lautstark. 24.04.2020

Gute Bildung braucht Respekt

Arbeits- und GesundheitsschutzBelastungCorona

Kommentar von Maike Finnern

Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig erziehende und unterrichtende Berufe sind. Deshalb verdienen die in diesen Bereichen tätigen Menschen besonderen Respekt, der ihnen auch nach der Krise gezollt werden muss, insbesondere durch eine angemessene Entlohnung und gute Arbeitsbedingungen, meint die Landesvorsitzende Maike Finnern.

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  • Ausgabe: lautstark. 03/2020 | Respekt ist Wertschätzung
  • Autor*in: Maike Finnern
  • Funktion: Vorsitzende der GEW NRW
Min.

In den letzten Wochen wurde Respekt großgeschrieben: Respekt vor den Menschen, die dafür sorgen, dass Kranke behandelt werden, die öffentliche Sicherheit garantiert bleibt, die Grundversorgung funktioniert, Notbetreuung in Kitas und Schulen ermöglicht sowie weiterhin Bildung vermittelt wird. So trifft man sich abends am Fenster, auf dem Balkon oder im Garten, um Beifall zu klatschen – als Ausdruck von Dankbarkeit und Respekt. Solche Gesten sind gut und wichtig für unsere Gesellschaft, weil sie Zeichen setzen. Allein dabei darf es aber nicht bleiben, wir brauchen sichtbare Veränderungen. Und so möchte ich mich den Worten von FC St. Paulis Technischem Direktor Ewald Lienen anschließen, der in einem Interview im März sagte: „Alle klatschen Beifall und sagen: ,Toll, was die da machen.‘ Ich möchte nicht Beifall klatschen. Ich möchte, dass diese Leute vernünftig bezahlt werden.“ Damit trifft er genau ins Schwarze: Denn Respekt ist Ausdruck von Anerkennung, Akzeptanz und Wertschätzung. Er kann durch Beifall zum Ausdruck gebracht werden. Wichtiger ist der Ausdruck von Respekt jedoch durch gerechte Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen.

Solidarität mit Geringgeschätzten

Die Corona-Krise offenbart auch die Diskrepanz zwischen der nun öffentlich bekundeten Anerkennung für pflegende, heilende, erziehende und unterrichtende – jetzt oft „systemrelevant“ genannte – Berufe und die Geringschätzung, die den Beschäftigten dieser Berufe vor der Corona-Krise größtenteils sowohl in der Gesellschaft als auch direkt durch ihre Arbeitgebenden zuteil wurde. Denn es ist eine Frage des Respekts, wie Arbeitgeber*innen mit ihren Beschäftigten umgehen. Und hier möchten wir uns als GEW NRW ausdrücklich solidarisch erklären mit allen zu gering geschätzten und nicht gut bezahlten, systemrelevanten Berufen beziehungsweise Beschäftigten. Für sie alle gilt: Ist die Bezahlung angemessen und fair? Sorgt das Beschäftigungsverhältnis für Sicherheit? Ermöglicht es eine verlässliche Lebensplanung?

Gerechte Bezahlung

Für uns als Gewerkschaft für den Bildungsbereich kommen noch folgende Fragen hinzu: In welchem Zustand sind die Bildungseinrichtungen, welche (technischen) Hilfsmittel werden den Beschäftigten zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Aufgaben bestmöglich erledigen können? Ist es gerecht und respektvoll, dass Bildungsarbeit unterschiedlich honoriert wird? Warum verweigern die öffentlichen Arbeitgeber nach wie vor eine gerechte Eingruppierung? Warum wird die Arbeit in Kitas und Grundschulen, dem Offenen Ganztag und den Schulen der Sekundarstufe I oder die Bildungsarbeit in der Erwachsenen- und Weiterbildung immer noch gering geschätzt und nicht gerecht entlohnt? Wieso sind Arbeitsverträge an den Hochschulen so oft befristet?

Um das Szenario zu Beginn noch einmal aufzugreifen: Klatschen am Abend ist schön und eine gute Geste, es ersetzt aber nicht den tatsächlich gelebten und greifbaren Respekt vor der Arbeit und den Menschen in den Bildungseinrichtungen, Krankenhäusern, Verwaltungen, Pflegeeinrichtungen, in den Lastwagen auf den Straßen, in den Supermärkten, bei der Polizei und der Feuerwehr in Form angemessener Bezahlung und guter Arbeitsbedingungen.

Als Vorsitzende der GEW NRW erwarte ich Respekt von allen, also sowohl von der Gesellschaft als auch von Arbeitgeber*innen, gegenüber der Arbeit, die in den Bildungseinrichtungen Nordrhein-Westfalens geleistet wird. Gute Arbeit gehört anständig bezahlt. Arbeitszeit und Belastung müssen reduziert werden. Dies muss gerade auch nach der Pandemie gelten.

Respekt darf keine vorübergehende, ein paar Wochen anhaltende Angelegenheit sein. Respekt ist dauerhaft notwendig und wichtig, auch in allen Bildungsbereichen:

  • Respekt gegenüber den Kindern und Jugendlichen, die durch gute Bildung ihre Persönlichkeit entwickeln sollen und dafür zugleich Strukturen und Freiheit für einen eigenen Weg brauchen.
  • Respekt gegenüber den Studierenden und jungen Erwachsenen, die im heutigen Hochschulsystem enormem Druck ausgesetzt sind. Das Studium in Regelstudienzeit ist kaum zu schaffen – umso weniger, wenn der Lebensunterhalt erarbeitet werden muss oder von BAföG abhängt. Studierende brauchen Selbstbestimmung und Freiheit für einen eigenen Weg sowie gesicherte Lebensverhältnisse.
  • Respekt gegenüber den Erwachsenen, die Zeit und Geld in Weiterbildung investieren. Sie brauchen die notwendige Unterstützung der öffentlichen Hand und ihres Arbeitgebenden.
  • Respekt gegenüber allen Beschäftigten im Bildungsbereich, die für Menschen – egal welchen Alters und mit welchen Voraussetzungen – Bildungsangebote schaffen und Grundlage für deren persönliche Entwicklung sind.
  • Respekt gegenüber allen Kolleg*innen, die unverzichtbare Arbeit in den Bildungseinrichtungen leisten.