Schule 27.02.2025

Politische Bildung braucht Haltung

Politische BildungAntirassismusAntidiskriminierung
  • im Interview: Stefan Schubert
  • Funktion: stellvertretender Schulleiter am Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Oberhausen
  • im Interview: Lina Kindermann
  • Funktion: Lehrkraft und Koordinatorin der Demokratiepädagogik am Bertha-von-Suttner-Gymnasium
  • Interview von: Anne Petersohn
  • Funktion: freie Journalistin

Wann dürfen Lehrkräfte ihre Meinung äußern - und wann müssen sie das sogar?

Lehrkräfte sollen sich im Unterricht weltanschaulich neutral verhalten – das besagt das Neutralitätsgebot. Doch was, wenn Schüler*innen verfassungsfeindliche Positionen vertreten? Stefan Schubert und Lina Kindermann vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Oberhausen plädieren für eine klare Haltung – und engagieren sich für mehr Demokratiebildung im Unterricht.

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Welche Formen des Miteinanders prägen eure Schuldemokratie?

Stefan Schubert: Wir haben einen demokratiepädagogischen Schwerpunkt. Dadurch sind wir eine Schule, die in diesem Bereich nicht alltäglich unterwegs ist. Die Kinder können sich bei uns schon ab der fünften Klasse als „Demokratieentdecker“ anmelden. In der Demokratie-AG ab Klasse 8 fördern wir die Erinnerungskultur – etwa durch Ausflüge zur Gedenkhalle in Oberhausen und die Teilnahme an Gedenktagen. Gleichzeitig leben wir an der gesamten Schule demokratische Grundwerte wie Mitbestimmung, Toleranz und Zivilcourage. Bei uns hat jede Klasse einen Klassenrat, und in der Woche der Demokratie haben vor kurzem über 1000 Schüler*innen zum Thema Grundrechte gearbeitet. 

Wie können Lehrkräfte Wahlergebnisse im Unterricht thematisieren?

Stefan Schubert: Wir versuchen, solche Inhalte möglichst praxisnah zu vermitteln. Bei uns gab es vor der Bundestagswahl zum Beispiel Juniorwahlen – also Probewahlen, bei denen die Jugendlichen so abstimmen konnten, als würden sie an der Wahl teilnehmen. Dazu gehörte die Vor- und Nachbereitung im Unterricht. Ein anderes Beispiel ist unser Polittalk. Da haben wir Politiker*innen aller Parteien eingeladen, ihre Positionen bei uns in der Schule in großer Runde vorzustellen. Unsere Schüler*innen haben vorher über 100 Fragen gesammelt und mitbestimmt, wer kommen soll. Genau darum geht es: Kinder und Jugendliche selbstwirksam zu machen. Wir setzen nur den Rahmen und schreiten ein, wenn Dinge nicht möglich sind. 

Lina Kindermann: Es müssen aber gar nicht immer so große Projekte sein. Auch mit kleinen Dingen kann man viel erreichen. Wichtig ist nur, die Schüler*innen einzubeziehen und ihnen zu signalisieren, dass wir sie und ihre Meinungen ernst nehmen.

Stefan Schubert (links) ist stellvertretender Schulleiter am Bertha-von-Suttner-Gymnasium in Oberhausen. Seine Kollegin Lina Kindermann (rechts) koordiniert dort die Demokratiepädagogik.

Was können Lehrkräfte tun, wenn sich Schüler*innen im Unterricht für rechte Parteien aussprechen oder sich rechtspopulistisch äußern bzw. was müssen Lehrkräfte eurer Meinung nach tun?

Lina Kindermann: Da kommt es natürlich auf die konkrete Äußerung an, denn Schüler*innen sollen ja ihre Meinungen zum Ausdruck bringen dürfen. Wir machen aber immer sehr deutlich, dass wir menschenverachtende Äußerungen nicht dulden. Oft erinnern wir in solchen Fällen an die Meinungsfreiheit und sprechen darüber, wo Diskriminierung anfängt – und dass sie in diesem Moment möglicherweise andere trifft, die gerade mit im selben Raum sitzen.

Stefan Schubert: Wenn jemand gegen die Verfassung arbeitet, gehe ich immer in die Diskussion. Als Lehrer ist es mein Job, die Verfassung zu verteidigen und die Kinder zu mündigen Bürger*innen zu erziehen. 

Wie gelingt euch der Einklang zwischen dem Anspruch, Neutralität zu wahren und gleichzeitig Haltung zu zeigen?

Lina Kindermann: Der Begriff der Neutralität wird aus unserer Erfahrung häufig missverstanden und als Verpflichtung zum Schweigen empfunden. Natürlich wissen meine Schüler*innen beispielsweise nicht, was ich wähle. Aber als Lehrkräfte vertreten wir unser Grundgesetz und die Menschenrechte. Das ist die Basis all unseres Handelns – das muss den Kindern und Jugendlichen klar werden, und da können wir uns nicht wegducken. Da dürfen wir nicht neutral sein und sollen es auch nicht.

Stefan Schubert: Ich sehe das genauso. Auch als Lehrer muss ich bestimmte Meinungen nicht einfach hinnehmen. Wenn jemand ein Hakenkreuz an die Wand malt, dann muss ich die Polizei und den Staatsschutz einschalten. Ich halte es für höchst problematisch, dass sich viele Schulen aus diesen Debatten herausziehen – aus Angst, nicht mehr neutral zu sein. 

Wie setzt ihr im Unterricht politische Bildung um, ohne Schüler*innen zu beeinflussen?

Stefan Schubert: Ein klassischer Vorwurf an unsere Arbeit lautet, dass wir bestimmte Meinungen vermitteln. Doch in der Quintessenz geben wir den Schüler*innen keine Meinung, sondern eine Haltung vor – und zwar auf der Basis des Grundgesetzes. 

Lina Kindermann: Ich kann nochmal ein Beispiel nennen: Neulich habe ich mit meinen Neuntklässler*innen diskutiert, ob bei der Bundestagswahl schon 16-Jährige abstimmen dürfen sollten. Wir haben zuerst Texte gelesen und Argumente für beide Seiten gesammelt. Danach gab es eine Pro- und Contra-Diskussion nach festgelegten Regeln. Die Schüler*innen mussten dabei eine bestimmte Position vertreten – auch wenn es nicht ihre eigene war. Und am Ende sollten sie sich auf Basis der Argumente entlang einer Positionslinie einordnen und zeigen, wo sie stehen. Jugendliche verstehen sehr schnell, warum es wichtig ist, sich beide Seiten anzuschauen. Welche Meinung sie dann am Ende einnehmen, das müssen sie entscheiden.

Welche positiven Folgen dieses Vorgehens beobachtet ihr?

Lina Kindermann: Wir erleben, dass Schüler*innen wieder politischer werden und sich mehr mit politischen Themen auseinandersetzen – obwohl viele von zu Hause aus erstmal gar nicht politisch sind. Sie lernen das bei uns.

Stefan Schubert: Tatsächlich entlassen wir viele Schüler*innen mit einer politischen Grundhaltung und viel Aktivitätspotenzial. Sie nehmen mit, dass Schule nicht nur redet, sondern auch macht – und das tragen sie weiter. 

Das klingt alles sehr positiv. Seht ihr auch Herausforderungen, wenn es um Demokratiebildung im Unterricht geht?

Lina Kindermann: Natürlich. Eine Herausforderung ist sicher, Räume für das Thema zu schaffen. Ich kann mir vorstellen, dass man an anderen Schulen viele Kämpfe führen muss, um solche Inhalte dauerhaft aufzunehmen. Und obwohl bei uns die Strukturen vorhanden sind, braucht es viel Engagement. Zwei Drittel der Arbeit in diesem Bereich finden in unserer Freizeit statt – einfach, weil es uns wichtig ist. 

Was braucht es aus eurer Sicht, damit das Thema an Schule besser verankert wird?

Stefan Schubert: Ich sehe hier zwei wichtige Ebenen: Einerseits braucht es feste Strukturen an jeder Schule – zum Beispiel, indem es wöchentlich eine Unterrichtsstunde für Demokratieförderung im Stundenplan gibt. Und dann ist es wichtig, mehr Ressourcen für die Umsetzung bereitzustellen. Denn eine gute Demokratiebildung fordert eine ganze Schule – nicht nur die, die sie organisieren. 

Mehr Informationen zur Arbeit und zum Schulleben am Bertha-von-Suttner Gymnasium findest du auf der Schul-Website.