lautstark. 01.12.2020
Lernen im Gleichschritt war gestern




Albert Einstein soll einen Intelligenzquotienten (IQ) von 160 gehabt haben. Das Physikgenie galt als hochbegabt, so wie landläufig Menschen mit einem IQ von über 130. Dieser Wert gilt aber heute nicht mehr als alleinige Messlatte. Vielmehr hat man etwa in Schulen einen differenzierteren Blick darauf, besondere Begabungen von Kindern zu erkennen. „Das fängt schon damit an, dass man heute weniger von Hochbegabung, sondern eher von besonderer Begabung spricht“, erklärt Prof. Dr. Christian Fischer. Der Erziehungswissenschaftler mit Schwerpunkt Schulpädagogik, Begabungsforschung und Individuelle Förderung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat das Projekt Zentren Begabtenförderung mit entwickelt und begleitet. 23 Schulen – 13 Grundschulen, zwei Gesamtschulen und acht Gymnasien – waren an dem Projekt beteiligt. Drei Jahre lang, bis Ende 2019, ging es darum, die Expertise der Schulen mit Blick auf Begabungs- und Begabtenförderung auszubauen. Zudem haben sich die Schulen zu Zentren entwickelt, in denen Beratung und Hospitationen für andere Pädagog*innen zu dem Thema angeboten werden.
Individuelles Lernen ausgebaut
Eine davon ist die Westricher Grundschule in Dortmund. Maren Schädel ist seit sieben Jahren Lehrerin an der zweizügigen Schule. Die 33-Jährige unterrichtet derzeit 24 Erst- und Zweitklässler*innen in einer jahrgangsübergreifenden Klasse. Vier bis fünf Kinder in der Klasse seien besonders begabt, erzählt sie. Die Herausforderung als Klassenlehrerin sei aber, bei der Förderung allen Kindern gerecht zu werden. „Begabte Kinder sind häufig kognitiv in einem Bereich sehr weit, dafür stecken oft andere Bereiche zurück“, so Maren Schädel. Das Trainieren des Schriftbildes, der Rechtschreibung sowie des Auswendiglernens des Einmaleins empfinden sie zumeist als langweilig und unnötig. Da ist die Lehrkraft als Lernbegleitung gefragt, für sie Herausforderungen zu kreieren. Weil die begabten ebenso wie alle anderen Schüler*innen gefordert und gef.rdert werden sollen, hat die Schule das individuelle Lernen weit ausgebaut. „Wir arbeiten nicht mehr mit einem Schulbuch, sind davon weg, dass alle Kinder gleichzeitig Seite 5 aufschlagen müssen“, erklärt die Pädagogin.


Besondere Fähigkeiten früh erkennen
Ebenso wie Prof. Dr. Christian Fischer hält auch die Dortmunder Grundschullehrerin nicht viel davon, bei der Frage nach besonderer Begabung nur auf den IQ zu blicken. Es sei aber wichtig, besondere Fähigkeiten früh, also schon in der Primarstufe, zu erkennen. „Kinder dürfen sich in der Schule nicht langweilen, dürfen die Lernmotivation und die Lust an Schule nicht verlieren“, so Maren Schädel. Das könne schnell passieren, wenn sie sich unterfordert fühlen oder sogar gemobbt werden. „In der Grundschule sind wir noch sehr nah dran an den Kindern, können sie gut motivieren.“ Hier hat das Projekt Zentren Begabtenförderung angesetzt am Nachfolgeprojekt Leistung macht Schule nehmenmittlerweile 64 Schulen landesweit teil. „Wichtig ist, das gesamte Kind im Blick zu haben“, betont Prof. Dr. Christian Fischer. Bei der Frage, ob ein Kind besonders begabt ist, zählten neben dem IQ-Test auch nichtintellektuelle Bereiche, musisch-künstlerische Fähigkeiten oder emotional-soziale Potenziale. „Die Erfassung hat an Breite gewonnen“, betont der Münsteraner Erziehungswissenschaftler.„Bei unserer Arbeit haben wir verstärkt auch Kinder aus benachteiligten Lagen oder Kinder im Blick, die in anderen Bereichen spezielle Beeinträchtigungen zeigen.“ Bei klassischen IQ-Tests seien früher hingegen nur Bereiche abgefragt worden, die mit kognitiven Spielen im Vorschulbereich trainiert werden konnten. Im Projekt Zentren Begabtenförderung gehe es darum, bei den Schüler*innen Begabungen im Sinne eines leistungsbezogenen Entwicklungspotenzials zu erkennen. Das setze sich zusammen aus Fähigkeitspotenzial („can do“) und Persönlichkeitspotenzial wie Motivation und Ausdauer („will do“).
Im Mittelpunkt steht die Förderung jedes Kindes
Wichtig war es dem Forscherteam, dass in den Schulen Bildungsgerechtigkeit ermöglicht wird. „Jedes Kind hat ein Anrecht darauf, individuell die nächste Stufe der Entwicklung zu erreichen“, so Prof. Dr. Christian Fischer. Früher sei es oft das Ziel gewesen, alle Schüler*innen ans Mittelma. heranzuführen, um die Streuung der Leistungen innerhalb einer Klasse zu verringern und einen „Unterricht im Gleichschritt“ zu ermöglichen. Jetzt sollen die Lehrer*innen mit diagnostischem Blick erkennen, welches Kind wo steht, wer in welchem Bereich gefördert werden kann – Kinder mit Lernschwierigkeiten ebenso wie Kinder mit besonderen Begabungen. Das sei eine große Herausforderung. Denn nicht nur die Grundschulklassen seien sehr heterogen, sondern auch die Leistungsprofile jeder*s Einzelnen. „Es gibt etwa Schüler*innen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, die auf der anderen Seite mathematisch besonders begabt sind“, so Prof. Dr. Christian Fischer.
Qualifizierung von Lehrkräften ist wichtig
Begabungs- und Begabtenförderung habe oft den Ruf von Eliteförderung, das sei in Deutschland sehr verpönt, so der Wissenschaftler. Deshalb hat die Föderinitiative Leistung macht Schule aktuell das Ziel, Produkte zu entwickeln, damit die Lehrkräfte auch den potenziell Leistungsstarken Angebote machen können. „Es wäre eine zu ambitionierte Forderung, dass Lehrkräfte das alles selbst entwickeln sollen“, betont Prof. Dr. Christian Fischer. Aber die Lehrer*innen sollen erkennen, wo das Kind steht, welche die nächste Entwicklungsstufe ist und entsprechende Förderangebote machen. Dafür sei die Qualifizierung von Lehrpersonen wichtig. Begabungsförderung habe in der Lehrer*innenausbildung noch nicht den Stellenwert, den sie haben müsste, obwohl sie im Koalitionsvertrag NRW verankert sei.
„Diagnoseinstrumente und Fördermaterialien müssten überall zur Verfügung stehen, das würde die Arbeit erleichtern“, so Prof. Dr. Christian Fischer. Dazu flexible Teamstrukturen im Lehrer*innenteam, die Einbindung von Mentor*innen und flexiblere Unterrichtsstrukturen statt „Unterricht im Gleichschritt“. Auch eine anregende Lernumgebung sei wichtig für den Erfolg. Letztlich profitierten alle Kinder davon. „Mit der Flut steigen alle Schiffe“, zitiert Prof. Dr. Christian Fischer den amerikanischen Begabungsforscher Joseph Renzulli.
Begabte Kinder meistern Distanzunterricht besser
Gerade jetzt in der Corona-Krise treten Unterschiede deutlich zutage. „Beim Lernen auf Distanz waren Kinder erfolgreich, die hohe Selbststeuerungskompetenzen hatten, einige Kinder haben Freiheiten genutzt, um über sich hinauszuwachsen“, erzählt der Forscher von seinen Beobachtungen. Die besonders begabten Kinder seien in der Regel bislang gut durch die Krise gekommen, beschreibt auch Lehrerin Maren Schädel. „Diese Kinder wurden meist auch von den Eltern gut unterstützt. Das größere Problem waren Kinder, die wenig Unterstützung durch Eltern sowie eine geringe Eigeninitiative hatten.“