lautstark. 14.04.2022

Sozialindex: Schulen brauchen Transparenz

ChancengleichheitBildungsfinanzierungSozialpädagogikSonderpädagogikInklusionMPT – Fachkräfte im multiprofessionellen Team

Landesregierung muss nachbessern

Zu Beginn des Schuljahres 2021 / 2022 hat die Landesregierung den schulscharfen Sozialindex eingeführt. Damit wird deutlich: Es muss dringend nachgebessert werden, damit die Forderung, Ungleiches ungleich zu behandeln, Realität wird. Im Interview gibt Schulleiter Achim Fischer Einblick in die bisherige Umsetzung des Sozialindexes und benennt die Mängel.

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  • Ausgabe: lautstark. 02/2022 | Mehr für Bildung: Deine Stimme zählt
  • im Interview: Achim Fischer
  • Funktion: Schulleiter und Landessprecher der Schulleitervereinigung der Gesamtschulen NRW
  • Interview von: Simone Theyßen-Speich
  • Funktion: Diplom-Journalistin
Min.

Zu Beginn des laufenden Schuljahres hat die Landesregierung den schul-scharfen Sozialindex eingeführt. Was versteht man darunter?

Achim Fischer: Der Sozialindex ist ja eine alte Forderung der Bildungsverbände und Gewerkschaften. Es ist schon lange unser Ziel, Ungleiches auch ungleich zu behandeln. Beim Sozialindex geht es im Wesentlichen um die zusätzliche Zuweisung von Personal an Schulen. Dafür liegen beim Sozialindex vier Faktoren bezogen auf die Schüler*innenschaft zugrunde: Inklusion, Zuzüge aus dem Ausland, Sprachförderbedarf und der Anteil von Kindern, deren Familien Sozialleistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch erhalten.

Wie werden diese Faktoren konkret berücksichtigt?

Achim Fischer: Man muss für die Steuerung von Ressourcen natürlich die konkrete Situation vor Ort abbilden. Man kann also nicht nur nach den Schüler*innenzahlen gehen, sondern muss schauen, ob beispielsweise Förderschüler*innen darunter sind. Die Frage nach dem sozialen Stand der Schüler*innen ist die mit Abstand unschärfste Größe, weil man sie an der Schule aus Datenschutzgründen nicht konkret erheben kann. Auch die Sozialämter haben ihre Leistungsbemessung umgestellt. Sie zahlen den Familien beispielsweise Geld für Klassenfahrten direkt aus, das dann nicht mehr über die Schulen läuft. All das erschwert die exakte Berücksichtigung der Faktoren. Der Sozialindex ist gut gedacht – aber man hätte es besser machen können.

Wie wird denn der Faktor der sozialen Herkunft einberechnet?

Achim Fischer: Man geht davon aus, dass sich Kinder aus Grundschulen in den umliegenden weiterführenden Schulen gleichmäßig abbilden. Es gibt aber einen Creaming-Effekt. Das heißt, dass die reale Verteilung anders ist. Kinder aus bildungsnahen Familien gehen nach wie vor eher ans Gymnasium. Eine saubere Erhebung ist damit nur schwer möglich.

Wie ist die konkrete Abstufung beim Sozialindex?

Achim Fischer: Aus den ehemals fünf Standorttypen hat man jetzt neun Sozialindexstufen gemacht. Rein rechnerisch wären in jeder Stufe 11 Prozent der Schulen, tatsächlich sind die meisten Schulen aber in den Stufen 3 und 4. Schulen in Stufe 9, wo tatsächlich fast alle Kinder inklusiv, mit Migrationshintergrund und Sprachförderbedarf sowie aus sozial schwachen Familien sind, gibt es zum Glück kaum. Aber schon bei 30 bis 40 Prozent Anteil von Kindern mit diesen Faktoren bräuchte man mehr Personal. Das greift derzeit zu spät.

Was ist Ihre konkrete Kritik am Sozialindex in der momentanen Ausführung?

Achim Fischer: Für Schulen ist nicht transparent und damit nicht nachvollziehbar, warum sie im Sozialindex sind. Das Ministerium teilt das ein. Die Schulen wissen beispielsweise nicht, welche Kinder Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch bekommen. Es gab zwar die Aussage des Staatssekretärs, keine Schule soll hinterher weniger Personal haben als vorher. Tatsächlich gibt es solche Fälle aber, besonders bei Schulen an schwierigen Standorten. Das wurde dann im Nachhinein händisch finanziell ausgeglichen, sodass die Schulen faktisch nicht weniger bekommen als früher.

Durch diese Nachsteuerung bildet der Sozialindex den Bedarf nach Lehrkräften aber in etlichen Systemen nicht wirklich ab. Auf Nachfrage der betroffenen Schulen gab es die Antwort, die Schulen hätten die Statistik in Bezug auf Migration und Sprachförderbedarf falsch geführt. Das macht Transparenz sehr schwierig. Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Schüler*innenstruktur innerhalb einer Schule. In den Oberstufen der Gesamtschulen hat man beispielsweise eine andere Klientel als in der Sekundarstufe I. Deshalb lautet unsere Forderung, den Sozialindex für die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II gesondert zu berechnen. Das Schulministerium geht aber von einer Langzeitschulform von Klasse 5 bis zum Abitur aus.

Zusammengefasst gibt es also Probleme bei der Erhebung, der Transparenz und der Abbildung der finanziellen Differenzen. Den Anteil in der Schüler*innenschaft, der Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch erhält, müsste man als Hauptberechnungsfaktor beispielsweise adäquater abbilden.

Wie wirkt sich der Sozialindex auf die Stellen in der Schule aus, auch konkret an Ihrer Schule?

Achim Fischer: Bei der Neuberechnung wurden zunächst die Gelder für Sprachförderung, Schulsozialarbeit oder multiprofessionelle Teams gestrichen, um diesen Personalbedarf nach dem Sozialindex neu festzulegen. Aber einige Ressourcen werden beispielsweise pro Kind vergeben, statt sie in einen Gesamttopf einfließen zu lassen. So wird beispielsweise bei uns ein*e Integrationshelfer*in nach Hause geschickt und auch nicht bezahlt, wenn „sein“ oder „ihr“ Inklusionskind krank ist. Da würden wir uns eine Pool-Lösung vorstellen. Unsere Gesamtschule, die in Stufe 3 des Sozialindexes eingestuft wurde, hat aber keine personellen Veränderungen durch die Umstellung. 

Ist nur die Verteilung ein Problem, oder ist zu wenig Geld im System?

Achim Fischer: Der Kuchen ist insgesamt zu klein. Man müsste da zusätzliche Ressourcen reinstecken. Eigentlich müsste ab der Sozialindexstufe 4 schon zusätzliches Personal finanziert werden. Derzeit gibt es aber erst ab Stufe 6 Zuschläge – gestaffelt fünf Prozent mehr pro Stufe. Die große Masse der Schulen ist aber in den Stufen 3 und 4 eingestuft, profitiert also gar nicht von den Zuschlägen.

Und auch da, wo Geld für zusätzliche Stellen bewilligt wird, gibt es ein Problem. Denn Stellen unterrichten nicht. Man hat zwar den Anspruch, kann aber aufgrund des Mangels an Lehrer*innen, Sonderpädagog*innen und Sozialarbeiter*innen die Stellen oft nicht besetzen. Und die Kolleg*innen, die verfügbar sind, gehen, wenn sie die Wahl haben, auch nicht unbedingt an die Schule im sozialen Brennpunkt, weil entsprechende Anreizsysteme fehlen. Zusammengefasst kann man den Sozialindex nicht als „Riesenfehler“ bezeichnen, aber an unterschiedlichen Stellen entstehen Löcher, unglücklicherweise genau da, wo man bemüht war, zu kompensieren.