lautstark. 05.10.2021

Mädchen*arbeit im Wandel

Soziale ArbeitAntidiskriminierungFrauenQueer und DiversityAntirassismus

Safe Spaces für die Identitätsentwicklung

Mädchen sein – das ist und bleibt eine wichtige Identitäts- und Erfahrungskategorie für Kinder und Jugendliche. Zeitgemäße Mädchenarbeit löst sich jedoch vom engen Blick auf das Geschlecht und versteht sich als intersektionale Antidiskriminierungsarbeit. Die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*arbeit NRW zeigt, wie es geht.

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  • Ausgabe: lautstark. 06/2021 | Gender und Diversity: Wen siehst du?
  • Autor*in: Denise Heidenreich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Die parteiliche feministische Mädchenarbeit in Deutschland blickt auf eine über 40-jährige Geschichte zurück: Getragen Ende der 1970er-Jahre unter anderem von der Frauenbewegung und der Gründung von feministischen Schutzräumen sowie der Kritik an einer jungendominierten Jugendarbeit, fokussierte sie zunehmend die Bedürfnisse, Interessen und Problemlagen von Mädchen und jungen Frauen.

Seitdem hat sich die parteiliche, feministische Mädchenarbeit laufend weiterentwickelt: In den 1990er-Jahren erfuhr sie die nötige strukturelle Stärkung, zum Beispiel in Form von dauerhaften kommunalen Finanzierungen von Einrichtungen der Mädchenarbeit. Besonders in den vergangenen Jahren nimmt die Mädchenarbeit (wieder) eine stärkere antidiskriminierende Haltung ein. Lebenssituationen von Mädchen werden nicht mehr nur auf das Geschlecht bezogen betrachtet, sondern intersektional. Das heißt, dass auch andere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Klassismus, Homo-, Trans- sowie Behindertenfeindlichkeit in den Blick genommen werden. Zeitgleich werden verschiedene feministische, antirassistische, queere, vielfaltsbezogene und gesellschaftskritische Bewegungen stärker. All diese Diskurse fließen in die Mädchenarbeit ein und heben die breite Vielfalt von Mädchen und weiblich gelesenen Jugendlichen hervor.

Gelebter Wandel in der „Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*arbeit NRW“

Diese Weiterentwicklungen machen deutlich, dass innerhalb der Mädchenarbeit immer wieder neue Antworten auf Herausforderungen und Fragen gesucht werden müssen, die sich an aktuellen Prozessen und Diskursen orientieren. Wie ein solcher Wandel aussehen kann, zeigt das Beispiel der „Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*arbeit Nordrhein-Westfalen“ (LAGM*A NRW): Seit ihrer Gründung vor 23 Jahren hat die Fachstelle einige Entwicklungen vollzogen.

Die LAG Mädchenarbeit in NRW wurde Ende der 1990er-Jahre gegründet mit dem Ziel, die Bedarfe von Fachkräften der Mädchenarbeit und mädchenpolitische Interessen im Rahmen der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu vertreten. „Heute liegt unser fachlicher Schwerpunkt auf queer-feministischer und rassismuskritischer Struktur- und Praxisentwicklung sowie der Fachvernetzung in der Mädchen*arbeit. Wir folgen einem intersektionalen und machtkritischen Verständnis von Mädchen*politik“, erklärt Sanata Nacro. Sie ist seit 2014 bei der LAGM*A NRW und seit 2017 zusammen mit Marthe Heidbreder geschäftsführende Fachreferentin der Landesfachstelle für Mädchen*arbeit.

Dem heutigen Selbstverständnis der LAGM*A NRW ging ein jahrelanger Entwicklungsprozess voraus, der vor allem durch Erfahrungen aus der Praxis angestoßen wurde: Irgendwann stellte sich unter anderem die Frage, inwieweit sich Mädchenarbeit noch auf Mädchen beziehen kann und sollte. Einerseits ist es für viele Jugendliche – und auch pädagogische Fachkräfte – eine wichtige Identitäts- und Erfahrungskategorie, Mädchen zu sein. Andererseits haben sich die Möglichkeiten, sich geschlechtlich zu verstehen, sehr vervielfältigt, und Jugendliche, die sich als Mädchen verstehen, machen nicht alle die gleichen Erfahrungen. „Es ist klar: Es gibt nicht nur cisgeschlechtliche¹ Mädchen, sondern auch Transmädchen, Mädchen mit Rassismuserfahrungen, es gibt Mädchen mit unterschiedlichem sozialen und ökonomischen Status, also viele unterschiedliche Erfahrungen und Positionierungen, die zusammenwirken“, erzählt Sanata Nacro. Um diese Erfahrungen und um die Flexibilität der Kategorie ,Mädchen‘ deutlich zu machen, entschloss sich die LAGM*A NRW schließlich 2019 zu einer Umbenennung und nahm das Sternchen mit in den Namen auf. Sanata Nacro: „Wir wollen eine Mädchen*arbeit vertreten, die Jugendliche in all ihren Lebensrealitäten erreicht und deutlich machen, dass wir unterschiedliche Geschlechteridentitäten ansprechen, wenn wir über Mädchen und weiblich gelesene Jugendliche sprechen.“

Raum für Geschlechtervielfalt schaffen und Cis-Normen kritisch reflektieren

Der Prozess symbolisiert, wie sich die Vorstellungen von Geschlechtlichkeit erweitert haben. „Für uns war es folgerichtig, dass unsere Arbeit sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen verändern muss und wir Angebote so gestalten, dass Jugendliche, die sich unterschiedlich geschlechtlich verorten, aber auch differente Erfahrungen bezüglich ihrer gesellschaftlichen Positionierung machen, Räume finden, in denen ihren Interessen entsprochen wird“, erzählt Sanata Nacro. „Die binäre Einteilung in Geschlechterkategorien deckt eben nicht die Erfahrungen aller ab.“ Deswegen arbeitet die Fachstelle laufend an der konzeptionellen Qualitätsentwicklung in der Mädchen*arbeit, und dabei ist die Fragestellung der Zwei-Geschlechter-Ordnung ein ganz zentrales Thema. Die geschlechterreflektierte Pädagogik richtet sich an einer Vielfalt von Sexualitäten, Begehrensformen und geschlechtlichen Identitäten aus. „Das betrifft zum einen uns als Team und ist wichtig für unsere Fachberatungen: Einige von uns definieren sich als queer, andere nicht. Wir sind überwiegend cisgeschlechtlich positioniert und thematisieren das, wenn wir Vernetzungsangebote machen und zum Nachdenken über unsere Privilegien anregen. Es ist wichtig, dass wir – wenn wir Räume für unterschiedlich geschlechtlich positionierte Jugendliche anbieten – zunächst reflektieren, inwieweit wir zum Beispiel Cis-Normen immer wieder reproduzieren.“

Mädchensein und Queersein: Gleichzeitigkeit in der Mädchen*arbeit

Und wie wirken sich die Entwicklungen auf die Arbeit mit den pädagogischen Fachkräften aus? Dazu erhält die Fachstelle unterschiedliche Rückmeldungen: Die Weiterentwicklungen sind auf der einen Seite von zahlreichen Praktiker*innen angestoßen worden. Mit ihren eigenen Erfahrungen und fachlichen Perspektiven – vor allem in Bezug auf queere Perspektiven und Rassismuserfahrungen – sind sie an das Team der Fachstelle herangetreten, um Mädchen*arbeit inhaltlich und konzeptionell weiterzuentwickeln. Und dann gibt es auf der anderen Seite auch Fachkräfte, die hinsichtlich des sich erweiternden Spektrums an Geschlechterkategorien Schwierigkeiten haben. In der Praxis gibt es bereits unterschiedliche Konzepte, die zum einen die Angebote offen gestalten für Jugendliche mit verschiedenen geschlechtlichen Selbstverständnissen und zum anderen mitdenken, dass Mädchensein für viele Jugendliche nach wie vor ein wichtiger Bezugspunkt ist. Dementsprechend braucht es Orte in der Mädchen*arbeit, die sowohl die Realitäten und Lebenslagen von Mädchen als auch von queeren Jugendlichen in den Blick nehmen.

In ihrer Arbeit versucht die LAGM*A NRW diese Gleichzeitigkeit aufzugreifen, indem sie Reflexionsräume anbietet. „Wir wollen Diskurse zu pädagogischen Ansätzen der Mädchen*arbeit anregen, unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen lassen und die Widersprüche darin nicht verdecken, sondern sichtbar machen“, so Sanata Nacro. In Vernetzungstreffen und Workshops eröffnet die LAGM*A NRW den Teilnehmenden die Möglichkeit, theoretische Ansätze ganz konkret für die eigene Arbeit zu analysieren und herauszufinden, was zum Beispiel das Thema Intersektionalität für die eigene Praxis mit den Mädchen* bedeutet und welche Weiterentwicklungen in der eigenen Trägerstruktur anstehen.

Weiblich, männlich, queer: Zielgruppenspezifische Angebote werden weiter gebraucht

Je mehr Zweigeschlechtlichkeit als einziger Bezugspunkt von geschlechterreflektierter Jugendarbeit infrage gestellt wird, desto breiter wird auch das Kooperationsspektrum der Fachstelle: „Insgesamt sind wir in NRW, was die Geschlechterpädagogik angeht, im Bundesvergleich sehr gut aufgestellt: Unser Land fördert sechs Fachstellen der geschlechterreflektierten Pädagogik, seit 2017 sind auch zwei Fachstellen für queere Jugendarbeit darunter. Das heißt, auch strukturell haben sich die Möglichkeiten zu kooperieren erweitert – aber wir suchen auch inhaltlich die Nähe zueinander.“

Hinsichtlich des Wissens um die verschiedenen Geschlechteridentitäten stellt sich die Frage, ob es die klassische Trennung zwischen verschiedenen Anlaufstellen für einzelne Geschlechter wie Mädchen und Jungen braucht. So setzen einige Träger der Mädchen*arbeit diese binäre Trennung so nicht mehr um und machen stattdessen Angebote für FLINTA (Frauen, Lesben, Inter, Nichtbinär, Trans*, Agender), die für alle Jugendlichen zugänglich sind, die Sexismenerfahrungen machen. Sanata Nacro sieht es so: „Da wir nach wie vor nicht in einer Gesellschaft leben, die für alle Kinder, alle Jugendlichen, ja alle Menschen dieselben Zugangsmöglichkeiten bietet, brauchen wir aus meiner Sicht zielgruppenspezifische Angebote, also Mädchen*räume wie sie zum Beispiel Mädchen*treffs anbieten. Solange Jugendliche unterschiedliche Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen machen, und da auch gezielte Begleitung und Unterstützung brauchen, sind Angebote wie die queere Jugendarbeit, die intersektionale Mädchen*arbeit und die Jungenarbeit notwendig, um genau diese unterschiedlichen Erfahrungen auch reflektieren zu können.“

Die Praxiserfahrungen bestätigen diese fachlich-konzeptionelle Sicht: Jugendliche wollen diese Angebote und nehmen sie wahr. „Jugendliche brauchen Räume, in denen sie die Möglichkeiten haben, ihre Erfahrungen anzusprechen, ohne dass sie bagatellisiert werden, in denen Diskrimierungserfahrungen besprechbar sind. Sie brauchen die Chance, sich in Bezug auf ihre Identitätsentwicklung auszuprobieren und zwar jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen“, berichtet Sanata Nacro. „Darum ist es wichtig, dass es zielgruppenspezifische Angebote gibt, also Schutz-, Frei- und Möglichkeitsräume, in denen sie ihre Fragen stellen können, ohne dass sie die ganze Zeit damit beschäftigt sind, sich von Jugendlichen abzugrenzen, die diese Erfahrung nicht machen.“

Mädchen*politik in NRW

Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*arbeit

Seit ihrer Gründung 1998 setzt sich die heutige Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*arbeit NRW (LAGM*A NRW) für die Bedürfnisse von Mädchen und jungen Frauen ein. Das siebenköpfige Team streitet für Empowerment und Privilegienreflexion in der Mädchen*arbeit und für eine macht- und geschlechterreflektierte Kinder- und Jugendpolitik.

Neben Qualifizierungsworkshops und Fachberatungen für Arbeitskreise, Träger, Institutionen und Fachkräfte ist die kommunale und regionale Netzwerkarbeit ein zentrales Aufgabenfeld. Die LAGM*A NRW steht für eine queer-feministische und rassismuskritische Mädchen*politik in NRW, regt diese an und beteiligt sich an fachpolitischen Diskursen.

Als Netzwerk und Fachstelle vertritt sie die Interessen der Unterstützer*innen auf Landesebene, nimmt an Fachgesprächen teil und veröffentlicht Stellungnahmen und Handlungsempfehlungen. Die LAGM*A ist zudem Herausgeberin der „Betrifft Mädchen“, der einzigen pädagogischen Fachzeitschrift für Mädchen*arbeit.