

Im Durchschnitt erhalten Frauen bis zu 57 Prozent weniger Rente als Männer und sie sind deshalb jetzt und später oft abhängig vom Partner oder dem Staat. Während Männern im Ruhestand durchschnittlich 1.095 Euro zustehen, bekommen Frauen lediglich 622 Euro. Dieser Unterschied im Gender Pension Gap ist nicht selten die Folge des Gender Pay Gaps: 2019 lag nach Analyse des Statistischen Bundesamts der durchschnittliche unbereinigte Bruttoverdienst der Frauen um 20 Prozent niedriger als der Verdienst der Männer. Seit 2002 hält sich diese Differenz nahezu konstant.
Theorie ist nicht gleich Praxis
Doch wie kommt es dazu? Seit der Gründung des Deutschen Frauenvereins 1865, dessen Hauptziel es unter anderem war, die Bildungschancen für Frauen zu verbessern sowie die Berufstätigkeit und damit wirtschaftliche Unabhängigkeit zu fördern, hat sich in Sachen Frauenrechte einiges getan:
- Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen wurde erstritten und ist seit 1919 gültig.
- Das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau trat 1958 in Deutschland in Kraft.
- 1980 wurde das Gesetz über die Gleichbehandlung von Mann und Frau am Arbeitsplatz eingeführt, wodurch beide das gleiche Entgelt für die gleiche Arbeit erhalten sollten.
Trotz oder gerade wegen der gesetzlich anerkannten Rechte, der mittlerweile formal errungenen wirtschaftlichen Emanzipation der Frauen in den Industriegesellschaften sowie der Tatsache, dass in diesen Ländern heute mehr Frauen Abitur machen und bessere Abschlussnoten vorweisen als Männer, verwundert es, dass sie mit dem Altersarmutsrisiko konfrontiert sind.
Die Ursache scheint darin begründet, dass nicht die Theorie, sondern gesellschaftliche sowie strukturelle Rahmenbedingungen die Praxis prägen. Gesellschaftlich unterschiedliche Erwartungshaltung an Männern und Frauen und strukturelle Rahmenbedingungen generieren soziale Zwänge, die die Grundlage für Lebensentwürfe und Erwerbsbiografien bilden – und besonders die von Frauen werden davon negativ determiniert.
Minijob, Teilzeitfalle und der Mann als Altersvorsorge
In Deutschland wird die gesetzliche Rente unmittelbar von der individuellen Erwerbs- und Beitragsbiografie bestimmt. Je höher und länger die Beitragszahlungen während des Erwerbslebens,desto höher sind die monatlichen Renteneinkünfte. Männer sind im Durchschnitt 40 Jahre lang berufstätig, Frauen hingegen lediglich 26 Jahre. Während Männer ihrem Beruf, trotz Ehe, ohne Teilzeit- oder unentgeltliche Erziehungsarbeit nachgehen, befördert werden, Karriere machen und so einen höheren Rentenanspruch erwirtschaften, sind Frauen oftmals diejenigen in der Partnerschaft, die lange Erziehungspausen einlegen, die Pflege von Familienangehörigen übernehmen, in Teilzeit arbeiten, einem Minijob nachgehen, in Berufen tätig sind, die strukturell schlechter bezahlt werden, seltener in Führungspositionen kommen und sich, wenn es um die finanzielle Sicherheit im Alter und die Altersvorsorge geht, auf ihren Partner verlassen. Insgesamt führen das geringere Arbeitsvolumen und die schlechtere Bezahlung bei Frauen zu einem geringeren Rentenanspruch und folglich zu einem erhöhten Armutsrisiko im Alter.
Altersarmut ist kein Muss: Frauen aufklären und stärken
Doch Altersarmut ist kein Naturgesetz: Es gilt,Frauen im Familiengründungsalter noch gezielter zu informieren und über das Thema „Wirtschaftliche Unabhängigkeit im Alter“ aufzuklären. Nach wie vor werden Berufe mit hohem Frauenanteil wie Erzieher*in, Sozialarbeiter*in, Krankenpfleger*in oder Altenpfleger*in schlechter bezahlt. Hier tut gesellschaftspolitisches Umdenken Not. Die Politik muss die institutionellen und strukturellen Rahmenbedingungen zugunsten wirtschaftlicher Unabhängigkeit von Frauen verbessern, die Stärkung der Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zur Vereinbarung von Beruf und Familie endlich in die Tat umsetzen.
Weder biologisch noch gesetzlich sind Frauen gezwungen,Elternzeit zu nehmen oder ihre Erwerbstätigkeit lange zu unterbrechen. Hier sollte „Frau“ sich der in der Gesellschaft tradierten Rollenbilder, die unter anderem die ungleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt zementieren, bewusst sein. Gut bezahlte(Frauen-)Berufe führen nicht nur zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit und bieten langfristig eine finanzielle Sicherheit auch im Alter, sondern auch dazu, dass Mann und Frau sich in der Partnerschaft finanziell auf Augenhöhe begegnen können.