lautstark. 10.08.2020

Lehrkräftefortbildung: Neuausrichtung geboten

Fortbildung

Was muss eine Reform leisten?

Eine Reform der Lehrer*innenfortbildung gilt in Nordrhein-Westfalen einstimmig als überfällig, nun wird um das Wie gerungen. Auf dem Tisch liegen unter anderem eine Stellungnahme der GEW NRW und ein Gutachten der Max-Träger-Stiftung – mit vielen Kritikpunkten am Status quo.

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  • Ausgabe: lautstark. 05/2020 | Mehr Profis für gute Bildung
  • Autor*in: Nadine Emmerich
  • Funktion: freie Journalistin
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Digitalisierung, Inklusion, Integration, individuelle Förderung und Umgang mit Diversität: Die Anforderungen an das, was Schule und Lehrkräfte leisten sollen, sind hoch – Tendenz steigend. Viele aktuelle Herausforderungen sind indes nicht oder nicht ausreichend Teil der Lehramtsausbildung. Lehrer*innen müssen sich entsprechende Kompetenzen bei Fortbildungen aneignen. Das ist nicht nur eine zeitliche und finanzielle, sondern auch eine komplexe Systemfrage: Die Lehrer*innenfortbildung in Nordrhein-Westfalen sei „in einem relativ desolaten Zustand“, kommentierte die GEW NRW jüngst in einer Stellungnahme.

Zunächst findet Fortbildung kaum statt: „Einer im Durchschnitt siebenjährigen Ausbildung für den Lehrberuf stehen in 35 bis 40 Berufsjahren als Lehrkraft allenfalls und insgesamt ein paar Wochen Fortbildung gegenüber“, schreiben die Bildungswissenschaftler Botho Priebe, Wolfgang Böttcher, Ulrich Heinemann und Christian Kubina in ihrem von der Max-Träger-Stiftung geförderten Gutachten Steuerung und Qualitätsentwicklung im Fortbildungssystem. Was die Experten vorschlagen, ist weitreichend: „Insgesamt erfordert die Neuausrichtung der Lehrkräftefortbildung im Kontext der Lehrer*innenbildung deren Gesamtreform als bildungspolitische Steuerungsaufgabe der Kultusministerkonferenz.“

Unklare Zuständigkeiten

Dass das System reformiert werden müsse, darüber sind sich alle bildungspolitischen Akteure einig. Schon kurz nach Amtsantritt der schwarz-gelben Landesregierung gab das Schulministerium eine Evaluation der Lehrerfortbildung in NRW in Auftrag. Ergebnis: Die Strukturen seien „unübersichtlich mit unklaren Zuständigkeiten“, die Effekte der Fortbildungen „unbefriedigend“. Die Fraktionen von CDU und FDP forderten die Landesregierung per Antrag zur Weiterentwicklung auf. Damit war der politische Auftrag zur Reform der Lehrkräftefortbildung formuliert.

Die GEW beteiligt sich an der Debatte. Konkret kritisiert die Bildungsgewerkschaft – wie die Autoren der Evaluation –, die Zuständigkeiten der zahlreichen Fortbildungseinrichtungen seien unklar und Kernaufgaben zwischen den Einrichtungen nicht abgestimmt. „Das ganze System ist suboptimal organisiert, mit unbefriedigenden Effekten und zu wenig Output“, sagt der bei der GEW NRW für Lehrer*innenfortbildung zuständige Referent Berthold Paschert. Zudem gebe es keine definierten und abgestimmten Qualitätsstandards. Und wie fast alle Bildungsbereiche sei auch die Lehrer*innenfortbildung unterfinanziert.

Schulen sollen Bedarfe formulieren

Jede Weiterentwicklung des Fortbildungssystems in NRW muss sich daran orientieren, dass die einzelnen Schulen die von ihnen definierten Bedarfe umsetzen können. Sie müssen dabei auf ein Fortbildungsangebot der Kompetenzteams (und der Bezirksregierungen) zurückgreifen können, das passgenau ist und landespolitische Vorgaben berücksichtigt.

Eine zentrale – und weiter zu stärkende – Steuerungsrolle in Sachen Qualität und Evaluation hat nach Ansicht der GEW NRW die Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule NRW (QUA-LiS). Dort müsse auch eine landesweite Fortbildungsdatenbank geführt werden, sagt Berthold Paschert. Verantwortlich für ein nachweislich effektives Fortbildungssystem für Schulen, Lehrkräfte und Schulleitungen sei schließlich das Ministerium für Schule und Bildung NRW, dessen professionelle Steuerung auf Grundlage definierter Kernaufgaben und Qualitätsstandards erfolgen muss.

Bundesweiter Flickenteppich

NRW ist mit seinem reformbedürftigen Fortbildungssystem derweil keine Ausnahme. „Die Lehrkräftebildung ist von der Bundesebene aus betrachtet ein einziger Flickenteppich von Einzelangeboten, Schulentwicklungsprojekten und Beratungsstrukturen“, schreibt Ilka Hoffmann, im GEW-Hauptvorstand für das Thema Schulen zuständig, im Vorwort des Gutachtens der Bildungsforscher. Sie warnt vor möglichen Folgen: „Die Schwäche der staatlich verantworteten Strukturen birgt die Gefahr, dass sich Stiftungen, Anbieter aus der Wirtschaft sowie verschiedene Organisationen auf dem ‚Markt‘ tummeln und die Inhalte mitbestimmen.“