint auch Thomas Ridder-Padberg, der seit 31 Jahren im Geschäft ist. „An jeder Grundschule eine Sozialpädagog*in, das ist eine ganz alte Forderung der GEW NRW, die lange Zeit belächelt wurde. Heute ist unsere Profession aus der Primarstufe nicht mehr wegzudenken“, ist er sich sicher.

Was ihre Aufgaben betrifft, orientieren sich seine Kolleg*innen am entsprechenden Erlass von 2018 und studieren den Handlungsrahmen von 2012. „Die Inhalte sind auf der einen Seite ziemlich überholt. Auf der anderen Seite übernehmen die Kolleg*innen ohnehin eine Menge Aufgaben, die sie gar nicht ausführen sollten“, weiß Thomas Ridder-Padberg aus der Praxis und aus seiner Arbeit als Örtlicher Personalrat in Köln. „Der Lehrkräftemangel hinterlässt auch bei uns deutliche Spuren und von Schulbegleitung bis zum Vertretungsunterricht ist alles dabei.“

Die eigentlichen Aufgaben der sozialpädagogischen Fachkräfte in der Schuleingangsphase bestehen darin, den Übergang vom Elementar- zum Primarbereich zu gestalten sowie individuelle Fördermaßnahmen zu planen und durchzuführen. Sie beraten Eltern und übernehmen die Eingangsdiagnostik.

Sozialpädagog*innen sind eine wichtige Säule innerhalb der Grundschularbeit

Chancengleichheit von Grundschüler*innen können nur multiprofessionelle Teams schaffen. „Durch steigende Kinderarmut und nach der langen pandemischen Zeit sind diese Kolleg*innen besonders wichtig an den Schulen, weil sie nicht den Druck haben, Lehrpläne einzuhalten, Klassenarbeiten zu schreiben und alles in eine Note fürs Zeugnis zu packen. Sie sind ein essenzieller Baustein für die Entwicklung der Kinder und bei der Beratung der Eltern“, erzählt Thomas Ridder-Padberg weiter. Übungen für Konzentration, Ausdauer und Motorik sowie die Sprachförderung müssen unbedingt mehr Gewicht bekommen.

Die 3.000 Stellen dürfen nicht dazu dienen, die Stundentafel abzudecken – das untersagt der Erlass eindeutig. Aber allzu häufig werden Sozialpädagog*innen für Vertretungsunterricht oder sonderpädagogische Aufgaben eingesetzt. Letzteres wurde sogar offiziell vom Ministerium für Schule und Bildung formuliert: „Das ist absurd, denn weder die langjährigen Kolleg*innen sind dafür ausgebildet noch diejenigen, die frisch von der Hochschule kommen“, weiß Thomas Ridder-Padberg. Das Studium sieht diese Inhalte nicht vor und das Land hat zwar in wenigen Jahren knapp 2.500 neue Stellen geschaffen, aber die Fortbildung der Kolleg*innen zunächst vergessen.

Gelingensbedingungen für eine zeitgemäße und kindgerechte Grundschule

Was die Politik zudem übersehen hat: die Bezahlung der Sozialpädagog*innen anzupassen! Seit 2018 stecken sie im Tarifvertrag der Länder in Entgeltgruppe 10 fest. Aufstiegschancen bieten sich den Kolleg*innen keine. „Dabei brauchen wir diese Fachkräfte gerade in der Grundschule und sie haben eine gleiche Bezahlung verdient. Ansonsten kehren sie dem Schuldienst den Rücken und suchen sich eine Anstellung, mit der sie mehr Geld verdienen können“, erfährt Thomas Ridder-Padberg hin und wieder in seinen Beratungen.

„Wir brauchen jetzt Gelingensbedingungen für eine zeitgemäße und kindgerechte Grundschule und die Sozialpädagogik ist bereit, ihren Beitrag zu leisten: Kinder brauchen Motivation für die Schule und sie muss ein Ort sein, an dem sie sich wohl fühlen. Soziales Lernen gehört deshalb für mich in den Stundenplan und unsere Basisarbeit braucht mehr Zeit!“