

Wenn von autoritären Regimen oder Regierungen die Rede ist, handelt es sich um die Bezeichnung einer diktatorischen Staatsform. Werden jedoch politische Haltungen, politische Bewegungen oder Menschen als autoritär bezeichnet, dann geht das auf ein Konzept zurück, das bereits in den 1930er-Jahren im Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) seinen Anfang gefunden hat.
Autoritäre Gesellschaft: Warum sich Menschen freiwillig Autoritäten unterwerfen
Der damalige IfS-Direktor Max Horkheimer benannte 1936 im Sammelband Studien über Autorität und Familie das Verhältnis zu Autoritäten als einen entscheidenden Faktor für die Ausbildung des Faschismus. Erich Fromm prägte in der gleichen Publikation den Begriff des autoritären Charakters. Diese Vorarbeiten mündeten schließlich 1950 in den Studien zum autoritären Charakter von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel Levinson und Nevitt Sanford aus dem US-amerikanischen Exil.
Die Wissenschaftler*innen erforschten mit Hilfe von Fragebögen und Interviews, warum sich Menschen freiwillig Autoritäten unterwerfen und so anfällig für den Nationalsozialismus und faschistische Ideologien waren. Sie gingen davon aus, dass eine autoritäre Gesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in der die Menschen für gesellschaftliche Teilhabe ihre Bedürfnisse und Wünsche repressiv unterdrücken und sich an rigide Normen anpassen mussten, sich auch in der Psyche der Menschen niederschlug und sich dadurch ein autoritärer Charakter bei ihnen herausbildete.


Der Radfahrer buckelt nach oben und tritt nach unten
Auch wenn die Welt heute anders aussieht, besitzen die Erkenntnisse von damals noch immer einen Erklärungswert für die Entstehung von antidemokratischen Einstellungen und Ressentiments. Heute sprechen wir vom autoritären Syndrom und meinen damit ein ganzes Bündel an Eigenschaften: Zentral ist dabei nach wie vor die generelle innere Bereitschaft dazu, sich stark wirkenden Autoritäten unterwerfen zu wollen, um so an deren Macht teilzuhaben (autoritäre Unterwürfigkeit) und gleichzeitig schwach oder fremd wirkende Gruppen aggressiv abzuwerten (autoritäre Aggression). Hier passt das von dem Philosophen und Sozialwissenschaftler Theodor W. Adorno und seinen Kolleg*innen geprägte Bild des Radfahrers, der nach oben vor Autoritäten buckelt, aber nach unten gegen Schwächere tritt.
Und auch eine Tendenz zur Projektion – also dem Verlagern eigener unverstandener Gefühle wie eigener Aggressionen oder Ängste – in andere Gruppen gehört dazu. Das können wir unter anderem im Verschwörungsglauben beobachten: Die eigene unbewusste Aggression wird nicht verstanden, sondern in als böswillig und mächtig imaginierte Gruppen projiziert. Plötzlich sind es ausschließlich diese Gruppen, von denen die Aggression ausgeht – die eigene Gruppe erscheint völlig harmlos. So entsteht ein gespaltenes Weltbild von Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Ambivalenzen, etwa dass etwas durchaus nicht nur gut oder böse sein kann, können nicht ausgehalten werden – weder in anderen noch in der eigenen Person.
Das autoritäre Syndrom ist Grundlage von antidemokratischen Einstellungen
Das autoritäre Syndrom ist nicht zwangsläufig mit einer bestimmten politischen Ideologie verbunden. Autoritäre Tendenzen kann es in allen politischen Lagern geben. So konnten wir in der aktuellen Leipziger Autoritarismus-Studie feststellen, dass während der Pandemie nicht nur die sogenannten „Corona-Leugner*innen“ hohe Werte auf der Autoritarismus-Skala aufwiesen. Auch solche Menschen, die sich politisch eher als „mittig“ einschätzten, sich an die staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie hielten und sich impfen ließen, zeigten eine autoritäre Aggression gegen solche, die sich nicht an die Maßnahmen hielten.
Unabhängig von Ereignissen wie einer weltweiten Pandemie zeigt die Forschung regelmäßig: Das autoritäre Syndrom ist vor allem Grundlage von antidemokratischen Einstellungen wie Rechtextremismus, Antisemitismus, antimuslimischen Ressentiments oder Antifeminismus. Zentral für die Entstehung von autoritären Einstellungen sind gesellschaftliche Ohnmachts- und Kontrollverlusterfahrungen. Auch erfahrene Ungleichheit und Kränkung aufgrund nicht eingehaltener gesellschaftlicher Versprechen sind mögliche Entstehungsbedingungen. Wenn also zum Beispiel ein Vollzeitjob kein Auskommen ermöglicht oder politische Repräsentation ausbleibt.


Mitbestimmung in Gewerkschaften kann antidemokratischen Einstellungen entgegenwirken
Autoritäre Einstellungen sind in allen gesellschaftlichen Milieus vorhanden. Häufiger sind sie jedoch dort anzutreffen, wo Menschen sich wirtschaftlich, politisch und sozial abgehängt fühlen, sowie in Regionen, die tatsächlich abgehängt sind – sei es durch schlechte Infrastruktur, Abwanderung von Arbeitskräften, hohe Arbeitslosenquote oder niedrige Löhne. Autoritarismus kann deshalb verstanden werden als ein sehr regressiver Umgang mit solchen Deprivationserfahrungen. Die erlebte Ohnmacht, Wut oder Kränkung wird projiziert auf diejenigen, die „anders“ oder „fremd“ wirken. Deshalb ist gerade in aktuellen Zeiten hoher Inflation, welche diejenigen mit niedrigen Einkommen überproportional belastet, die Gefahr hoch, dass die damit einhergehenden Erfahrungen von Prekarität durch autoritäre Kräfte aufgegriffen werden.
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist ein wichtiger Baustein in der Bekämpfung von autoritären Einstellungen. Ganz grundlegend ist jedoch das von den Beschäftigten ausgehende gewerkschaftliche Engagement für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen: Nicht nur, weil erfolgreiche Tarifauseinandersetzungen mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen Deprivationserfahrungen abmildern können. Sondern vor allem, weil die arbeitssoziologische Forschung zeigt: Gelebte demokratische Mitbestimmung, Solidarität und Anerkennung – das heißt Erfahrungen von demokratischer Handlungsfähigkeit am Arbeitsplatz – sind ein protektiver Faktor gegen Autoritarismus, Rechtsextremismus und andere antidemokratische Einstellungen.
Zentrale Ergebnisse
Leipziger Autoritarismus-Studie 2022
- Bürger*innen stehen mit großer Mehrheit hinter der Demokratie, der „harte Kern“ antidemokratischer Milieus wird kleiner.
- Allerdings sind nur sechs von zehn Befragten mit den gelebten demokratischen Prozessen zufrieden.
- Die Zahl der Personen mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild nimmt ab – bei gleichzeitiger Verfestigung extremistischer Milieus.
- Ausländerfeindliche Einstellungen verharren auf hohem Niveau.
- Weit verbreitet sind zudem antifeministische und sexistische Einstellungen – nicht selten gehen sie einher mit anderen Ressentiments, wie etwa Homo- und Transfeindlichkeit.