

Die Digitalisierung verändert alles, sie verändert den gesamten Wertschöpfungsprozess. Erwerbsarbeit findet immer häufiger außerhalb eines Betriebes statt; immer mehr Aufgaben werden an Leiharbeitsfirmen und rechtlich Selbstständige ausgelagert; die Grenzen zwischen dem Arbeitnehmer*innen- und dem Selbstständigen-Status werden fließend. In der bisherigen Welt der Gewerkschaften bleibt so kaum ein Stein auf dem anderen. Was tun? Es hilft wenig, die alte Arbeitskampfrhetorik einfach 4.0-mäßig aufzumotzen. Natürlich ist es richtig, wenn Politiker*innen und Gewerkschafter*innen immer und immer wieder sagen, dass man sich dem digitalen Wandel nicht ausliefern darf, sondern ihn aktiv gestalten muss. Aber wie geht das? Was hilft? Es hilft Utopie. In Umbruchzeiten sind Utopien realistisch. Die Utopie besteht – so hat das Soziologe Oskar Negt einmal schön beschrieben – in der konkreten Verneinung der als unerträglich empfundenen gegenwärtigen Verhältnisse, mit der Perspektive und Entschlossenheit, das Gegebene zum Besseren zu wenden.
Das Unerträgliche: Das ist die Rechtlosigkeit der Crowd- und Clickworker, die ohne Anspruch auf Mindestlohn, ohne soziale Absicherung und ohne Arbeitnehmer*innenrechte arbeiten. Das Unerträgliche: Das ist die Aussicht, dass innerhalb weniger Jahre über eine Million Taxifahrer*innen, Busfahrer*innen, Lieferant*innen, Chauffeur*innen, Lkw- und Gabelstaplerfahrer*innen in Deutschland ihre Arbeit verlieren werden, weil die fahrer*innenlose Mobilität kommt – und es kein Konzept dafür gibt, was mit diesen Leuten geschehen soll. Das Unerträgliche: Auf eine neue Automatisierungswelle nicht nur in der Industrie, sondern auch im Bereich der Dienstleistung, wo künstliche Intelligenz massenhaft die Arbeit von Büroangestellten übernimmt, sind wir noch nicht vorbereitet.
Solidarität als gewerkschaftliche Kernkompetenz
Im Industriezeitalter waren die Arbeiter verbunden durch Ort, Zeit, Routine und Alltag, man teilte miteinander die Erfahrung elender Produktionsbedingungen und den Zeitrhythmus, den Fabrikherren und Zechenbarone vorgaben. Das Fließband wurde zum Symbol verbindender Erfahrung. Die Solidarität der Arbeiter entstand in der Einheit von Ort, Raum und Zeit der Arbeit; sie wurde von Gewerkschaften organisiert, die das Wort Solidarität in ein gutes Arbeitsrecht übersetzten. Aus einem schwachen Brüderlichkeitsbegriff wurde so ein starker Solidaritätsbegriff. Das war eine menschheitsgeschichtliche Leistung. Aber Solidarität ist kein nachwachsender Rohstoff. Sie bleibt nicht einfach da, wenn sich die Arbeitsbedingungen völlig verändern, wenn es die Gleichartigkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen und die gemeinsamen Erfahrungen am gemeinsamen Arbeitsort immer weniger gibt.
Deshalb nehmen die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften und die Tarifbindung dramatisch ab. Es entwickelt sich die konkrete Solidarität wieder zurück zur allgemeinen Brüderlichkeit. Das zeigt sich derzeit schon im allgemeinen Sprachgebrauch: Solidarität ist ein Wischiwaschiwort, der Appell an die Solidarität zu einem allgemeinen Appell an Gemeinsinn, Menschenliebe und Humanität geworden – die alte Brüderlichkeit beziehungsweise Schwesterlichkeit ist wieder an die Stelle der Solidarität getreten, und die äußert sich nicht in einem guten Arbeitsrecht für die digitalisierte Welt, sondern im Trinkgeld für Zalando- und Amazon-Bot*innen; die Digitalisierung spielt sich derzeit vor allem auf dem Rücken von Kurierdiensten ab.
Gewerkschaften gegen digitale Repression
Die Arbeit, nicht das bedingungslose Grundeinkommen, ist und bleibt aber der Schlüssel für die soziale Frage: Die Gewerkschaften werden sich zu transnationalen Nichtregierungsorganisationen entwickeln müssen, zur Kampforganisation gegen die digitale Repression. Sie werden die Missstände in der digitalen Arbeitswelt aufspüren, benennen, anprangern und abstellen müssen: Sie werden also gegen die digitale Entgrenzung des gesamten Lebens antreten, sie werden soziale Bindungen und Beziehungen gegen den neuen digitalen Kapitalismus verteidigen. Dann werden sie auch Anziehungskraft für viele Menschen entwickeln, die den Gewerkschaften heute eher fernstehen.
Neue Offensiven in der Arbeitswelt
Das ist das Ziel: Gesicherte, unbefristete Arbeitsverhältnisse müssen wieder selbstverständliche Normalität werden. Die Arbeitszeiten müssen verkürzt werden, damit die Arbeit neu verteilt wird. Vier-Tage-Woche, 30-Stunden-Woche als künftiger Standard. Kürzere Arbeitszeiten sollen den Lebensumständen Rechnung tragen: also Familienzeit, Bildungszeit, Erziehungszeit, Pflegezeit, Altersteilzeit. Es braucht neue Offensiven zur Humanisierung der Arbeit, es braucht die Abwehr des zeitlichen und physischen Drucks. Es geht darum, das Gegebene zum Besseren zu wenden. Der Philosoph Ludwig Marcuse sagt: „Das Traurige an unserer Zeit ist nicht, was sie nicht erreicht, sondern was sie nicht versucht. Im Versuchen aber liegt der echte Idealismus.“ Wir wollen nicht traurig sein. Wir wollen versuchen, was möglich ist.