

Weit breitet die hölzerne Figur auf dem Feld ihre dünnen Arme aus. Die blitzenden CDs, die an den dünnen Gliedern baumeln, reflektieren die brütend heiße Kölner Sonne und zaubern Lichtreflexe auf die trockene Erde des Ackers. Dazwischen blitzen grüne, gelbe und rote Tupfer von Lauchzwiebeln, Tomatenpflanzen und Beerensträuchern. Die hauseigene Vogelscheuche des Fröbel-Kindergartens Wibbelstätz in Köln-Ostheim steht fest im Boden, um Ernteräuber vom Feld fernzuhalten. „Wir haben sie mit unseren Vorschulkindern gebaut, um unsere Anbauten zu schützen. Nur leider schreckt sie keine Schnecken ab, die dieses Jahr einiges von unserem Gemüse aufgefressen haben“, sagt Sonja Raiss, die als Erzieherin bei den Wibbelstätz arbeitet, und schmunzelt.
Acker-AG sorgt von Beginn an für Begeisterung
Seit 2016 gibt es hier im Kindergarten nicht nur bunte Spielbereiche, einen mit Bildern geschmückten Flur und einen Bauraum voller Legosteine, sondern auf dem Außengelände auch einen landwirtschaftlichen Acker. „Das Projekt wurde damals von dem Verein „Acker e.V.“ angestoßen und im ersten Jahr von ihm mit Wissen und tatkräftiger Hilfe eng begleitet. Die Kinder sollen dabei erleben, dass Natur und Essen zusammengehören – und wie wichtig es ist, mit unseren Ressourcen verantwortungsvoll und wertschätzend umzugehen“, erklärt Kathrin Herzog, die einen vierjährigen Sohn bei den Wibbelstätz hat.
Von Anfang an stieß die Acker-AG – wie das Projekt getauft wurde – bei den Kindern, aber auch bei den Eltern und den Erzieher*innen auf Begeisterung. Es zeigte sich jedoch bald, dass es dem Kindergarten nach Ablauf des ersten Projektjahres finanziell nicht möglich war, die Kooperation mit dem Verein aufrechtzuerhalten. Das Projekt in der Erde versauern lassen? Das wollten einige engagierte Eltern auf keinen Fall zulassen. „Wir wollten die Acker-AG unbedingt am Leben erhalten und haben uns deshalb zusammengeschlossen, um die Kita bei der Hege und Pflege des Feldes zu unterstützen“, erklärt Kathrin Herzog.
Gemeinsam mit Simone Remmel, Biologin und ebenfalls Kindergartenmutter, koordiniert sie die Aktivitäten der Acker-AG und motiviert weitere Eltern zum Mitmachen. „Wir finden dieses Thema einfach enorm wichtig. Viele Kinder, die hierher in den Kindergarten kommen, haben keinen Garten und kommen über die Acker-AG zum ersten Mal damit in Berührung, wo unser Essen eigentlich herkommt. Von der Vorbereitung des Feldes über die Aussaat bis zur Ernte lernen sie ganz spielerisch alles rund um das Thema Anbau, Aufzucht und Pflege der Pflanzen.“
Enger Austausch zwischen Ehrenamtlichen und Kitateam
Fast ein Dutzend Eltern sind es heute, die sich mit viel Tatkraft und Herzblut in die Acker-AG einbringen, die organisieren, mit Fach- und Erfahrungswissen unterstützen und vor allem anpacken. Seit Gründung der AG hat sich der Acker stetig weiterentwickelt: Neben einer Begrenzung des Feldes mit Naturhölzern und Hackschnitzeln und dem Pflanzen von Beerensträuchern wurden zum Beispiel ein Komposthaufen und eine Hecke mit Tothölzern angelegt, in der Tiere nisten können.
Das all dies entstehen kann, ist dem engen Austausch zwischen den Ehrenamtlichen und dem Team des Kindergartens zu verdanken. „Wir befinden uns ja weiterhin in einem Prozess, in dem wir schauen, was für unseren Acker am besten funktioniert – beispielsweise welche Pflanzen besonders gut wachsen. Und wir wollen die Acker-Aktivitäten natürlich so gut es geht an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder ausrichten“, so Sonja Raiss. Deshalb arbeiten alle Hand in Hand, immer im Rhythmus der Jahreszeiten.
Alles, was im Kindergartenalltag passiert, läuft über das Team rund um Erzieherin Sonja Raiss: „Wir haben die Hege und Pflege des Ackers fest integriert.Ich mache einiges selbst und bei vielen Dingen helfen die Kinder mit. Sie erfahren zum Beispiel, dass nicht jede Pflanze direkt auf dem Feld wächst und ziehen gemeinsam mit mir das Saatgut in den warmen Kindergartenräumen vor. Jeden Tag wird geguckt, ob schon etwas wächst, und wenn das erste grüne Blatt erscheint, gibt es große Augen. Die eine Pflanze wächst ganz schnell, die andere ganz langsam – das ist immer wieder faszinierend für die Kinder zu sehen.“
Kinder machen vielfältige Erfahrungen auf dem Acker
Ob umgraben, mit den Kindern Unkraut zupfen, Pflanzen erkennen oder lernen, was man überhaupt essen kann. Für viele Kinder ist es etwas vollkommen Neues, dass sie Dinge vom Feld einfach essen können. „So hatten wir zum Beispiel im letzten Jahr essbare Blüten und sie konnten es gar nicht glauben, dass sie diese wirklich in den Mund stecken können. Erst, als ich es ihnen vorgemacht habe, haben sie auch probiert“, erinnert sich Sonja Raiss.
Immer wieder werden neue Dinge ausprobiert, damit die Kinder vielfältige Erfahrungen sammeln können. So wurde im letzten Jahr ein kleiner Bereich abgetrennt, wo die Kinder einfach mal alles machen konnten, was sie wollten. Wer tief buddeln wollte, hat tief gebuddelt. Es geht also weniger um konkrete Aufgaben, sondern vielmehr um einen großen Erfahrungsschatz, den die Kinder aufbauen sollen. „Das allerschönste Erlebnis ist natürlich immer die Ernte – und die Herbstzeit, wenn wir den Acker mit Laub bedecken. Da helfen die Kinder auch mit. Letzteres ist dann eher eine Großaktion, bei der der ganze Kindergarten mithilft“, berichtet Sonja Raiss. „Alle kehren das Laub zusammen, bilden eine lange Kette und packen es in Kisten.“
Darüber hinaus bietet der Acker Sonja Raiss die Möglichkeit, sich in Ruhe mit einzelnen Kindern zu befassen: „Die Kinder gehen wirklich gern hierher, das ist etwas Besonderes, nichts, was wir jeden Tag machen. Und es ist eine ganz andere Situation, wenn man mit zwei, drei Kindern Unkraut zupft oder Tomaten gießt. Da erzählen sie auch vieles, was sonst im trubeligen Kindergartenalltag untergeht.“
Ohne Ehrenamt geht es nicht
Vor allem bei den größeren Aktionen kommen die Ehrenamtlichen ins Spiel: „Unter der Woche schauen wir gerne beim Abholen der Kinder nach dem Acker. Manchmal treffen wir uns auch zu zweit und zupfen Unkraut. Das sind eher so spontane Dinge. Wir sind vor allem da, wenn viele Hände gebraucht werden und größere Aktionen anstehen. Dann gibt es einen Aufruf über unsere WhatsApp-Gruppe. Da kommen auch mal 15 Personen zusammen.
Dann kümmern wir uns um den Komposthaufen oder die Totholzecke, die Beetumrandung – unterstützende Tätigkeiten eben, für die im normalen Kindergartenalltag kein Platz ist“, beschreibt Kathrin Herzog den Einsatz der Eltern. Wichtig ist ihr vor allem, dass kein großer Zwang entsteht. „Dieses Ehrenamt lebt von der Motivation und dem Spaß der Eltern. Deswegen sind wir eher locker organisiert und jeder schaut, wie er zeitlich kann. Das muss für alle passen: Der Kindergarten soll bei der Acker-AG die Unterstützung bekommen, die er braucht, und für die Eltern soll es gut vereinbar mit ihrem Beruf und ihrer Familie sein.“
Für Sonja Raiss und das Kindergartenteam steht fest: „Wir sagen ganz klar: Ohne das Engagement der Eltern wäre die Acker-AG nicht möglich. Gerade am Anfang hat uns Simone Remmel mit ihrem Wissen bei der Pflanzenauswahl sehr unterstützt und die großen Aktionen wären ohne die vielen Elternhände gar nicht machbar.“
Engagement mit Auszeichnung
Für ihr Engagement erhalten die Ehrenamtlichen aber nicht nur Lob von ihrem Kindergarten, sondern sie wurden bereits mehrfach ausgezeichnet: 2021 erhielten sie den Ehrenamtspreis des „Verbands engagierte Zivilgesellschaft in NRW e. V.“ in der Kategorie „Bildung“. Der Preis ehrt ehrenamtlichen Einsatz für eine pluralistische Gesellschaft und wird jährlich verliehen. Auch über die Auszeichnung mit dem Umweltpreis NRW konnte sich die AG bereits freuen.
Kathrin Herzog und Simone Remmel freuen sich mit den anderen engagierten Eltern sehr darüber. „Nicht nur, weil wir diese Auszeichnungen für unseren Einsatz erhalten haben, sondern vor allem, weil wir das Projekt mit den Preisgeldern am Leben halten können. Der Träger übernimmt zwar auch einen kleinen Teil der Kosten, aber es müssen ja immer wieder Gartengeräte angeschafft, Saatgut und Pflanzen gekauft werden“, so Kathrin Herzog.
Damit die Acker-AG dauerhaft fortbestehen kann, wünschen sich Kathrin Herzog und Sonja Raiss am liebsten jemanden, der eine Patenschaft für die Acker- AG übernimmt. „Vielleicht jemand, dem dieses Thema am Herzen liegt und der sogar auch Fachwissen aus dem landwirtschaftlichen Bereich hat – das wäre toll. Da Simone Remmels Tochter zum nächsten Jahr den Kindergarten verlässt, kann sie dann leider nicht mehr an der AG teilnehmen. Deswegen wäre es schön, wenn wir weitere Unterstützer fänden“, erklärt Kathrin Herzog.
Einen Wibbelstätz-Kindergarten ohne die Acker-AG kann sich jedenfalls niemand mehr vorstellen: Nicht die Kinder, die mit Begeisterung bei allen Aufgaben dabei sind. Nicht die engagierten Eltern und Erzieher*innen, die sich mit so viel Herzblut für den Acker einsetzen. Und auch nicht der Kindergartenkoch, der auf seiner täglichen Runde die Vogelscheuche grüßt und schaut, ob sich vielleicht noch ein paar Tomaten für das Mittagessen pflücken lassen.