

Ohne Engagement der Lehrkräfte kein Distanzunterricht
Die Einstellung des Schulbetriebs Mitte März offenbarte die ersten großen Herausforderungen. Lehrer*innen mussten sich nicht nur um die Notbetreuung kümmern, sondern zugleich das Lehren auf Distanz organisieren. Und nicht nur, dass für viele der Einsatz digitaler Medien für Unterrichtszwecke neu war, sie waren auch gezwungen, sich einer Technik zu bedienen, deren Infrastruktur in den Schulen vielerorts fehlt: die digitale Ausstattung. Auf sich selbst gestellt informierten sich die Lehrer*innen über geeignete Lernplattformen, besuchten Webinare, konfigurierten Daten und nahmen an Videokonferenzen teil. Es ist dieser großen Bereitschaft der Kolleg*innen zu verdanken, dass Lehren auf Distanz ohne vorhandene Ausstattung mit digitalen Endgeräten und geeigneten Lernplattformen mit Konferenztools sowie weiterer Software überhaupt stattfinden kann.
Infektionsschutz sicherzustellen, wird zur Herkulesaufgabe
Die schrittweise Wiederöffnung der Schulen Ende April für die Abschlussklassen brachte die nächsten Herausforderungen mit sich: in kürzester Zeit Hygienevorgaben umsetzen und den Infektionsschutz sicherstellen. Die vom MSB NRW dafür eingeräumte Vorlaufzeit von drei Tagen war eine Herkulesaufgabe für Schulleitungen und Kollegien. Unter enormem Zeitdruck mussten sie die Voraussetzungen für einen Schulbetrieb erfüllen, der allen hygienischen Bedingungen und Vorgaben des Infektionsschutzes gerecht werden sollte. Schwierig, wenn es vielerorts keine sanierten Schulgebäude gibt, desolate Hygienezustände im Sanitärbereich herrschen, Klassenräume nicht mit Waschbecken ausgestattet sind und Fenster nicht geöffnet oder geschlossen werden können. In manchen Schulen waren Papierhandtücher, Seife und Desinfektionsmittel in so kurzer Zeit aufgebraucht, dass Lehrer*innen als Ersatz „Duschgel-Pröbchen“ mit zur Schule nahmen.
Dass die Hygienevorgaben und Infektionsschutzmaßnahmen trotz der Mängel größtenteils eingehalten werden konnten, geht erneut auf den unermüdlichen Einsatz von Schulleitungen, Lehrer*innenkollegien, städtischen Angestellten wie Hausmeister*innen, Schulsekretär*innen und dem Putzpersonal zurück. Trotz ihrer mitunter desolaten Möglichkeiten vor Ort erarbeiteten sie individuelle Konzepte und entwickelten kreative Lösungen.
Hoher Organisationsaufwand, Raumknappheit und Frontalunterricht
Und auch mit der Einführung des rollierenden Systems Mitte/Ende Mai bleibt das Miteinander an unseren Schulen von Hygienekonzepten und der Einhaltung von Vorgaben des Infektionsschutzes bestimmt und fußt auf dem Engagement der Lehrkräfte. Unterricht im klassischen Sinne gehört derzeit der Vergangenheit an. Im Vordergrund stehen die Einhaltung von Mindestabständen, Bildung von Betreuungssettings, strikte Trennung von Gruppen, Analyse von Laufwegen, wirkungsvolle Kontaktbarrieren, Vermeidung von Zusammenkünften, zeitversetzte Nutzung von Klassenräumen, Schulfluren, Pausenhöfen und Sanitäranlagen und Vermeidung von Überschneidungen in den Tagesabläufen. Nebenprodukte des rollierenden Systems sind ein hoher Organisationsaufwand bei der Personalplanung, bei der der Einsatz der Lehrer*innen sowohl im Präsenzunterricht als auch in der Notbetreuung berücksichtigt werden muss, räumliche Engpässe und vorwiegend Frontalunterricht.
Die exemplarisch aufgezeigten schlechten strukturellen Lehr- und Lernbedingungen in unseren Schulen gelten für alle Bildungseinrichtungen und wurden durch die Corona-Pandemie noch potenziert. Viel zu sehr ruht die Krisenbewältigung allein auf dem Engagement der Beschäftigten. Die Corona-Krise muss jetzt genutzt werden, um die Versäumnisse der Politik in Bezug auf bildungspolitische Entscheidungen zu korrigieren und zeitliche, finanzielle und personelle Ressourcen und Räume zu schaffen – für erfolgreiche Bildungsbiografien, ein bildungsgerechteres Miteinander und zur Unterstützung und Entlastung der Beschäftigten.