lautstark. 27.02.2020

Patenprojekt: Deutsch lernen im spielerischen Austausch

Solidarität unter Schülern

Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe an der Gesellschaft. Kindern mit Migrationshintergrund wird das oft verwehrt. Das Projekt Sprache verbindet Essen baut eine Brücke zwischen dem Norden und dem Süden der Stadt und bringt Gymnasiast*innen als Mentor*innen ungezwungen mit Grundschüler*innen zusammen, die Probleme mit der deutschen Sprache haben.

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  • Ausgabe: lautstark. 02/2020 | Zusammenhalt macht stark
  • Autor*in: Iris Müller
  • Funktion: freie Journalistin
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Wer zuletzt Schokolade gegessen hat, fängt an. So steht es in der Spielanleitung von der Schokohexe. Dalin kennt das Spiel. Die Achtjährige erklärt, dass man Zutaten sammeln muss, die auf Karten abgebildet sind, um einen Spiel-Kuchen zu backen. Sie hat sich an diesem Freitagnachmittag mit der 14-jährigen Greta Raulf in der Stadtteilbibliothek in Essen-Frohnhausen getroffen. Und das nicht zufällig. Die beiden nehmen an dem Projekt Sprache verbindet Essen teil. Ziel ist es, Kindern, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, zu helfen. „Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe an der Gesellschaft“, erklärt Projektkoordinatorin Eileen Koch. Wer in Deutschland zur Schule geht und nicht gut deutsch spricht, werde teilweise ausgegrenzt, habe Schwierigkeiten in der Schule, das führe dazu, dass diese Schüler*innen unter Umständen keinen guten Abschluss machen und schließlich auch keinen Ausbildungsplatz bekommen oder nicht in dem Beruf arbeiten können, in dem sie gerne arbeiten würden.

Die Eltern von Dalin sind vor gut zehn Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Bei der Familie zu Hause wird kurdisch gesprochen. „Das möchte ich auch“, erklärt Dalins Vater. Ihm ist es wichtig, dass seine Kinder sowohl die Muttersprache sprechen als auch die Sprache des Landes, in dem sie jetzt leben. Da er selbst aber noch dazulernt, ist er dankbar, dass Dalin Hilfe bekommt und diese gerne annimmt. „Sie freut sich immer total auf die Treffen und ich merke, wie ihr Wortschatz immer weiter wächst“, erzählt der 34-Jährige.

Förderung so früh wie möglich

Genau das war das Ziel von Dr. Shabnam Fahimi-Weber, als sie 2015 den Verein gründete. Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin hat sowohl eine Praxis im Essener Norden als auch im Süden. Sie erlebte in ihrer täglichen Arbeit, dass nahezu ausschließlich Kinder aus dem Essener Norden, häufig aus sozial benachteiligten Familien, sprachliche Defizite haben. Im Jahr 2015 startete sie daher das Projekt Sprache verbindet Essen, um an der Stelle zu helfen, wo Schulen mit den Deutschkenntnissen der Schüler*innen unzufrieden sind, eine individuelle Förderung aber nicht gewährleisten können. Die Kinder sollen so früh wie möglich gefördert werden, damit ihnen alle Türen offen stehen und Chancen ermöglicht werden.

Der Verein Sprache verbindet e.V. arbeitet mittlerweile mit sechs Grundschulen zusammen, allesamt aus dem Essener Norden. Wenn die Lehrkräfte dort merken, dass Kinder aufgrund der Sprache Schwierigkeiten haben, unabhängig in welcher Klassenstufe sie sind, kontaktieren sie den Verein, der dann zunächst für ein Jahr eine Patin oder einen Paten sucht. Das sind Oberstufenschüler*innen, die meistens aus dem Essener Süden kommen.

Die Treffen, zu denen Greta und Dalin und die anderen Pat*innen-Paare zusammenkommen, sollen explizit nicht wie eine Nachhilfestunde sein. „Man soll gerne Zeit miteinander verbringen“, erklärt Eileen Koch. Lernerfolge werden schließlich nachgewiesenermaßen besser, wenn die Beziehung zum Vorbild gut ist. Und darum geht es. Greta ist für Dalin mehr eine Freundin als eine Lehrperson. Das Ganze soll komplett ohne Druck ablaufen. Man teilt Freizeitaktivitäten, bezieht die Kinder mit ein und quatscht. „Super ist, dass wir beide regelmäßig zum Tanzen gehen“, erzählt Greta. Da haben sie immer ein gutes Gesprächsthema. In der Schule gehe es oft um Bewertungen, das sei hier ganz anders.

Gymnasiastin profitiert von Treffen

Während die beiden Schokohexe spielen, reden sie ganz selbstverständlich darüber, was Dalin heute schon gegessen hat und was in der Schule auf dem Teller landet. Meistens spielen oder lesen die beiden, wobei mittlerweile Dalin oft diejenige ist, die sich das Buch schnappt und ihrer Mentorin vorliest. So nimmt Greta ihr spielerisch die Angst davor, deutsch zu sprechen und Dalin wird deutlich selbstbewusster. Seit Oktober verbringen die beiden einmal in der Woche eine Stunde Zeit miteinander. „Mir macht es Spaß und ich lerne so, wie man mit Kindern umgeht“, erklärt Greta, die meistens direkt zu Dalins Schule kommt. So ist die Hürde für das Grundschulkind klein, für die Eltern ist es unkompliziert. Greta muss hingegen quer durch die Stadt fahren, um Dalin zu treffen. „Das ist es mir wert“, erklärt die Neuntklässlerin. „Ich mag Dalin und ich profitiere auch von den Treffen.“

Es geht nämlich nicht nur darum, dass die jüngeren Kinder ihre Sprachkenntnisse verbessern, sondern die Gymnasiast*innen lernen gleichzeitig, was Solidarität bedeutet, sie bringen sich ein, lernen hilfsbereit zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Manchmal kommt es vor, dass die Jugendlichen nach dem ersten Treffen feststellen, dass der zeitliche Aufwand zu groß oder diese Aufgabe zu schwierig ist. Dann sucht das Team neue Pat*innen. Bei dieser Entscheidung stehen den Jugendlichen ehrenamtliche Koordinator*innen zur Seite. Sie sind bei dem ersten Treffen dabei, erklären den Jugendlichen, wie sie das Treffen gestalten sollen, begleiten sie während der gesamten Patenschaft und evaluieren die Ergebnisse der Treffen durch regelmäßige Feedback-Fragen.

„Die Oberstufenschüler*innen lernen ihre eigene Stadt anders kennen, kommen aus ihrer Blase raus und können Vorurteile abbauen“, zählt Eileen Koch weitere Vorteile für die Gymnasiast*innen auf. Die 25-Jährige betreut die Pat*innen-Paare und hat als Ansprechpartnerin ein offenes Ohr. Außerdem hält sie den Kontakt zu Schulen und stellt das Programm überall vor. Was mit zwei Paaren anfing, ist mittlerweile auf gut 50 angewachsen, 100 sollen es in diesem Jahr werden. Das bringt viel Verwaltungsarbeit für das derzeit fünfköpfige Team des Vereins mit. Schließlich wird mithilfe von Evaluationsbögen, die am Anfang, zur Halbzeit und am Ende ausgefüllt werden, auch der Erfolg gemessen.

Nachwuchs steht bereit

Die Gymnasiast*innen sollen zudem noch besser geschult werden. Der Anfang wurde im Januar mit einem Workshop gemacht, weitere sollen folgen. „Dabei kann es um methodische Aspekte gehen, also welche Aktionen führt man mit dem Patenkind wie durch, aber auch um Themen wie Solidarität, Chancenungleichheit oder Probleme im Ablauf“, sagt Eileen Koch. Sie ist immer auf der Suche nach Gymnasiast*innen, die an dem Projekt teilnehmen wollen. Manche hätten tatsächlich einfach Spaß an der Sache, für andere sei das Zertifikat, das der Verein nach einem Jahr ausstellt, ein Anreiz. „Ehrenamtliches Engagement macht sich gut im Lebenslauf“, weiß Eileen Koch. Zudem bekommen die Schüler*innen eine Aufwandsentschädigung von acht Euro pro Treffen. Die soll das Fahrgeld beinhalten oder auch Freizeitaktivitäten mit den Patenkindern finanzieren – Zoobesuche oder Eis essen beispielsweise. Finanziert wird Sprache verbindet Essen über Spenden und Fördergelder.

Dalin hat in der Zwischenzeit ihre Zutaten für den Schokokuchen beisammen und das Spiel ist beendet. Das Treffen ist vorbei und Dalin geht mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder wieder nach Hause. Der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern. Wenn Dalin im nächsten Jahr auf die weiterführende Schule wechselt, endet für sie das Programm. Doch wenn es nach Dalins Vater geht, soll der jüngere Bruder dann bei Sprache verbindet Essen in ihre Fußstapfen treten.


Iris Müller
freie Journalistin

Fotos: Michael Schwarze