lautstark. 07.12.2021

Präsenzsemester: Forschen in der Pandemie

CoronaWissenschaft und ForschungHochschullehre

Stabile Forschungskooperationen brauchen persönliche Begegnungen

Monika Wehrheim ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Romanistik / Iberoromanische Literatur und Kulturwissenschaften sowie Geschäftsführerin des Interdisziplinären Lateinamerikazentrums (ILZ) der Universität Bonn. Ihre regelmäßigen Forschungsreisen nach Lateinamerika mussten während der Pandemie ausfallen und sie freut sich darauf, wenn auch solche internationalen Begegnungen wieder möglich sind.

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  • Ausgabe: lautstark. 07/2021 | Bildung, Religion, Politik: Eine Frage des Glaubens?
  • im Interview: Monika Wehrheim
  • Funktion: Geschäftsführerin des Interdisziplinären Lateinamerikazentrums der Universität Bonn
  • Interview von: Annette Etges
  • Funktion: freie Fotografin
Min.

Wie erlebst du die Rückkehr zum Präsenzunterricht an deiner Hochschule?

Monika Wehrheim: Ich habe mich sehr auf die Rückkehr zum Präsenzunterricht gefreut, weil ich die drei Onlinesemester, die ich hinter mir habe, als Lehrende am Ende wirklich nicht mehr vertretbar fand – und zwar mit Blick auf die Studierenden. Sie haben sich zunehmend geistig abgemeldet, saßen zwar in den Veranstaltungen, aber reagierten kaum noch. Es kamen keine Diskussionen mehr zustande, es kamen keine Rückfragen mehr. Die Studierenden waren hinter schwarzen Kacheln abgetaucht. Das war am Anfang anders, aber nach drei Semestern war die Luft raus. Zu Beginn des Wintersemesters durften wir als Lehrende individuell entscheiden, ob wir in die Präsenz zurückkehren wollen oder nicht. Für mich war sehr schnell klar: Ich mache das, weil vor allem die Erstsemester nicht dauernd für sich allein lernen können. 

Meinen großen Einführungskurs habe ich zweigeteilt: einmal in Präsenz, einmal digital. Und obwohl die Plätze im Präsenzkurs für alle Teilnehmer*innen ausreichen, hat sich über die Hälfte der Studierenden für den Onlinekurs entschieden. Viele von ihnen haben mir zurückgemeldet, dass der Wechsel zwischen Präsenz- und Onlineveranstaltungen, das Pendeln zwischen zuhause und Uni teils nicht pünktlich zu schaffen ist. Wir haben hier zwar Räume, in die sich Studierende für Onlineveranstaltungen setzen können, aber die sind oft ungemütlich und laut. Da bleiben viele lieber zuhause.

Wie werden die Hygieneregeln im Präsenzbetrieb umgesetzt? 

Monika Wehrheim: Ich habe wenig Sorgen, was die Infektionslage angeht. Von Anfang an wurden an der Universität Bonn sehr gewissenhaft 3G-Kontrollen durchgeführt. Die Hörsäle, in denen meine Veranstaltungen stattfinden, sind groß. Ich lüfte vorher und nachher, die Studierenden sitzen nicht eng beieinander, ich sitze nicht nah bei ihnen. Das Risiko sich anzustecken, dürfte deutlich geringer sein als abends im Restaurant oder in der U-Bahn. Insgesamt ist es auf dem Campus nicht so voll, es gibt kein Gewusel und Gedränge auf den Gängen wie in früheren Jahren – wahrscheinlich weil auch noch viel online passiert. 

Würdest du dir wünschen, dass es trotz Präsenz noch weiter ein Online-Angebot gibt?

Monika Wehrheim: Erst einmal: Ich finde Präsenz wichtig für die Studierenden. Das wäre sonst kein Studium. Wir sind keine Fernuni, sondern eine Präsenzuni. Hybridformate aus Präsenz- und Onlinelehre können für ausgewählte Veranstaltungen aber auch in Zukunft sinnvoll sein. Ich biete zum Beispiel zusammen mit einer Kollegin aus der Altamerikanistik eine interdisziplinäre Ringvorlesung an, in der es um Nachhaltigkeitskonzepte in Lateinamerika geht. An dieser Art von Vorlesungen nehmen in der Regel gut 100 Studierenden teil, das geht derzeit natürlich nur online. Aber selbst wenn hier irgendwann wieder Präsenz möglich ist, möchte ich ab und zu ins Onlineformat switchen. So können wir zukünftig weiterhin lateinamerikanische Wissenschaftler*innen einbinden. Das sind Vorträge, die wir sonst nicht bekommen würden. 

Während der Pandemie haben wir unsere Erfahrungen mit digitalen Formaten gemacht und können damit inzwischen gut umgehen und sie jetzt gezielt einsetzen, wenn es ein inhaltlicher Gewinn ist. In diesem Bereich hat sich durch Corona für mich tatsächlich etwas Neues aufgetan.

Wie kannst du unter den aktuellen Bedingungen arbeiten?

Monika Wehrheim: Das funktioniert gut. Ich biete aktuell alle Formate an: reine Präsenzveranstaltungen, rein digitale Formate und auch Hybridformate. Das funktioniert tatsächlich erstaunlich gut. Ich bin jetzt auch wieder vor Ort in meinem Büro. Ich habe ein Büro für mich allein, das ist natürlich auch Luxus. 

Bist du zufrieden oder empfindest du eher zusätzliche Belastung aufgrund von Corona? Gibt es Unterschiede zwischen Mittelbau und Professor*innen?

Monika Wehrheim: Am Anfang war es natürlich eine große Belastung, weil man das ganze Konzept der Lehrveranstaltungen umgestalten musste. Was ich in der rein digitalen Phase anstrengend fand: Ich habe ohne Ende Mails von Studierenden bekommen mit Nachfragen, die sie normalerweise im Austausch miteinander klären. Wann findet die Veranstaltung statt? Wie ist die Feiertagsregelung? Wie sind die Prüfungsverfahren? Das erklärt man normalerweise ein, zwei Mal – aber nicht wöchentlich in einzelnen Mails. All diese Fragen landeten bei mir. Da ist mir erst bewusst geworden, wie wichtig der unmittelbare Austausch unter Studierenden ist. 

Unterschiede zwischen den Beschäftigtengruppen habe ich in unserem Institut nicht gesehen. In der Romanistik wurde die Krise nicht auf unseren Mittelbau abgewälzt. In Digitalveranstaltungen hat sich jede*r für sich selbst eingearbeitet, eigene digitale Formate entwickelt und bedient, wobei wir in der Umstellungsphase ins Digitale zum Glück von universitären IT-Tutor*innen unterstützt wurden. Und auch jetzt machen alle gleichermaßen Präsenz- und Onlinelehre – egal ob Mittelbau oder Professor*innen. An unserem Institut und auch an der Uni allgemein bieten etwa 60 Prozent der Lehrenden Präsenzveranstaltungen und 40 Prozent digitale Formate an. 

Hat Corona dein berufliches Fortkommen im wissenschaftlichen Betreib beeinflusst?

Monika Wehrheim: Da gerade alle Kongresse digital stattfinden, fehlt das Kennenlernen, die Gespräche in den Kaffeepausen, das Vernetzen. Das funktioniert digital nicht.
Und Forschungsreisen sind gerade kaum machbar. Ich war vor der Pandemie regelmäßig in Lateinamerika – das fällt dieses Jahr auch auf jeden Fall aus. Ich versuche, die Kontakte dorthin über Zoom und über Mails zu halten, aber die persönlichen Begegnungen sind wichtig, um Forschungskooperationen stabil zu halten.