

In dem 2020 mit acht Deutschen Filmpreisen ausgezeichneten Drama Systemsprenger fällt die achtjährige Benni mit ihren unkontrollierten Wutausbrüchen durch alle Raster der Kinder- und Jugendhilfe. Als eine der letzten Optionen kommt schließlich eine geschlossene pädagogische Unterbringung in Betracht. Der Film von Regisseurin Nora Fingerscheidt macht betroffen. Kinder wie Benni gibt es nicht nur auf der Leinwand.
Auch Nadin Schnittke hat täglich mit ihnen zu tun: Die 39-Jährige ist Sozial- und Traumapädagogin und arbeitet seit elf Jahren in einer privaten Einrichtung, die stationäre Erziehungshilfen und individualpädagogische Settings für schwer traumatisierte Kinder, Jugendliche und junge Volljährige mit besonderen Verhaltensauffälligkeiten und komplexen Störungsbildern anbietet.
Man muss nicht weiter erklären, dass Nadin Schnittke keinen einfachen Job hat. „Wer in der stationären Kinder- und Jugendhilfe arbeitet, gibt sehr viel“, sagt sie, betont aber zugleich: „Hier zu arbeiten macht Spaß.“ In vielen privaten Einrichtungen reichen die Gehälter indes kaum aus, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu decken. Viele hoch spezialisierte Kräfte wandern ab in den öffentlichen Dienst. „Wir haben einen massiven Fachkräftemangel. Wenn wir weiter schlechter zahlen als der TVöD, haben wir ein großes Problem.“
Arbeitgeberseite gibt Anstoß für Tarifprojekt
Dieses Problem haben längst alle erkannt – die Gewerkschaften ohnehin, aber auch die Arbeitgeberseite. Letztere gab untypischerweise den Anstoß für ein aufwendiges Tarifprojekt: Der Landesverband privater Träger der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe in Nordrhein-Westfalen (VPK), dem rund 900 Einrichtungen mit stationären, teilstationären und ambulanten Betreuungsplätzen angehören und in dem auch die Einrichtung, in der Nadin Schnittke arbeitet, Mitglied ist, ging auf die GEW NRW zu und regte an, gemeinsam einen Tarifvertrag auszuhandeln.
Denn auch die Arbeitgeber profitieren von einem solchen Regelwerk: Ein Tarifvertrag könne für den VPK zum Beispiel ein wichtiges Argument in Refinanzierungsverhandlungen mit den Jugendämtern sein, erklärt der kommissarische Geschäftsführer der GEW NRW, Martin Bens. „Die Arbeitgeber wissen auch, dass sie ihr Fachpersonal gut bezahlen müssen, um konkurrenzfähig zu sein“, sagt Nadin Schnittke, die ehrenamtlich in der GEW-Tarif- und Verhandlungskommission mitarbeitet. Insbesondere um junge Menschen für den besonderen Einsatzort zu gewinnen, sei der Tarifvertrag wichtig.
Wesentliche Punkte des Rahmentarifvertrags sind festgezurrt, ein Streitpunkt sind noch die konkreten Entgelttabellen.
Insgesamt geht es bei den seit Frühjahr 2023 laufenden Verhandlungen um drei Tarifverträge: den Rahmentarifvertrag plus zwei Entgelttarifverträge – zum einen um ein Rahmenabkommen, zum anderen um die Festschreibung konkreter Gehälter und Tabellen. „Das ist ein wahnsinnig großes Projekt“, sagt Martin Bens.
Drei ausführliche Verhandlungsrunden mit den Arbeitgebervertreter*innen gab es bereits, über den Sommer entstehen nun möglichst fertige Fassungen des neuen Regelwerkes. Im August könne es zu einem Ergebnis für Teile der Verträge kommen, schätzt der kommissarische Geschäftsführer. Das nächste Treffen ist am 15. August. „Bis alles unterschriftsreif ist, könnte es aber noch bis Ende des Jahres dauern.“
Knackpunkte sind die Gehaltstabellen und der Bereitschaftsdienst
Unterdessen laufen die bisherigen Verhandlungen sowohl aus der Perspektive der GEW-Haupt- als auch aus Sicht der GEW-Ehrenamtlichen unterm Strich gut und produktiv. „Wir diskutieren auch kontrovers, aber bisher waren es respektvolle Verhandlungen mit offenen Haltungen“, sagt Nadin Schnittke. „Wesentliche Punkte des Rahmentarifvertrags sind festgezurrt, ein Streitpunkt sind noch die konkreten Entgelttabellen“, erläutert Martin Bens. Einige Berufsfelder wie die stellvertretende Leitung von Gruppen würden noch nicht ausreichend abgebildet. „Diese Verantwortung spiegelt sich noch nicht im Lohn wider“, sagt Martin Bens.
Ein weiterer Knackpunkt ist der Bereitschaftsdienst: Hier will der VPK eine 25-Prozent-Regelung, also eine Stunde Bereitschaftsdienst wie eine Viertelstunde der vertraglichen Arbeitszeit werten. Die GEW NRW fordert dagegen eine 50-Prozent-Regelung wie im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD), der zufolge eine Stunde Bereitschaft einer halben Stunde Arbeitszeit entspricht. Das Ringen um 15 Minuten ist wichtig, weil in der Kinder- und Jugendhilfe oft Bereitschaftsdienste anfallen.
Für die Praxiskennerin Nadin Schnittke sind die Punkte Gehalt, Urlaub und Weiterbildung zentral: „Wir brauchen mehr als 30 Urlaubs- und Regenerationstage, weil die in unserem Bereich wirklich nötig sind.“ Das Gehalt solle sich am TVöD orientieren. „Wir wollen das, was woanders auch verdient wird.“ Für Standarderzieher*innen bei einem privaten Träger der Kinder- und Jugendhilfe seien mit Tarifvertrag rund 600 Euro brutto mehr im Monat möglich, rechnet sie vor.
Die Gewerkschaft würde sich eher etwas mehr wünschen: Die besonderen Belastungen der Kolleg*innen müssten sich auch beim Gehalt bemerkbar machen, sagt Martin Bens. „Am Ende entscheidet aber die Tarifkommission, wir Hauptamtlichen geben nur Empfehlungen.“ Die Tarifkommission besteht aus fünf bis sechs Ehrenamtlichen sowie zwei Hauptamtlichen der GEW NRW: dem kommissarischen Geschäftsführer sowie der Expertin für Jugendhilfe und Sozialarbeit, Joyce Abebrese. In der Verhandlungskommission sitzen aufseiten der GEW NRW fünf ehren- und zwei hauptamtliche Expert*innen.
In einigen Bundesländern schloss die GEW bereits Tarifverträge mit dem VPK, etwa in Baden-Württemberg und Niedersachsen. An diesen kann sich der Landesverband NRW orientieren, der Rahmentarifvertrag wird beispielsweise fast identisch sein. Es sei jedoch schwer, für die eigenen spezifischen Regelungen an wichtige Daten zu kommen, sagt Martin Bens. Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein sehr differenziertes System mit individuellen Arbeitsbedingungen. Wer ist eigentlich wie eingruppiert? Welche Wohnformen –
bis zu familienähnlichen Konstellationen – gibt es? Und wie berechnet man da die Arbeitszeit?
Haupt- und Ehrenamtliche arbeiten eng zusammen
Es sei eine große Herausforderung, diese Vielfalt zu verstehen, erklärt Martin Bens. „Unsere Ehrenamtlichen in der Tarifkommission sind hier die wichtigsten Informationsträger*innen, ohne sie müssten wir uns ungeprüft auf die Aussagen der Arbeitgeber verlassen.“ Nadin Schnittke lobt die Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Haupt- und Ehrenamt: „Wir können jede Frage stellen, bekommen alles super erklärt, werden mit vielen Informationen versorgt. Wir müssen uns nicht hinter den Profis einsortieren.“ Durch ihre Mitgliedschaft in der Verhandlungskommission hat die Sozialpädagogin übrigens viel gelernt und über den eigenen Arbeitsplatz hinaus den Blick für das große Ganze entwickelt: „Man versteht jetzt besser, wie kompliziert die Dinge teils sind.“ Zum Beispiel, wie herausfordernd es sein kann und wie lange es dauern kann, rechtssichere Formulierungen zu finden.
Derweil ist für die GEW NRW schwer abzuschätzen, um wie viele Beschäftigte es beim neuen Tarifvertrag überhaupt geht. „Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe ist ein neues Gebiet für uns, dazu wurden bisher kaum spezifische Daten erfasst“, sagt Martin Bens. Der Arbeitsbereich sei wenig organisiert, nicht viele Beschäftigte seien Gewerkschaftsmitglieder.
Wir wollen das, was woanders auch verdient wird.
GEW NRW erschließt sich neues Feld
Zwar geht es der Bildungsgewerkschaft in erster Linie um Werte und bessere Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten, der künftige Tarifvertrag hat aber auch darüber hinaus Bedeutung. „Wir erschließen uns mit viel Energie und Aufwand potenziell ein neues Feld – und wünschen uns dadurch natürlich auch eine positive Mitgliederentwicklung“, sagt Martin Bens. Er betont: „Wir sind im großen DGB eine eher kleine Gewerkschaft, zeigen aber: Wir können ein großes Tarifvertragssystem entwickeln und begleiten.“