lautstark. 29.04.2021

Politische Bildung: Antisemitismus ist keine Meinung

Politische BildungAntidiskriminierungAntirassismusCorona

Präventionsarbeit in der Schule

Es gibt vielfältige Anstregungen für ein gesellschaftliches Miteinander, in dem Antisemitismus keinen Platz hat. Und dennoch ist Antisemitismus virulent – auch an Schulen. Wir haben mit SABRA*-Mitarbeiter Florian Beer darüber gesprochen.

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  • Ausgabe: lautstark. 03/2021 | Arm und Reich: Schieflagen ausgleichen
  • im Interview: Florian Beer
  • Funktion: GEW-Mitglied und SABRA-Mitarbeiter
  • Interview von: Vanessa Glaschke
  • Funktion: Redakteurin im NDS Verlag
Min.

Zu Beginn eine kurze Bestandsaufnahme: Wie steht es um das Engagement gegen Antisemitismus in NRW?

Florian Beer: In NRW wird bereits viel getan: So wurden beispielsweise landesweit über 50 Stellen für die Extremismusprävention eingerichtet, die jeweils an die örtlichen schulpsychologischen Dienste angebunden sind. Vergangenes Jahr hat die schwerpunktmäßig zu Antisemitismus arbeitende Beratungsstelle ADIRA** in Dortmund ihre Tätigkeit aufgenommen und SABRA hat Unterstützung durch eine Abordnungsstelle erhalten. Gleichwohl bleibt Antisemitismus ein gesellschaftliches Problem und ist eine Herausforderung, die vor Schulen nicht Halt macht. Schulen müssen auch darauf reagieren, dass Antisemitismus an aktuelle Entwicklungen andockt, was sich zum Beispiel an antisemitischen Reaktionen auf die Corona-Pandemie zeigt. 

Wie äußert sich Antisemitismus an Schulen beispielsweise?

Florian Beer: Es fängt damit an, dass „Du Jude“ im schulischen Alltag als Schimpfwort gebraucht wird, ohne dass immer mit der nötigen Konsequenz eingeschritten würde, und es endet damit, dass jüdische Schüler*innen so stark von Anfeindungen betroffen sind, dass sie nicht nur der Schule, sondern auch Deutschland den Rücken kehren, wie zuletzt ein Fall in Berlin gezeigt hat. Dabei kommt Antisemitismus keineswegs immer aus dem rechtsradikalen Milieu. Antisemitische Anfeindungen entstammen allen gesellschaftlichen Gruppen. Besonders virulent sind Formen des sekundären und israelbezogenen Antisemitismus. Studien zeigen, dass er auch vor Lehrkräften nicht Halt macht. Aus unserer Beratungspraxis wissen wir, dass für jüdische Eltern neben allen anderen Fragen, die mit der Schulwahl für die eigenen Kinder verbunden sind, zuerst die Frage im Raum steht, ob ihre Kinder sicher vor Antisemitismus sind. Es reicht nicht aus, sich beim Kampf gegen Antisemitismus an Schulen auf Schüler*innen oder gar lediglich auf bestimmte Gruppen unter ihnen zu fokussieren, sondern es muss das gesamte System mit allen Akteur*innen in den Blick genommen werden.

Welche Form der Unterstützung bietet SABRA Lehrkräften und Pädagog*innen konkret? Und wer steckt hinter der Servicestelle?

Florian Beer: SABRA ist eine von mehreren Anlaufstellen für Betroffene von Antisemitismus und Ansprechpartnerin für Schulen in NRW. Neben der Beratung entwickelt SABRA auch Bildungsmaterialien, beispielsweise den virtuellen Methodenkoffer „MALMAD“, der Lehrkräfte in ihrer täglichen Arbeit unterstützt. Daneben ist SABRA in der Multiplikator* innenbildung tätig. Als Organisation in Trägerschaft der jüdischen Gemeinde Düsseldorf verschafft SABRA dabei immer auch der jüdischen Perspektive Gehör.

Antisemitismus und Rassismus werden oft zusammen genannt. Aber wie unterscheiden sie sich?

Florian Beer: Beides sind Ideologien der Ungleichwertigkeit. Antisemitismus allerdings konstruiert die Idee einer mächtigeren Elite. Der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn beschreibt Antisemitismus darüber hinaus als Unfähigkeit und Unwilligkeit, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen. Beides werde vertauscht: Das Denken soll konkret, das Fühlen aber abstrakt sein. Dabei steht der antisemitische Impuls keineswegs im Zusammenhang mit dem realen Judentum, sondern entstammt der nicht ertragenen Ambivalenz der Moderne, die auf das projiziert wird, was der Antisemit für jüdisch hält. Um es mit Sartre auszudrücken: Gäbe es die Juden nicht, der Antisemit würde sie erfinden. Das ist auch der Grund, warum Kennenlernprojekte zwar wichtig sind und eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus anbahnen können, für sich aber nicht ausreichen.

Und worauf kommt es bei der Prävention von Antisemitismus an?

Florian Beer: Um dem skizzierten Mechanismus zu begegnen, ist neben der Förderung des abstrakten Denkens auch die emotionale Bildung zentral, also etwa die Ausbildung von Ambiguitätstoleranz und Empathie. Abwehrreaktionen, die Antisemitismus befördern können, entstehen auch durch die Konfrontation mit den Schrecken der Moderne. Deswegen muss die Thematisierung der Shoah pädagogisch gut begleitet werden, wenn sie gegen Antisemitismus wirken soll. Ansonsten besteht die Gefahr, Antisemitismus aus Abwehr zu befördern, wenn etwa den Jüdinnen und Juden vorgeworfen wird, sie ließen die Deutschen Auschwitz nicht vergessen, oder wenn Israel dämonisiert wird, um NS-Verbrechen zu relativieren. Die Thematisierung aktueller Formen des sekundären und israelbezogenen Antisemitismus ist daher mindestens ebenso wichtig wie die Beschäftigung mit dem historischen Antisemitismus.

Zum Bildungsauftrag von Schulen gehört auch die Vermittlung politischer Bildung sowie von Werten. Wie sollten Schulen diesen Auftrag umsetzen und wo brauchen sie deiner Meinung nach mehr Unterstützung?

Florian Beer: Wünschenswert ist eine stärkere Verankerung in der Lehrerkräftebildung. Gelegentlich wird Antisemitismus auch in Unterrichtsmaterialien reproduziert. Hier ist eine stärkere Kontrolle nötig. NRW hat mit der laufenden Prüfung von Schulbüchern einen wichtigen Schritt getan. Daneben bräuchte es mehr Zeit für antisemitismuskritische Bildungsarbeit. Zentral dabei ist, sie als Querschnittsaufgabe aller Fächer zu verstehen und nicht allein der historisch-politischen Bildung zuzuweisen. So kann naturwissenschaftliches Denken gegen die Übernahme von Verschwörungsfantasien immunisieren, die anschlussfähig sind für antisemitisches Denken. Antisemitische Einstellungen dürfen auch nicht aus einem falsch verstandenen Gebot der Multiperspektivität heraus toleriert werden. Klar sein muss: Antisemitismus ist keine Meinung unter vielen, sondern ein Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die zu schützen alle Lehrkräfte verpflichtet sind.

* Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit Beratung bei Rassismus und Antisemitismus

** Antidiskriminierungsberatung und Intervention bei Antisemitismus und Rassismus

Handlungsschritte für Lehrkräfte

Was tun bei Antisemitismus an Schulen?

1. Antisemitismus ernst nehmen

Lehrkräfte haben den grundgesetzbasierten Auftrag, Schüler*innen auf Basis demokratischer Werte zu erziehen. Dazu gehört eine klare Haltung gegen Antisemitismus, der nicht bagatellisiert werden darf. Auf antisemitische Vorkommnisse muss klar und unmissverständlich reagiert werden. Ein transparenter Umgang mit antisemitischen Vorfällen ist unabdingbar.

2. Vorfälle dokumentieren und melden

In der Schulmail vom 8. Mai 2018 steht es unmissverständlich: „Antisemitische Straftaten sind bei der Polizei anzuzeigen.“ Antisemitische Vorfälle sollten den zuständigen Stellen nicht zuletzt deswegen zur Kenntnis gebracht werden, weil nur ein konkretes Wissen um das Problems dazu beiträgt, wirksamere Präventions- und Interventionsmechanismen zu entwickeln.

3. Raum für den pädagogischen Umgang geben

Es ist wichtig, Schüler*innen Raum und Zeit zu geben, das Thema Antisemitismus offen und frei von Ängsten diskutieren zu können. Tabuisierungen oder eine schnelle Rückkehr zum pädagogischen Alltag sind keine geeigneten Reaktionen auf antisemitische Vorfälle.

4. Nachhaltige Präventionsarbeit statt Feuerwehrpädagogik

Wirksamer als pädagogische Interventionen, die erst dann stattfinden, wenn es eigentlich schon zu spät ist, ist eine nachhaltig angelegte Präventionsarbeit. Idealerweise ist die antisemitismuskritische Bildungsarbeit im Schulprogramm dauerhaft verankert und wird beispielsweise umgesetzt, indem antisemitismuskritische Haltungen nicht nur im Unterricht gefördert werden, sondern auch selbstverständlicher Teil der Schulentwicklungsarbeit sind.

5. Betroffene schützen, Solidarität stärken

Zweifellos ist es wichtig, auf Verantwortliche für antisemitische Vorfälle einzuwirken. Dabei darf der Schutz der Betroffenen nicht vergessen werden. Viele Jüdinnen und Juden geben sich aus Angst vor Übergriffen nicht zu erkennen. Auch deshalb sollten Pädagog*innen immer so handeln, als seien Jüdinnen und Juden anwesend. Wichtig ist es auch, all diejenigen zu stärken, die indifferent sind oder sich gegen Antisemitismus einsetzen wollen, aber unsicher sind, wie sie dies tun können. Jede Lehrkraft sollte eine solidarische Haltung gegen Antisemitismus fördern.

Florian Beer