lautstark. 27.02.2020

Ein Politiker mit Mut und Haltung

MitbestimmungPolitische Bildung

Andreas Hollstein im Porträt

Andreas Hollstein steht für eine liberale Flüchtlingspolitik und muss dafür regelmäßig einstecken. Der Bürgermeister, der seit 21 Jahren die Stadt Altena führt, erhält Drohungen und wurde 2017 mit einem Messer angegriffen. Aufgeben kommt für den 56-Jährigen trotzdem nicht infrage. Mut und Haltung ist seine Devise und es braucht den Schutz der Gesellschaft.

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  • Ausgabe: lautstark. 02/2020 | Solidarität – Zusammenhalt macht stark
  • Autor*in: Iris Müller
  • Funktion: freie Journalistin
Min.
Andreas Hollstein

Im November 2015 sitzt Andreas Hollstein im Zug Richtung Berlin. Ihm gegenüber sitzen zwei Wanderpärchen, die über Flüchtlinge herziehen. Andreas Hollstein überlegt und steht auf. Er geht zu der Gruppe und bittet darum, sich leiser zu unterhalten, denn das, was sie sagen sei so „grotesk irrsinnig“, dass er das nicht ertragen will. Was folgt, ist eine Diskussion über die Flüchtlingspolitik. „Ich habe die nicht überzeugt, aber vielleicht zum Nachdenken angeregt“, erklärt der CDU-Politiker rückblickend.

Er hat in dem Moment Mut und Haltung gezeigt. Denn das braucht es heutzutage, wenn man sich wehrt, wenn man aufbegehrt und sich engagiert. Täglich werden in Deutschland Kommunalpolitiker*innen angegriffen und zur Zielscheibe von Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen und Übergriffen. Im November 2017 trifft es Andreas Hollstein. Als er in einen Döner-Imbiss seiner Heimatstadt Altena kommt, hält ihm ein 56-Jähriger ein Messer an den Hals. „Der Mann wurde trotz aller Beschwichtigungen immer aggressiver“, erinnert sich der Kommunalpolitiker, der als Bürgermeister für seine liberale Flüchtlingspolitik bekannt ist.

Altena hatte 2015 mehr Geflüchtete aufgenommen, als durch die kommunale Verteilungsquote vorgeschrieben war. Das war dem Angreifer ein Dorn im Auge. Irgendwann habe Andreas Hollstein an seine Frau und seine vier Kinder gedacht, sich den Arm des Angreifers geschnappt und ihn weggedrückt. Doch der Täter erwischte ihn mit dem 30 Zentimeter langen Messer am Hals und verletzte ihn. Die beiden türkischstämmigen Imbissbetreiber eilten zur Hilfe und gemeinsam überwältigten sie den Angreifer. Andreas Hollstein erinnert sich noch genau an die Situation: „Ich war fix und fertig.“

Ein kreativer Rebell im Einsatz für die Sache

Aber ist es das wirklich wert? Ist das der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir uns engagieren? Andreas Hollstein überlegte nicht lange. Aufgeben kam nicht infrage: „Mut und Haltung sind der Kern von politischem
Engagement. Das ist meine Diktion, das begleitet mich von Anfang an.“ Die ersten politischen Schritte ist er in der Jungen Union gegangen, wurde Stadtverbandsvorsitzender und trat mit 21 Jahren doch wieder aus. „Das war mir zu linienförmig“, erklärt Andreas Hollstein, der diese Linientreue auch bei anderen Parteien beobachtet. Er selbst war aber schon immer eher der Rebell, der Kreative, derjenige, der sich für die Sache einsetzt und nicht nur für die programmatische Richtung seiner Partei.

Er ist jemand, der wenig im Internet einkauft und den Einzelhandel unterstützt. Seine Eltern führten einen Spielzeugladen. Er ist jemand, der gerne ein gutes Fußballspiel schaut, aber kein Fan eines bestimmten Vereins ist. Unkonventionell? Auf jeden Fall ehrlich und geradeaus. Zunächst setzte der gelernte Jurist sich nach dem Austritt aus der Jungen Union ehrenamtlich für die Tischtennis-Bundesliga ein, führte den TTC Altena und stand regelmäßig selbst an der Platte. „Dort habe ich Mut und Haltung gelernt“, vermutet er, denn das brauche man, um zu gewinnen und über sich hinauszuwachsen.

Nicht schimpfen, anpacken!

Jahre später stand er mit Bekannten auf einem Fest zusammen und hörte sich an, wie sie über seine Heimatstadt schimpften. „Ich habe gesagt, man soll nicht schlecht über die Stadt reden, sondern lieber mit anpacken.“ Genau darum wurde er kurze Zeit später gebeten. Erst als sachkundiger Bürger im Schul- und Sportausschuss, dann als Bürgermeisterkandidat und schließlich als Bürgermeister. Dieses Amt bekleidet er nun seit 21 Jahren. Doch Andreas Hollstein polarisiert: „Dreckschwein“, „Schade, dass sie dich nicht erwischt haben“ – diese Äußerungen seien noch harmlos. Das meiste geht anonym ein. Er liest alles, schließlich will er Bürger*
innennähe ernst nehmen. „Die Welt wird nicht besser, wenn man Sachen nicht zur Kenntnis nimmt.“ Doch die Drohungen lässt er nicht zu nah an sich heran und zieht seine Energie aus dem Positiven.

Angst ist keine Option

Nach dem Angriff gab es nämlich auch „zauberhafte Mails“ und Aktionen. So veranstalteten 400 Bürger*innen eine Demo für ihn, eine Flüchtlingsfamilie brachte Pralinen, ein weiterer Flüchtling kam weinend zu ihm und sagte: „Ich bin so glücklich, dass Sie leben.“ Da werde einem klar, warum man seine Arbeit macht. Und dennoch wird die Luft dünner – spätestens seit dem Mord an dem hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Angst ist aber in Andreas Hollsteins Job fehl am Platz: „Hätte ich Angst, könnte ich meinen Job nicht ausüben.“ Auch den Schutz durch Waffen lehnt er kategorisch ab. Der Kamp-Lintforter Bürgermeister Christoph Landscheidt von der SPD wurde ebenfalls von Rechtsextremen bedroht und wollte sich vor Gericht einen Waffenschein erstreiten. Keine Lösung für Andreas Hollstein: „Hätte ich eine Waffe, würde ich dem Bürger, um dessen Vertrauen ich bitte, misstrauen. Dann brauche ich meinen Job nicht zu machen.“

Der richtige Schutz sei der Schutz der Gesellschaft und die sei in letzter Zeit wachsamer geworden. Jede*r müsse mitmachen und sich abgrenzen. Jede*r im eigenen Bereich: Lehrende, die wahrnehmen, dass ihre Schützlinge rassistische Äußerungen von sich geben, müssen sich genauso einmischen wie Bürger*innen, die sehen, dass jemand angegriffen wird. Solidarität und Zivilcourage seien die Stichworte. „Ich glaube, dass wir umso stärker sind, je mehr Leute Haltung bewahren, egal aus welcher Partei“, erklärt Andreas Hollstein in seiner erfrischenden, selbstbewussten, geradlinigen Art. Parallel dazu setzt der Christdemokrat auf den Schutz durch Strafverbesserungen. „Beleidigung und üble Nachrede sind jahrelang ziemlich untergegangen.“ Mittlerweile schiebe er die Drohmails nicht mehr in den Papierkorb, er zeigt die Verfasser*innen an.

Familie darf ein Veto einlegen

Doch was ist, wenn Politiker*innen das Risiko für sich und ihre Liebsten zu groß wird? „Viele Kolleg*innen hören mit Mitte 50 auf, obwohl sie supergute Bürgermeister*innen sind“, erklärt Andreas Hollstein. Er könne das nachempfinden. Auch er wäge bestimmte Schritte mit seiner Frau ab. Sie habe immer das Recht, ein Veto einzulegen, genau wie seine Kinder. Doch unter dem Strich ist seine Meinung: „Wenn mehr Leute aufgeben, wird unsere Gesellschaft ärmer. Wer macht dann den Job?“ Diejenigen, die jetzt Drohungen abschicken oder nur aus Karrieregründen antreten? „Das fände ich schwach“, betont Andreas Hollstein. Der Familienvater hat eine steile Karriere hingelegt und wirkt doch bescheiden. Denn er sagt: „Es gibt Wichtigeres, als Bürgermeister zu sein.“ Wenn die CDU in Thüringen mit der AfD zusammenarbeiten würde, wäre er aus der Partei ausgetreten. Auch das bedeutet für ihn Haltung und Solidarität.

Gewinnen mit illegalen Mitteln findet er sowohl im Sport als auch in der Politik verwerflich. Da ein Austritt nicht nötig war, kann Andreas Hollstein den nächsten Karriereschritt angehen: Im September tritt er als Oberbürgermeisterkandidat der CDU in Dortmund an. Und das, obwohl er fast sicher wiedergewählt werden würde. Er wünscht seiner Heimatstadt eine Veränderung. „Qualität äußert sich nicht in der Länge der Amtszeit, sondern in der Effektivität“, findet der Kommunalpolitiker. Dortmund ist eine Stadt, in der organisierte Rechtsradikale unterwegs sind. Schreckt ihn das ab? Nein. „Der Dortmunder ist genau wie der Altenaer ein prima Kerl. Und die haben es verdient, dass sich jemand für sie einsetzt. Mit Mut und Haltung.“