lautstark. 28.04.2020

Respekt wirkt sich auf den Lernerfolg aus

SozialpädagogikBelastungFortbildung

Wie Lehrkräfte Respekt verdienen und verlieren

Gewalt gegen Polizist*innen, Beleidigungen von Politiker*innen und Shitstorms im Netz machen immer wieder Schlagzeilen. Sie entfachen Debatten über den Verlust von Respekt in der Gesellschaft. Ist das so – und wie sieht es konkret an Schulen aus?

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  • Ausgabe: lautstark. 03/2020 | Respekt ist Wertschätzung
  • Autor*in: Nadine Emmerich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

„Alte, gib mir Respekt!“: Unter Jugendlichen ist dies kein ungewöhnlicher Spruch und oft nicht abwertend oder beleidigend gemeint. Die ruppig klingende Wortwahl ist zudem kein Beleg für einen Werteverlust, wie der Pädagoge Uwe Riemer-Becker sagt, der für die GEW-Lehrkräftefortbildungen etwa zu Strategien bei Unterrichtsstörungen gibt. Die meisten Schüler*innen gingen respektvoll miteinander um. „Aber ihr Umgangston hat sich geändert.“

Ungeachtet der unterschiedlichen Wortwahl von Jung und Alt und egal ob Lehrende oder Lernende: Alle fordern einen Umgang miteinander ein, in dem Respekt eine Rolle spielt, auch wenn es für Respekt keine allgemein gebräuchliche Definition gibt. Schon seit Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft indes damit, was Respekt ist und wie sich Respekt erreichen lässt.

2003 wurde an der Universität Hamburg die RespectResearchGroup ins Leben gerufen. Gründer war der Psychologe Dr. Niels Van Quaquebeke, heute Professor für Leadership and Organizational Behavior an der Kühne Logistics University (KLU). Er unterscheidet zwischen vertikalem und horizontalem Respekt. Ersterer bezeichnet den Respekt vor einer bestimmten Leistung, letzterer erkennt an, dass jeder Mensch gleichwürdig ist.

Mit Blick auf das Verhältnis von Schüler*innen und Lehrkräften bedeutet das im Idealfall: Alle begegnen sich mit horizontalem Respekt, also Achtung. Lernende respektieren den Lehrenden zudem vertikal – etwa, weil er viel weiß und den Stoff spannend vermittelt. „Vertikalen Respekt muss sich ein Lehrer verdienen“, sagt Niels Van Quaquebeke. „Er muss die eigene Meisterschaft zeigen.“ Und zwar so, dass Schüler*innen sie verstehen und als wichtig begreifen. „Der herausragende Pädagoge schafft es, Schülern zu vermitteln, warum ein Thema lebensrelevant für sie ist. Darauf verwendet er einen großen Teil seiner Zeit.“

Umgang wirkt sich auf Lernerfolg aus

Nicht ohne Grund: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Respekt und Lernerfolg. Niels Van Quaquebeke und Kolleg*innen untersuchten, wie der Umgang von Lehrkräften mit Schüler*innen sich auf deren Leistungen in Mathematik und Deutsch auswirkte. Ergebnis: Je mehr sich die Jugendlichen respektiert sahen, desto besser waren ihre Noten.

Doch was können Pädagog*innen tun, wenn sie sich nicht ausreichend respektiert fühlen? Der Hamburger Experte rät, sich kritisch zu hinterfragen: Begegne ich meinen Schüler*innen auf Augenhöhe? Sehe ich ihre Ängste und Bedürfnisse? Nehme ich sie ernst? Ist mein Unterricht so gut, wie ich meine?

Für die Untersuchung „Was Schüler sagen: Wie Lehrer Respekt verdienen oder verlieren“ (2009) befragten Niels van Quaquebeke, Moritz Meyer und Tilman Eckloff 869 Schüler*innen aus den Stufen 5 bis 13 verschiedener Schulformen. Diese gaben an, sie respektierten die Lehrkräfte, die sich menschlich öffneten und zum Beispiel humorvoll seien.

Ähnlich sind die Erfahrungen von Uwe Riemer-Becker: „Schüler*innen haben Respekt vor Lehrer*innen, die authentisch sind.“ Dabei müssten Lehrkräfte einen schwierigen Spagat meistern und der Klasse klarmachen: „Ich meine es gut mit euch, aber ich habe das Sagen.“ Immer gelte zudem: „Schule ist ein gewaltfreier Raum.“ Diese Regel müssten Lehrer*innen vorleben. Zudem dürften sie Schüler*innen gegenüber zum Beispiel nie zynisch sein.

Konsequenzen beim Verstoß gegen Respektregeln

Der Schulberater betont: „Der soziale Umgang steht immer vor der fachlichen Vermittlung. Wenn das Umfeld stimmt, ergibt sich Respekt von allein.“ Er empfiehlt Lehrkräften, sich zu Beginn jeder Stunde zu fragen: „Sind wir zusammen arbeitsfähig? Und wenn nicht, sofort zu besprechen, was dazu getan werden muss. Erst dann kann ich Unterricht machen.“ Ein respektvolles Miteinander funktioniere zudem nur, wenn auf materieller Ebene alles stimme: „In einer maroden Schule fühlt sich niemand wohl.“

Häufig geäußerte Kommentare zur zunehmenden Respektlosigkeit oder gar Verrohung der Gesellschaft weist Niels Van Quaquebeke unterdessen zurück: „Es gibt keine Studien, die das belegen.“ Er glaubt vielmehr: „Wir waren sehr erfolgreich darin, die Menschen zu mündigen Bürgern zu erziehen, die ein gesundes Selbstwertgefühl haben und sich nicht mehr irgendwelchen Autoritäten beugen.“ Was bei jungen Menschen als Ungehorsam oder Rebellion wahrgenommen werde, habe zudem mit einem veränderten und partizipativen Erziehungsstil der Eltern zu tun. „Das zeigt sich dann auch in der Schule“, sagt Niels Van Quaquebeke.

Unterrichtsstörungen sind nach Einschätzung von Uwe Riemer-Becker zudem kein Zeichen von Respektlosigkeit. Er erläutert: „Die Gründe für ein solches Verhalten sind mannigfach. Aber oft haben sie wenig mit der Lehrkraft zu tun, sondern mit dem persönlichen Lebensumfeld des Jugendlichen.“ Die Lehrperson diene nur als „Blitzableiter“.

Dennoch betont er: Wer gegen die Respektregeln der Klasse oder Schule verstoße, müsse erfahren, dass dies Konsequenzen habe. Wichtig sei es, sofort einzugreifen, damit die Situation nicht eskaliere und die Lehrkraft ihre Autorität verliere. Bei Störungen helfe es zudem nicht, jemanden zurechtzuweisen und dabei entschuldigend zu lächeln. Ebenso sollte seiner Meinung nach immer klar formuliert werden: „Du hast dich falsch verhalten, aber nicht du bist falsch.“

Informationen und Unterstützung

Hier können Lehrkräfte Hilfe erhalten

Für Lehrkräfte ist es ein Spagat, Wissen zu vermitteln und zugleich für einen respektvollen Umgang zu sorgen. Sicherlich stoßen sie dabei auch an ihre Grenzen oder begegnen Schüler*innen, die immer wieder gegen die Respektregeln verstoßen. Unterstützung erhalten Lehrkräfte bei folgenden Stellen:

Sie können sich immer an ihre Personalrät*innen wenden.

Die Ansprechpartner*innen der schulpsychologischen Beratungsstellen bieten Hilfe an.

Die GEW NRW wird nach der Corona-Krise wieder Fortbildungen zu Themen wie Unterrichtsstörungen anbieten.