lautstark. 01.12.2020

Menschen mit Behinderungen werden vergessen

AntidiskriminierungChancengleichheitFörderschuleInklusion

Gespräch mit Raúl Krauthausen

Barrierefreiheit, Chancengleichheit und Inklusion sind für Menschen mit Behinderungen essentielle Themen – dennoch werden sie von der Gesellschaft systematisch vergessen, so Raúl Krauthausen. Der Inklusions-Aktivist sieht besonders im Schulsystem große Probleme. Aber auch im Alltag wird Teilhabe behindert, deswegen hatte Krauthausen wheelmap.org ins Leben gerufen, eine digitale Landkarte, die anzeigt welche Orte barrierefrei sind oder eben nicht.

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  • Ausgabe: lautstark. 07/2020 | Im Einsatz für Gerechtigkeit
  • im Interview: Raúl Krauthausen
  • Funktion: Inklusions-Aktivist
  • Interview von: David Peters
  • Funktion: freier Journalist
Min.

Herr Krauthausen, wie gerecht ist das Leben von Menschen mit Behinderung in Deutschland?

Raúl Krauthausen: Menschen mit Behinderungen werden in Deutschland systematisch in allen Bereichen vergessen. Sie werden nicht mitgedacht, sie werden nicht gefragt. Es wird über sie gesprochen statt mit ihnen. Wenn Menschen mit Behinderungen überhaupt mal zu Wort kommen, dann nur zum Thema Behinderung. Zu keinem anderen Thema werden sie gefragt. Das ist auch Stigmatisierung.

Gibt es denn auch Bereiche, in denen die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen vergleichsweise gut funktioniert?

Raúl Krauthausen: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Kindergärten in Deutschland mit dem Thema Inklusion schon wesentlich weiter sind, als sie es vor ein paar Jahren waren und als Schulen es heute noch sind. Da wird noch relativ wenig aussortiert, im Sinne von „das Kind ist behindert und muss deswegen in einen Kindergarten für behinderte Kinder“. Dieses Aussortieren findet erst in der Schulzeit statt und zieht sich bis ans Lebensende durch. Sonst ist vielleicht noch das Digitale als positives Beispiel zu nennen. Da ist die Teilhabe behinderter Menschen nicht in allen Bereichen, aber in vielen möglich. Zunehmend sieht man auch beim öffentlichen Personennahverkehr eine positive Entwicklung, aber das ist es noch eine weite Reise.

Sie sprachen davon, dass Menschen „aussortiert“ werden, gerade in der Schule. Wie äußert sich das?

Raúl Krauthausen: Kindern mit Behinderungen wird größtenteils die Möglichkeit genommen, an Regelschulen unterrichtet zu werden. Sie werden an Förderschulen geschickt, um das System der Mehrheitsgesellschaft bloß nicht mit dem Thema Vielfalt zu konfrontieren. Es wird immer damit argumentiert, dass die Kinder es an den Förderschulen besser hätten, aber in Wirklichkeit verweigert man sich, Regelschulen inklusiver zu gestalten. Unter dem Aspekt des Schutzes werden Menschen mit Behinderungen aussortiert. Dadurch vergrößert sich eigentlich nur ihr Abstand zur Mehrheitsgesellschaft. Und je länger man da drin ist, desto schwerer kommt man da wieder raus. Wenn man beispielsweise einen Schulabschluss an einer Förderschule macht, dann findet man keine Ausbildung und landet im Berufsbildungswerk. Dort macht man zwar einen IHK-Abschluss, aber alle wissen, dass der weniger wert ist, wenn man das mit einer „normalen“ Ausbildung vergleicht. Dann landen diese Menschen mit Behinderungen in Behindertenwerkstätten, wo sie weniger als den Mindestlohn verdienen. Das halte ich persönlich für moderne Sklavenarbeit.

Also sollte man das System der Förderschulen überdenken und mehr auf Inklusion setzen?

Raúl Krauthausen: Wir machen in Deutschland grundsätzlich den Fehler, dass wir glauben, wir müssen alle Pädagoginnen und Pädagogen befähigen, behinderte Kinder zu unterrichten. Das ist ein Trugschluss. Es gibt ja nicht mal Förderschullehrer, die den Umgang mit allen Behinderungsformen gelernt haben. Auch Eltern behinderter Kinder waren vorher nicht ausgebildet. Zu glauben, wir müssten erst die Pädagoginnen und Pädagogen ausbilden, damit sie Kinder mit Behinderungen unterrichten können, ist eine völlige Fehlannahme. Da ist eher eine permanente Hinhaltetaktik, um zu begründen, warum Inklusion aktuell nicht geht. Die Forderung muss sein: entweder Förderschulen für alle oder Regelschulen für alle. Es darf aber nicht sein, dass Kindern aufgrund ihrer Behinderung der Besuch der Schule in der Nachbarschaft verwehrt wird, um sie stattdessen quer durch die Stadt zu der angeblich geeigneteren Schule zu fahren. Es ist eine traumatische Erfahrung für ein Kind, jeden Tag stundenlang im Fahrdienst zu sitzen, nur damit man in der „richtigen“ Schule ist, wo alle sind wie man selbst. Deswegen müssen wir eine Struktur schaffen, und so ist das Bildungssystem in Deutschland eigentlich auch ausgelegt, in der die beste Schule immer die in der Nähe ist. Egal ob man Junge oder Mädchen, behindert oder nicht behindert ist. Die Schule muss sich dem Kind anpassen und nicht das Kind der Schule.

Abseits von Schule und Berufsleben – wie sieht es mit der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Alltag, zum Beispiel in Restaurants oder Museen, aus?

Raúl Krauthausen: Es gibt immer die Problematik, dass Barrierefreiheit nicht vorausgesetzt werden kann. Das heißt, dass ich mich im Vorfeld informieren muss, ob der Besuch mit dem Rollstuhl möglich ist, und bin ich dort willkommen oder muss ich mich wieder irgendwo anmelden und kann ich spontan sein. Das verhindert auch Teilhabe. Zumal im öffentlichen Leben die meisten Orte, die wir besuchen, zur Privatwirtschaft gehören und diese ist nicht dazu verpflichtet, barrierefrei zu sein. Das müssen nur öffentliche Gebäude, wie Schulen, Rathäuser oder Universitäten, aber eben nicht Restaurants und Bars.

Und mit der Internetseite wheelmap.org versuchen Sie diese Problematik sichtbar zu machen?

Raúl Krauthausen: Genau. Inzwischen sind wir die größte Karte der Welt zu diesem Thema geworden und bieten Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, die Möglichkeit sich zu orientieren, welche Orte sie besuchen können und welche nicht.

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