lautstark. 19.08.2020

Rassismus auch Thema in Schule

AntidiskriminierungAntirassismus

Rassismuskritik als Professionskompetenz von Lehrkräften

Sprechverbote für bestimmte Sprachen, rassistische Beleidigungen oder die Reproduktion von Rassismus im Unterricht. Rassismus in der Schule hat viele Gesichter. Prof. Dr. Karim Fereidooni fordert deshalb, Rassismuskritik als Professionskompetenz von Lehrkräften zu betrachten.

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  • Ausgabe: lautstark. 05/2020 | Mehr Profis für gute Bildung
  • Autor*in: David Peters
  • Funktion: freier Journalist
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Hakan Yilmaz* unterrichtet als HSU-Lehrkraft an Grund- und Gemeinschaftsschulen. „HSU“ steht für herkunftssprachlichen Unterricht und ist ein zusätzliches Angebot des Landes Nordrhein-Westfalen zur Förderung von Sprachenvielfalt und Wertschätzung der Mehrsprachigkeit. Umso erstaunlicher ist ein Fall, den der Lehrer im ersten Jahr seiner Tätigkeit erlebte: Eine Schülerin hatte ihn während einer Pause auf Türkisch gefragt, ob er ihr einen Klassenraum aufschließen könne.

Er antwortete selbstverständlich auf Türkisch. Das beobachtete ein Mitglied der Schulleitung und wies darauf hin, dass „hier Deutsch gesprochen werde“. Für Hakan Yilmaz eine schockierende Situation: „In der Schule wird angeboten, dass die Kinder Türkisch lernen, aber auf der anderen Seite wird verboten, dass sie es auch sprechen.“ Die Schulleitung habe ihm darauf keine befriedigende Antwort geliefert, so der Lehrer. Für dieses Handeln gebe es laut ihm aber auch keine pädagogische Erklärung.

*Name geändert

Sprachen ohne „Bildungswert“

Für Dr. Karim Fereidooni ist das kein Einzelfall. Der Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum hat zu Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar*innen und Lehrer*innen ,mit Migrationshintergrund‘ im deutschen Schulwesen promoviert. Im Rahmen der Dissertation hörte er von einem Fall, bei dem sich zwei Lehrkräfte im Lehrer*innenzimmer in einer nicht deutschen Sprache unterhielten. Eine hinzukommende Lehrkraft wollte dies unterbinden. Eine der angesprochenen Lehrkräfte wies darauf hin, dass auch Spanischlehrkräfte sich regelmäßig auf Spanisch unterhalten würden.

Als Erwiderung bekam sie zu hören: „Spanisch ist doch was anderes.“ Für Karim Fereidooni ist klar, dass es nicht darum geht, dass eine nicht deutsche Sprache gesprochen wird, sondern welche. Sprachen wie Türkisch, Russisch, Farsi oder Arabisch würden in den Augen vieler Lehrkräfte keinen Bildungswert besitzen. Deswegen fordern sie, dass Schüler*innen und andere Lehrkräfte diese Sprachen in der Schule nicht sprechen. Der Forscher bezeichnet dieses Verhalten als Neolinguizismus: „Das ist eine Form von sprachlichem Rassismus und besagt, dass nicht alle nicht deutschen Sprachen in der Schule abgelehnt werden, sondern eben nur bestimmte, die keine Verwertung finden.“

Rassismus im Schulbuch

Neben dem Neolinguizismus gibt es an Schulen auch direkte Formen von Rassismus, wenn zum Beispiel arabischstämmige Lehrkräfte als „Kameltreiber*innen“ bezeichnet werden. Laut Karim Fereidooni seien direkte Formen von Rassismus von Schüler*innen gegenüber Lehrkräften sehr selten: „Was es aber häufig gibt, sind Kolleg*innen und Vorgesetzte, die diskriminieren. Diese können im Gegensatz zu Schüler*innen auf Augenhöhe agieren oder besitzen sogar mehr Macht als die betroffene Person.“

Rassismuskritik als Teil der Profession

Rassismus richtet sich nicht nur gegen Lehrkräfte, sondern kann auch unbewusst Teil des Unterrichts sein. Immer wieder stehen Lehrbücher und andere Unterrichtsmaterialien in der Kritik, weil sie Rassismus reproduzieren. Zusammen mit Nina Simon gibt der Juniorprofessor deshalb einen Sammelband zu Rassismuskritischen Fachdidaktiken heraus. Dort haben sie sich mit 15 unterschiedlichen Fächern und der Frage, was eigentlich das Rassismusrelevante in den Fächern sei, befasst.

„Wenn sich Lehrkräfte damit beschäftigen, dann sehen sie Dinge, die sie vorher nicht wahrgenommen haben – die aber vorher auch da waren und nicht thematisiert wurden“, erklärt Karim Fereidooni. Er fordert deshalb auch, dass Rassismuskritik als Professionskompetenz von Lehrkräften betrachtet wird: „Genauso wie Lehrkräfte in der Lage sein sollten, den Schüler*innen grammatikalische oder mathematische Strukturen beizubringen, sollten sie in der Lage sein, über Rassismus zu sprechen.“