lautstark. 01.12.2020

Corona-Pandemie: Große Herausforderungen für Leitungen

CoronaArbeits- und GesundheitsschutzBelastung

Wie Führungskräfte mit der Krise umgehen

Durch die Corona-Pandemie stehen zahlreiche Menschen vor besonderen Herausforderungen in ihrem Berufsalltag. Gerade Menschen in Leitungsfunktionen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Vor welchen Aufgaben sie stehen, schildern drei von ihnen.

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  • Ausgabe: lautstark. 07/2020 | Im Einsatz für Gerechtigkeit
  • im Interview: Angelika Brodesser | Anke Rieke | Barbara Siemoleit
  • Funktion: stv. Personalratsvorsitzende | Schulleiterin | Fachbereichsleitung Bergische VHS
  • Interview von: Denise Heidenreich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Angelika Brodesser  ist seit 1. Oktober 2020 stellvertretende Personalratsvorsitzende und freigestellte Kita-Leitung Niederkassel. Außerdem ist sie aktives Mitglied des Fachgruppenausschusses sozialpädagogische Berufe der GEW NRW.

Vor welchen coronabedingten Herausforderungen stehen Kitaleitungen?

Angelika Brodesser: Da sind zum Beispiel die Handlungsempfehlungen, die in vielen Punkten zu offen formuliert sind und die eigentlich durch den Träger spezifiziert werden müssten. Dafür fehlen jedoch häufig die Ressourcen oder es werden sich bietende Spielräume genutzt, um von möglichst wenigen Eltern Widerstand zu erfahren. Dies hat beispielsweise zur Folge, dass feste Gruppensettings bei Personalausfall aufgeweicht werden, anstatt Öffnungszeiten zu reduzieren oder Gruppen zu schließen. Diese Entscheidung muss die Leitung vor Ort umsetzen und alle Bedenken von Eltern und Mitarbeiter*innen aushalten. Des Weiteren wird bei unserem Träger seit Juni die Empfehlung, Mitarbeiter*innen, die zur Risikogruppe gehören, nicht in der Arbeit am Kind einzusetzen, nicht mehr befolgt. Betroffene müssen also trotz großer Sorge um die eigene Gesundheit in die Kita oder sich alternativ arbeitsunfähig melden. Zudem haben Leitungen – auch aufgrund fehlender Vorgaben – insgesamt kaum noch gedanklichen Platz für Projekte oder Konzeptions- und Teamentwicklung. Stattdessen geht ein Großteil der Zeit für Krisengespräche und Notfallpläne drauf.

Welche Lösungen gibt es für die von dir aufgezeigten Schwierigkeiten?

Angelika Brodesser: Ein Lösungsansatz sind Notfallpläne mit zugeordneten Gruppen als feste Vertretungspools für die jeweils andere Gruppe. Und nicht nach dem Notfallplan A den Plan B zu suchen, sondern beim Träger klar und frühzeitig anzuzeigen, wenn etwas nicht mehr zu bewältigen ist. Außerdem sollten gefährdete Mitarbeiter*innen mit so viel Schutzausrüstung wie möglich ausgestattet und von besonders gefährdenden Situationen freigestellt werden. In manchen Einrichtungen konnten Mitarbeiter*innen auch intern zum Dienst ohne Kind freigestellt werden.

Wie hast du, als du noch nicht für den Personalrat freigestellt warst, dein Team bei den täglichen Schwierigkeiten begleitet?

Angelika Brodesser: Durch Gespräche, in denen Empathie, Offenheit und Transparenz dominieren. Sorgen und Ärger konnten jederzeit angesprochen werden und wir haben gemeinsam nach Lösungen gesucht. Wichtig war es, die Arbeit immer wieder wertzuschätzen und neue Entwicklungen strukturiert weiterzugeben. Außerdem habe ich mit dem Team einen Rahmen entwickelt, wie wir mit den Kindern arbeiten wollen und nicht nur auf die Gegebenheiten reagieren.

An welcher Stelle hättest du dir mehr Unterstützung gewünscht? Wo hast du welche gefunden?

Angelika Brodesser: Strukturierte, landesweit gleiche Pläne, strengere Vorgaben für Verdachtsfälle bei Kindern, weiterhin reduzierte Betreuungszeiten, ein Einsatz in der Verwaltung für Mitarbeiter*innen, die zur Risikogruppe gehören – all diese Aspekte hätte ich mir gewünscht. Praktisch für die Budgets wären feste Verträge oder Preisvorgaben für Hygienebedarf, da es viele Dinge oft nur zu Fantasiepreisen gibt. Und eine wöchentliche Testung der Mitarbeiter*innen würde vielen den psychischen Druck nehmen. Hilfe und Zuspruch habe ich bei den anderen Leitungen und den zuständigen Fachberatungen gefunden, die uns Kitamitarbeiter*innen immer zur Seite stehen. 

Anke Rieke ist Schulleiterin der Städtischen Gemeinschaftsgrundschule Lilienthalstraße Duisburg. Außerdem engagiert sie sich im Fachgruppenausschuss Grundschule und im Ausschuss für Schulleitungen der GEW NRW sowie im Leitungsteam der Fachgruppe Grundschule im Stadtverband Duisburg und im Bezirkspersonalrat Grundschule.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als Schulleiterin in der Corona-Krise?

Anke Rieke: Der Organisationsaufwand ist enorm gestiegen und ich muss viel im Blick behalten. Das ist unter den derzeitigen Bedingungen besonders schwer. So sollen zum Beispiel die Jahrgänge nicht gemischt werden, feste Gruppen dürfen aber gleich bleiben. Dann gibt es aber wieder verschiedene feste Gruppen. Durch oft sehr kurzfristige Informationen schreibe ich mehr Elternbriefe und ich bin zudem mit einer Vielzahl von Elternanfragen konfrontiert: „Kann ich mein Kind mit ganz leichtem Husten schicken?“, „Kann mein Kind aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause bleiben?“, „Warum findet kein Sportunterricht statt?“ Und immer wieder: „Warum müssen die Kinder Masken tragen?“ Außerdem: „Wann endlich kommt digitaler Unterricht?“ und „Wir haben weder PC noch Handy – wie soll mein Kind lernen, wenn die Schule schließt?“

Wie gehst du damit um?

Anke Rieke: Ich stelle mich all diesen Fragen und spreche den Eltern Mut zu. Kommunikation ist sehr wichtig, deshalb ermutige ich auch meine Kolleg*innen immer wieder, mit den Eltern zu telefonieren. Falls ein Telefonat wegen Sprachbarrieren nicht möglich ist, vereinbaren wir einen Termin unter den geltenden Hygieneregeln, gegebenenfalls auch mit Dolmetscher*in.

Wie nimmst du dein Team in diesen sich durch die Pandemie ständig verändernden Zeiten mit?

Anke Rieke: Wir pflegen einen regen persönlichen Austausch, so gibt es zum Beispiel wöchentliche Teamstunden und regelmäßige Dienstbesprechungen. Unsere Lernplattform befindet sich derzeit noch im Aufbau, sobald sie fertig ist, können wir auch darüber kommunizieren. Des Weiteren ist eine Ganztagsfortbildung zum Thema Digitalisierung angesetzt und fest geplant, obwohl noch keine Endgeräte für Lehrer*innen und Schüler*innen vorhanden sind.

An welchen Baustellen muss aus deiner Sicht gearbeitet werden?

Anke Rieke: Ich wünsche mir klare, einheitliche Planungshilfen – wie kleinere Klassen und kleine Gruppen. Es stimmt nicht, dass dies aufgrund des Lehrkräftemangels nicht geht, schon jetzt ist eine Mischung von Präsenz- und Distanzunterricht möglich und man könnte die Klassen entweder in zwei Gruppen am Vormittag teilen oder an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Mir fehlt es an ausreichendem Schutz für die Lehrer*innen und Schulleitungen. Meiner Meinung nach müssen an allen Schulen FFP2-Masken verfügbar sein, sodass Lehrkräfte diese (freiwillig) nutzen können. Eine Schule ohne Gemeinsames Lernen bekommt diese bei uns nicht bezahlt – das geht gar nicht! Auch Spuckschutzwände sollten verfügbar sein – es ist mir unverständlich, dass der Dienstherr diese nicht für alle Schulformen zur Verfügung stellt. Positiv ist, dass wir weitere drei Male einen Corona-Test machen können – aber wieso bietet man die Tests nicht einheitlich an den Schulen an? Eine Sache möchte ich jedoch auch positiv betonen: Die Medienberater*innen in Duisburg sind bei vielen Angelegenheiten, wie Digitalisierung, Fortbildungen zur Nutzung von Plattformen und zum Bereich Datenschutz, sehr hilfsbereit und unterstützend.

Barbara Simoleit ist Fachbereichsleitung der Bergische VHS. Zudem ist sie im Fachguppenausschuss Erwachsenenbildung, im Ausschuss für Tarifpolitik sowie im Leitungsteam der Bundesfachgruppe Ewachsenenbildung aktiv.

Du arbeitest als Fachbereichsleiterin an einer Volkshochschule (VHS) – welchen Herausforderungen stellst du dich dort gerade?

Barbara Simoleit: Ich arbeite mit 27 Honorarlehrkräften zusammen und nach der Schließung im März fand ich es belastend, dass meine Kolleg*innen kein Einkommen mehr hatten. Weil die Volkshochschule den Honorarausfall nicht aus eigenen Mitteln auffangen konnte, war es wichtig, mit den Kursleiter*innen über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten zu sprechen. Dazu musste ich viele Mails und Telefongespräche führen, häufig am „Feierabend“ oder am Wochenende. Das zeigt: Seit dem 13. März 2020 gibt es keine geregelte Arbeitszeit mehr. Und die schon vor der Pandemie hohe Arbeitsbelastung ist seit dem Lockdown weiter gestiegen.

Wie hat sich deine Arbeit noch verändert?

Barbara Simoleit: Die Fachbereichsleitungen müssen sich nicht nur mit Kurskonzepten und der Planung von Kursen unter pädagogischen Gesichtspunkten beschäftigen. Sie müssen sich intensiv mit Hygieneplänen und deren Umsetzung auseinandersetzen. Zu Beginn des Lockdowns sind wir davon ausgegangen, dass wir „danach“ genauso weitermachen können wie vorher. Allerdings waren Anfang Mai unsere Kurse „plötzlich“ zu groß für unsere Räume. In einem aufwendigen Verfahren ist es uns gelungen, die Kurse seit Mai wieder als Präsenzveranstaltungen durchzuführen. Für uns war das Angebot von Präsenzveranstaltungen wichtig. Nicht weil wir keine Ahnung von den neuen Medien haben, sondern weil alle Defizite des Onlineunterrichts, die in den Schulen deutlich wurden, sich auch in der Weiterbildung zeigen, die bei dem sogenannten Digitalpakt gar nicht berücksichtigt wurden. Es fehlt an technischer Ausstattung sowie an Fortbildungen und guten Konzepten. Dafür brauchen wir finanzielle Mittel. Weiterhin sind Fragen im Hinblick auf die Honorierung der Durchführung von Onlinekursen sowie Fragen des Datenschutzes und der Urheberrechte ungeklärt.

Welche Lösungen hast du beispielsweise für diese Herausforderungen gefunden?

Barbara Simoleit: Eine Lösung ist, dass wir die Teilnahmezahlen für unsere Kurse bei der Planung für das Herbstsemester reduziert haben. Wir brauchen an dieser Stelle dringend politische Unterstützung, um nicht in eine finanzielle Schieflage zu geraten.

Wie nimmst du dein Team in diesen sich durch die Pandemie ständig verändernden Zeiten mit?

Barbara Simoleit: Ich versuche, Entscheidungen vorher mit den betroffenen Kolleg*innen abzusprechen und über Änderungen zu informieren. Bezüglich der Verordnungen des Landes oder der Städte geschieht das zentral über die VHS-Leitung.

Wo hast du in schwierigen Momenten Unterstützung gefunden?

Barbara Simoleit: Die GEW hat sich für die finanzielle Unterstützung der Lehrkräfte engagiert und erreicht, dass sie in NRW auch einen Teil der Mittel für Soloselbstständige erhalten haben. Überhaupt war der Austausch mit meinen Kolleg*innen der GEW für mich eine große Unterstützung.