lautstark. 01.12.2020

Für Gerechtigkeit müssen alle sorgen

Chancengleichheit

Eine Auseinandersetzung mit Strukturen und Verantwortung

Was bedeutet Gerechtigkeit? Und wer übernimmt die Verantwortung dafür, dass es in einer Gesellschaft und in der Welt gerecht zugeht? Was kann jede*r Einzelne tun, und welche Rolle kommt Politik und Wirtschaft zu? Eike Bohlken, Professor für Ethik, hat sich mit diesen Fragen beschäftigt und macht deutlich, dass es auf das Handeln eines jeden Menschen ankommt.

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  • Ausgabe: lautstark. 07/2020 | Im Einsatz für Gerechtigkeit
  • Autor*in: Eike Bohlken
  • Funktion: Professor für Ethik an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW
Min.

Wann ist eine Gesellschaft gerecht? Eine erste Antwort könnte lauten: Eine Gesellschaft ist dann gerecht, wenn es in ihr gerecht zugeht. Damit ist zwar noch nicht viel gesagt, aber doch eine Spur gelegt, die sich in zwei Richtungen verfolgen lässt, und zwar in Richtung der individuellen und der institutionellen Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit als Tugend von Individuen

Dass es gerecht zugeht, kann zum einen heißen, dass bestimmte Dinge getan werden, die gemeinhin als gerecht verstanden werden. Ein Beispiel ist, dass jeder Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag zur Förderung des Gemeinwesens leistet. Zu einer gerechten Gesellschaft gehört es ebenso, dass Dinge unterlassen werden, die als ungerecht einzustufen sind. Beispielsweise, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts oder ihres Alters diskriminiert werden. In diesem Sinne ist Gerechtigkeit seit der griechischen Antike als eine Tugend von Individuen verstanden worden, die sich in einer innerlich gefestigten charakterlichen Haltung und einem entsprechenden Handeln zeigt.

Soziale und politische Strukturen gerecht gestalten

Um sagen zu können, dass es in einer Gesellschaft gerecht zugeht, bedarf es zum anderen aber auch gerechter Verhältnisse. In diesem systemischen oder institutionellen Sinne wird beispielsweise von sozialer oder politischer Gerechtigkeit gesprochen. Beide sind dann gegeben, wenn die sozialen und politischen Strukturen einer Gesellschaft gerecht gestaltet sind. Das betrifft staatliche Institutionen wie Verfassung, Gesetze und Rechtsprechung, Verwaltung und Polizei, aber auch das Gesundheitssystem, die Altersversorgung und nicht zuletzt die Wirtschaftsordnung. John Rawls schreibt in seiner Theorie der Gerechtigkeit: „Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen.“ Zwar können Institutionen und Organisationen nicht tugendhaft denken oder handeln; sie können aber in dem Sinne moralisch gut sein, dass die Art ihrer Gestaltung dazu beiträgt, ein gerechtes oder moralisches Handeln wahrscheinlicher zu machen als ein ungerechtes oder unmoralisches. Man kann dann auch von einer institutionellen oder institutionengestützten Gerechtigkeit sprechen. 

Die Forderungen individueller und institutioneller Gerechtigkeit sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, wie dies etwa manchmal in wirtschaftsethischen Diskussionen über die Macht der Verbraucher*innen oder in Fragen des Klimaschutzes geschieht. Sicherlich ist es nicht ausreichend, wirtschaftliche und politische Strukturen allein mit individuellen Kauf-, Investitions- oder Verzichtsentscheidungen ändern zu wollen. Aber auch individuelles Handeln ist in der Lage, gerechtere Strukturen aufzubauen, beispielsweise durch Fair Trade oder Energiegenossenschaften. Um eine Gesellschaft gerecht zu machen, bedarf es daher sowohl eines gerechten Handelns von Individuen als auch von Staaten und Wirtschaftsunternehmen. Staaten stehen vor der Aufgabe, gesetzliche Vorgaben zu machen und internationale Konventionen zu etablieren und durchzusetzen; Unternehmen sollten sich verpflichtet sehen, diese Vorgaben einzuhalten und dort, wo sie fehlen, eigene Initiativen anzustoßen. Wo Staaten und Unternehmen hinter ihren Aufgaben zurückbleiben, bedarf es sozialen Drucks, wie er sich zum Beispiel durch zivilgesellschaftliche Akteure organisieren lässt – von Amnesty International bis Fridays for Future.

Frage nach Gleichheit

Ein zentraler Aspekt für die Frage, wie gerecht es in einer Gesellschaft zugeht, ist die Frage der Gleichheit: Welches Maß an sozialer Ungleichheit verträgt eine gerechte Gesellschaft? Die philosophischen Debatten der letzten 50 Jahre haben deutlich gemacht, dass es unzureichend ist, sich auf die formale Gleichheit von gleichen Rechten zu beschränken. Denn dass alle die gleichen Rechte haben, heißt nicht, dass alle die gleichen Chancen haben, auch tatsächlich von diesen Rechten Gebrauch zu machen. Wer auf rein formale Gleichheit pocht, trägt dazu bei, ungerechte Verhältnisse zu zementieren. Dieser Zusammenhang lässt sich gut anhand von Begriffen wie ‚soziales‘ oder ‚kulturelles Kapital‘ verdeutlichen: Wem dies nicht von den Eltern mitgegeben wurde, der ist beispielsweise in unserem stark selektiven Bildungswesen massiv benachteiligt. Bildungsgerechtigkeit ist daher auf ausgleichende Fördermaßnahmen angewiesen, mit denen so etwas wie eine Startchancengleichheit möglich wird. Weitere wichtige Felder sozialer Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft sind die starke Schere zwischen Arm und Reich sowie die noch immer bestehende Geschlechterungerechtigkeit, die sich vom Pay Gap über Altersarmut bis hin zu #metoo zeigt.

Globale Gerechtigkeit?

Eine weitere wichtige Frage lautet, ob es so etwas wie eine globale Gerechtigkeit geben kann. Offenkundig gibt es strukturelle Ungerechtigkeiten von globalem Ausmaß: Klimazerstörung, Weltarmut, Welthungerproblem. Und das „Handeln“ von Staaten und Unternehmen ist keineswegs auf die nationale Ebene beschränkt. Der entscheidende Punkt ist, inwieweit wir, die wir in reichen Ländern leben, für Menschen und Verhältnisse in anderen Teilen der Welt (mit-)verantwortlich sind. Sind wir nur für das verantwortlich, was wir unmittelbar verursacht und verschuldet haben? Oder ist Verantwortung so zu denken, „dass alle, die durch ihre Handlungen an den Ungerechtigkeiten erzeugenden strukturellen Prozessen teilhaben, auch eine Verantwortung tragen, diese Ungerechtigkeiten zu korrigieren“, wie die kanadische Politikwissenschaftlerin Iris Marion Young schreibt? Um an solchen „strukturellen Prozessen teilzuhaben“, reicht es zum Beispiel, Kleidung zu kaufen, die unter ausbeuterischen und/oder umweltschädlichen Bedingungen in Fernost produziert worden ist.

Checkliste für persönliches Engagement

Wie aber kann ich mein wirtschaftliches Handeln gerechter ausrichten? Ist die Perspektive einer globalen sozialen Verantwortung nicht überfordernd und letztlich lähmend? Young hat eine Checkliste entwickelt, die uns die Antwort erleichtern kann, wofür wir uns am besten engagieren sollten: 

  • Welche Macht habe ich, von meiner sozialen Position aus Dinge in Gang zu setzen – allein oder gemeinsam mit anderen?
     
  • Wie privilegiert ist mein Status? Kann ich ohne Probleme teurere Güter kaufen, die unter gerechteren Bedingungen produziert worden sind? Könnte ich auf klimaschädliche Produkte, wie Flugreisen und SUVs, verzichten oder andere an meinem Wohlstand teilhaben lassen?
     
  • Welche kollektiven Fähigkeiten habe ich gemeinsam mit anderen? Wo liegt die Gunst der Stunde für ein erfolgreiches gemeinsames Engagement? 

Angesichts der Vielzahl von Möglichkeiten, die auch nach der Beantwortung dieser Fragen noch bleiben, ist es legitim, nach pragmatischen Kriterien auszuwählen: Welches Unrecht, welches Leid bewegt oder empört mich am meisten? Wo gelingt es mir am leichtesten und häufigsten, etwas zu tun? Denn gegen Ungerechtigkeiten – strukturelle wie individuelle – helfen nur Dinge, die tatsächlich getan werden.