

Warum ist die Arbeit im multiprofessionellen Team (MPT) aus Ihrer Sicht wichtig? Und wie setzt sich an Ihrer Schule ein solches Team zusammen?
Julia Gajewski: Schulen insgesamt und im Speziellen Schulen in Brennpunkten – also Standorttyp 5 wie die Schule, an der ich Schulleiterin bin, müssen vielfache Herausforderungen meistern: Wir begleiten überwiegend Kinder, die in bildungsfernen und/oder äußerst prekären Verhältnissen groß werden. Weitere Herausforderungen entstehen durch Inklusion, Integration, Beschulung von Kindern mit Migrationshintergrund, von Geflüchteten und von abgeschulten Schüler*innen aus Gymnasien und Realschulen. Jedes einzelne Kind benötigt eine umfangreiche individuelle Betreuung im Bereich der Empathie-Erziehung, der Erziehung zu sozialem Verständnis und sozialem Handeln. Zudem werden sie im Bereich der Sprachbildung sowie in der frühzeitigen Berufsorientierung unterstützt und erhalten Hilfen für ihre Persönlichkeitsentwicklung. All das ist wichtig, um den Kindern gesellschaftliche Teilhabe überhaupt zu ermöglichen.
Ich glaube, es ist nachvollziehbar, dass die Gefahr einer mehrfachen Benachteiligung aller Kinder an diesen Schulstandorten wächst – kognitive und soziale Erfolge geraten in die Abhängigkeit vom Standort der Schule. Für die sich daraus ergebenden höchst unterschiedlichen Aufgaben benötigen wir Unterstützung aus verschiedenen Professionen, weshalb die Arbeit in multiprofessionellen Teams unerlässlich ist.
Unser MPT-Team besteht aus drei Sozialarbeiter*innen und einer Sozialwissenschaftlerin. Alle sind im Gemeinsamen Lernen eingesetzt.
Das Ministerium gibt kein einheitliches Konzept für die Gestaltung der Zusammenarbeit der Fach- und Lehrkräfte vor. Wie arbeiten an Ihrer Schule Lehrkräfte und MPT-Kräfte konkret zusammen und wie gestaltet sich der Austausch zwischen den Professionen?
Julia Gajewski: Die MPT-Kolleg*innen stehen in einem engen Austausch miteinander sowie mit dem lehrenden Personal. Es gibt festgelegte Teamzeiten für die verschiedenen Professionen untereinander sowie mit Klassenlehrer*innen und Abteilungsleiter*innen. Zudem ist eine Sozialpädagogin Mitglied des Lehrerrates, zwei weitere in der Steuergruppe und ein Sozialpädagoge Mitglied der Schulkonferenz. Allerdings wird hier auch deutlich, wie viel Zeit für organisatorische Angelegenheiten aufgewendet werden muss – was übrigens für alle Professionen gilt, also auch für Lehrkräfte. Zu den konkreten Aufgaben: Unsere Sozialwissenschaftlerin kümmert sich unter anderem um die Kinder mit Unterstützungsbedarf und deren Berufsorientierung, und das in Zusammenarbeit mit den Sonderpädagog*innen und dem Team der Berufsorientierung. Unsere Sozialarbeiter*innen begleiten beispielsweise Klassen im Unterricht, mit dem Ziel, die Schüler*innen kennenzulernen und durch Rücksprache mit den Klassenlehrer*innen und den Sonderpädagog*innen individuell zu unterstützen.
Bei vielen Kindern mit einem emotional-sozialen Unterstützungsbedarf ist das Erlernen von sozialem Verhalten ein sehr wichtiger Aspekt für ein erfolgreiches Miteinander und daher auch für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Durch die Anwesenheit im Unterricht können die Sozialpädagog*innen schnell und direkt auf die Kinder eingehen, während die Klassenlehrer*innen sich um die anderen Kinder kümmern können.
Hakt es an irgendeiner Stelle in der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und MPT-Kräften an Ihrer Schule, bedingt durch die nicht vorhandene Arbeitsplatzbeschreibung beziehungsweise das nicht einheitliche Konzept des Ministeriums? Wenn ja: wo genau?
Julia Gajewski: Für meine Begriffe hakt es grundsätzlich beim Verständnis von Inklusion. Ich habe das Gefühl, dass unsere Sozialpädagog*innen dazu angehalten werden, sich ausschließlich um die Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf zu kümmern. Dauernd muss sichergestellt werden, dass sie dort auch wirklich eingesetzt werden. Wenn nun aber Schulen komplett im Gemeinsamen Lernen arbeiten, so ist das doch selbstverständlich. Zudem benötigen an unserem Standort alle Kinder und Jugendlichen eine zusätzliche Unterstützung, welche wir ihnen auch zukommen lassen. Auf eine Exklusion innerhalb der Inklusion wollen wir uns nicht einlassen.
Welche Rahmenbedingungen müsste die Politik schaffen, damit Ihr multiprofessionelles Team besser arbeiten kann beziehungsweise Schulen generell besser mit multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten können?
Julia Gajewski: Unerlässlich ist meiner Ansicht nach, dass als MPT-Kräfte eingestellte Professionen nicht anstelle von Sonderpädagog*innen eingestellt werden, sondern zusätzlich. Unerlässlich ist ebenso, dass hier gesteuerte Zuweisungen vom Land erfolgen müssen, damit die einzelne Schule nicht von Zufällen bei der Anstellung entsprechender Personen abhängig ist. Wir – und alle anderen Schulen an entsprechenden Standorten – benötigen eine*n Sonderpädagog*in und eine*n Sozialpädagog*in für je zwei Klassen, um den Kindern und Jugendlichen halbwegs gerecht zu werden. Mir ist die Situation bewusst, dass es einen Mangel an Sonderpädagog*innen gibt. Somit ist die Idee, entsprechende MPT-Stellen statt der nicht vorhandenen Sonderpädagog*innen auszuschreiben, in Ordnung, hilft aber nicht, um der allgemeinen Unterbesetzung zu begegnen.
Vertreter*innen der Landesregierung könnten sich außerdem die Expertise von Schulen an schwierigen und herausfordernden Standorten einholen. Dort sitzen die Expert*innen, die das Land beraten könnten und sollten. Zum Beispiel wäre es wichtig, dass das Land Arbeitsplatzbeschreibungen im Austausch mit den einzelnen Schulen erarbeitet, da die MPT-Kräfte derzeit abhängig vom Bedarf der jeweiligen Schule Aufgaben übernehmen beziehungsweise zugewiesen bekommen. Nicht zu vergessen ist außerdem eine angemessene Bezahlung.