

„Es ist erfreulich, dass die Landesregierung aus den schlechten Erfahrungen des Vorjahres gelernt hat und die Förderprogramme weiterentwickelt wurden“, sagt Ayla Çelik, Vorsitzende der GEW NRW. „Auf diese Weise wurde zumindest stellenweise ein akzeptabler Ferienspaß auf die Beine gestellt.“ Allerdings ließen sich 17 Monate Pandemie nicht mit Monaten gar Wochen auskurieren. „Kinder und Jugendliche müssen die Corona- Folgen überwinden. Das braucht Zeit, Raum und Ressourcen – und zwar für das ganze Schuljahr und sogar noch darüber hinaus“, macht Ayla Çelik deutlich.
24 Schulen aus Bonn organisieren „Extra-Zeit“ in den Sommerferien
Eines der Programme für außerschulische Bildungsangebote in der Corona-Krise heißt „Extra-Zeit zum Lernen“. Bonn gehört zu den Städten, die es in den Sommerferien erstmals in größerem Umfang umgesetzt haben. Insgesamt 24 Schulen, vor allem aus dem Grundschulbereich, machten dort gezielt Angebote für schwache Schüler*innen. „Wir haben im Vorfeld alle Schulen angeschrieben und das Programm in Videokonferenzen mit den Schulleitungen beworben“, erklärt Tobias Niketta, Leiter der Pädagogischen Abteilung im Bonner Schulamt.
Interessierte Schulen hatten zwei Möglichkeiten zur Teilnahme: Sie konnten die Organisation zum einen in die Hände eines Jugendhilfeträgers legen und beim Schulamt einen Antrag zur Förderung der Maßnahmen stellen. „Die Leistung der Stadt bestand in diesen Fällen darin, die Mittel des Landes weiterzureichen“, sagt Tobias Niketta. Zum anderen wurde das Regionale Bildungsbüro, eine gemeinsame Einrichtung der Stadt Bonn und des Landes NRW, zum zentralen Koordinator. Die Schulen bildeten Gruppen mit acht bis zehn Kindern und mussten zwei Bildungsbegleiter* innen aus dem Kollegium bestimmen. „Anschließend haben sie uns ihren Personalbedarf für die Umsetzung des Programms mitgeteilt, und wir haben weitere Bildungsbegleiter*innen gesucht, die die Schulen zwei Wochen vor Ort unterstützen – beispielsweise Lehramtsanwärter*innen, Studierende und Schüler*innen ab 15 Jahren.“ Über die Verteilung des Budgets – rund 400 Euro pro Tag für jede Gruppe – hätten die Schulen frei entscheiden können.
„Wir sind sehr zufrieden mit dem Engagement der Schulen und Träger, die trotz der anstrengenden Monate der Pandemie die Angebote für Schülerinnen und Schüler an den Start gebracht haben. Es freut uns, dass es die Fördermittel gibt – auch wenn uns die Organisation angesichts knapper personeller Ressourcen vor Herausforderungen gestellt hat“, betont Tobias Niketta. In den kommenden Wochen gehe es um eine Nachbetrachtung des Programms. „Wir machen uns Gedanken, was wir in den Herbstferien und darüber hinaus anbieten können.“
Planung für Umsetzung des Förderprogramms birgt Hürden
Claudia Sander-Braunert, Leiterin des Beckumer Grundschulverbunds Sonnenschule, kann in dieser Hinsicht schon auf mehr Erfahrung zurückblicken. Gemeinsam mit ihrem Team organisierte sie bereits im vergangenen Herbst ein erstes Ferienangebot für Schüler*innen. Um die Fördermittel aus der Extra- Zeit nutzen zu können, musste sie ein pädagogisches Konzept samt Finanzplanung an die Beckumer Stadtverwaltung übermitteln. Die Stadt übernahm 20 Prozent der Kosten und die Abwicklung mit der Bezirksregierung.
„Damals wussten wir noch nicht genau, welches Budget uns zur Verfügung steht und welche Wege wir einhalten müssen“, erzählt Claudia Sander-Braunert. Bei der Fortführung in diesem Jahr habe man zumindest diese formalen Anforderungen schnell erfüllen können. Ganz einfach war die Planung trotzdem nicht: „Um das Programm durchführen zu können, musste ich neben unseren Lehramtsanwärter*innen jedes Mal auch Studierende gewinnen, die uns unterstützen. Da braucht man gute Kontakte – gerade im ländlichen Raum.“
Beckumer Grundschüler*innen holen Versäumtes auf freiwilliger Basis auf
Schon vor den Sommerferien bot der Grundschulverbund seinen Viertklässler*innen eine Förderung zum Übergang an die weiterführenden Schulen an. An sechs Nachmittagen ging es in Kleingruppen um versäumte Inhalte in Mathe, Deutsch und Sachunterricht – auf freiwilliger Basis. „Wir haben dabei aber auch gezielt Schüler*innen angesprochen, die uns aufgefallen sind“, sagt Claudia Sander-Braunert. Das Angebot für die ersten bis dritten Schuljahre stand dann ebenfalls grundsätzlich allen Kindern offen. „Doch auch hier haben wir versucht, dass Schüler*innen mit großen Lernrückständen auf jeden Fall dabei sind.“
Kinder und Eltern seien mit dem Ferienprogramm sehr zufrieden gewesen. Doch ob die Angebote eine nachhaltige Wirkung zeigten, werde vermutlich erst im Laufe des neuen Schuljahrs sichtbar, betont die Beckumer Schulleiterin. „Mit Blick auf die Sozialkompetenzen war das eine sehr wertvolle Zeit, so viel kann man schon sagen. Die Kinder sind gerne zu uns gekommen, und sie haben es genossen, wieder zusammen am Tisch zu sitzen.“
AWO ermöglicht Grundschüler*innen in Bochum Erlebnisse
Den Aspekt des gemeinsamen Erlebens hat die AWO Ruhr-Mitte von Beginn an in den Mittelpunkt ihres Ferienprogramms gestellt. In Kooperation mit der Gertrudisschule organisierte die AWO über das Förderprogramm „Extra-Zeit zum Lernen“ an insgesamt vier Bochumer Grundschulen ein zusätzliches Ferienprogramm. Die Angebote für die rund 300 Kinder waren vielfältig – von Stadtteilrallyes über Erkundungsbesuche in der Sternwarte bis hin zum Fußballcamp beim VfL Bochum. „Wir wollten spielerisch Wissen vermitteln und Bewegungsanreize schaffen – unabhängig von den schulischen Leistungen der Kinder“, erklärt AWO-Fachbereichsleiterin Tina Diebel. Dabei seien pandemiebedingte Defizite nicht nur in Mathe oder Deutsch sichtbar geworden. „Von unseren Mitarbeitenden hören wir, dass Kindern auch Bewegung und Kondition fehlen. Im vergangenen Jahr ist da einfach sehr wenig passiert.“
Auch in Bochum übernahm die Stadt den vorgesehenen Eigenanteil von 20 Prozent, sodass die AWO den Förderantrag bei der Bezirksregierung einreichen konnte. „Wir haben eine Koordinatorin eingestellt, die nach der Förderzusage kurzfristig alles in die Wege geleitet hat. Und die Schulen haben die Benachrichtigung der Eltern übernommen“, erzählt Tina Diebel. Nach dem erfolgreichen Start beabsichtigt die AWO Ruhr-Mitte, mit einem weiteren Förderantrag auch die schulischen Leistungen in den Blick zu nehmen. „So möchten wir schwachen Schüler*innen im neuen Schuljahr helfen, den Lernstoff der vergangenen Monate aufzuholen.
Schulen brauchen nach den Ferien schnelle, unbürokratische Hilfen
Und genau das sei dringend notwendig, betont Landesvorsitzende Ayla Çelik: „Es darf nicht bei den wenigen Angeboten der Sommerferien bleiben. Stattdessen muss es nun darum gehen, die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel sinnvoll zu verteilen und an die Erfahrungen aus der Ferienzeit anzuknüpfen.“ Neben schneller und unbürokratischer Hilfe bräuchten Schulen vor allem zusätzliche personelle Ressourcen – und die Möglichkeit, auf den individuellen Förderbedarf von Schüler*innen zu reagieren. „Jede Schule muss die Ressourcen erhalten, die sie befähigt, passgenaue Angebote zu kreieren und dazu auch Kooperationen mit außerschulischen Partnern einzugehen – sei es, um personelle Unterstützung im Unterricht zu erhalten oder eine Hausaufgabenhilfe am Nachmittag organisieren zu können“, so Ayla Çelik. Dabei sollten Förderangebote und Regelunterricht im direkten Zusammenhang stehen.
Wichtig sei zudem, Lehrer*innen mehr Freiräume bei der Gestaltung des Unterrichts zu gewähren. „Sie müssen die Möglichkeit haben, individuell auf Schüler* innen einzugehen.“
Förderprogramme
Damit Schüler*innen coronabedingte Lernrückstände durch Unterrichtsausfall und Distanzunterricht aufholen können, haben Bund und Länder verschiedene Förderprogramme aufgelegt.
- Das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ ist eine gemeinsame Initiative von Bund und Ländern. Für 2021 und 2022 stehen den Schulen in NRW zum „Abbau von Lernrückständen“ insgesamt rund 430 Millionen Euro zur Verfügung.
- Bereits im Sommer 2020 startete das Programm „Extra-Zeit zum Lernen“, das nun bis zum Ende der Sommerferien 2022 verlängert und in das Gesamtkonzept der Förderprogramme integriert wurde. Die Landesregierung hat für den Zeitraum von März 2021 bis Sommer 2022 insgesamt 6o Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Gemeinden, Jugendhilfeträger und Hochschulen können damit außerschulische Bildungs- und Betreuungsangebote für Kleingruppen mit 8 bis 15 Teilnehmenden realisieren. Dabei trägt das Land jeweils 80 Prozent der Kosten.