lautstark. 28.04.2020

Schule: Gesundheit ist auch Ausdruck von Wertschätzung

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Schulentwicklungspreis „Gute gesunde Schule“

An vielen Schulen in NRW ist Gesundheit von Schüler*innen und Lehrer*innen ein Thema – nicht erst seit der Corona-Pandemie. Zwei Schulleiter*innen, deren Schulen schon mehrfach als „Gute gesunde Schule“ ausgezeichnet wurden, erzählen von ihren Wegen zu mehr Gesundheit im Schulalltag.

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  • Ausgabe: lautstark. 03/2020 | Respekt ist Wertschätzung
  • Autor*in: Denise Heidenreich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie spielt Gesundheit eine zunehmend wichtige Rolle an den Schulen in NRW. Schon lange wird darüber nachgedacht, wie sich eine Schule gestalten lässt, die einen gesunden Lebens-, Arbeits- und Lernort für Lehrer*innen und Schüler*innen darstellt. Seit 2008 bietet der Schulentwicklungspreis „Gute gesunde Schule“ der Unfallkasse NRW Schulen einen Anreiz, diesen Weg weiter zu beschreiten. Zwei Schulen zeigen an dieser Stelle, wie sich die Themen Gesundheit, Bildung und Wertschätzung im Schulalltag verknüpfen und umsetzen lassen.

Gutes Schulklima durch echte Beteiligung

Eine gute gesunde Schule – was ist das eigentlich genau? Warum ist das Zusammenspiel von Bildung und Gesundheitsförderung so wichtig? Mit welchen Mitteln lassen sich Belastungen für Schüler*innen und Lehrer*innen im Schulalltag reduzieren? Die Antworten auf diese Fragen finden sich nicht im Vorbeigehen, sondern sind das Ergebnis konsequenter und engagierter Schulentwicklungsarbeit. So auch am Berufskolleg Ostvest in Datteln, an dem 1.800 Schüler*innen täglich von einem hundertköpfigen Kollegium unterrichtet werden: „Das Thema Gesundheit spielt seit Jahren eine große Rolle an unserer Schule. Uns ist es sehr wichtig, dass wir ein gesundes, positives Schulklima haben, in dem sich alle wohlfühlen“, erklärt Schulleiterin Juliane Brüggemann.

Das Berufskolleg war bereits im Landesprogramm Bildung und Gesundheit, als sich die Schule für den Preis bewarb. „Mit den Auszeichnungen 2015 und 2018 konnten wir zeigen, dass die Zusammenhänge zwischen Bildung, Gesundheit und wertschätzendem Miteinander an unserer Schule nicht nur theoretisch gedacht, sondern auch praktisch gelebt werden. Denn ausschlaggebend für die Auszeichnung war das hohe Maß an gleichwertiger Beteiligung aller Gruppen in unserer Schulgemeinschaft an den Entwicklungsprozessen und dass wir es in den letzten Jahren geschafft haben, dafür gut funktionierende Strukturen und Strategien zu entwickeln“, berichtet die Schulleiterin.

Wertschätzung als Richtschnur für Schulentwicklung

Eines der Themen, die im Fokus stehen, ist die Kommunikation und das umfangreiche Beratungskonzept: „Wir haben insgesamt 15 Kolleg*innen gleichzeitig in einer mehrtägigen Fortbildung zu Beratungslehrer*innen schulen lassen. Das war ein riesiger Organisationsaufwand, aber es hat sich gelohnt. Die Kommunikation mit Schüler*innen hat sich verändert. Eine Kollegin berichtet, dass sie einen ganz anderen Blick bekommen und gelernt hat, dass es etwas ganz anderes ist, jemandem Ratschläge zu erteilen oder eben ganz genau zuzuhören, was ihr Gegenüber sagt“, so Juliane Brüggemann. Auch die Lehrer*innen pflegen einen wertschätzenden Umgang miteinander:

Neben gemeinsamen Aktivitäten herrscht zum Beispiel ein sehr offener Materialaustausch, und die gegenseitige Unterstützung im Unterrichtsalltag ist für alle selbstverständlich. Kleine Rituale wie das Frühstück, zu dem die jeweiligen Geburtstagskinder an jedem Monatsende einladen, sorgen dafür, dass das Kollegium zusammenwächst.

Großprojekt: Gestaltung des Campus 4.0

Damit sich alle wohlfühlen, arbeitet die Schule zudem konsequent an der Gestaltung des Gebäudes und des Schulhofs – immer unter Einbeziehung aller Beteiligten: „Gemeinsam mit den Schüler*innen haben wir überlegt, wie unser Schulcampus 4.0. demnächst aussehen soll. Gerade als Schule mit dem Schwerpunkt IT war uns das sehr wichtig, um einen optimalen Ausgleich zur Bildschirmarbeit zu schaffen.“

Wie für viele Schulen ist der Schulentwicklungspreis für das Berufskolleg eine Anerkennung für das, was sie tagtäglich leisten. Alle Schüler*innen und Kolleg*innen konnten der Jury ihre Projekte vorstellen, die zum Schulklima beitragen. Das macht Lust auf neue Ideen: So hat sich eine Lehrerin noch intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt und die Beteiligungs-Teams eingeführt, in denen Lehrer*innen und Schüler*innen gemeinsam auf Augenhöhe an der Schulentwicklung arbeiten und Ideen entwickeln, um das Miteinander unter dem Aspekt Gesundheit zu gestalten. Dazu gehört zum Beispiel gemeinsamer Sport in den Pausen.

Der Weg geht also weiter – und auf die Frage, was sie sich für ihre Schule in der Zukunft wünscht, antwortet Juliane Brüggemann: „Dass wir trotz aller Schwierigkeiten, die uns begegnen, einfach zufrieden sind mit dem, was wir tun – das ist für mich ein entscheidender Bestandteil von Gesundheit.“

Fortbildung als Initialzündung

Eine weitere Wiederholungstäterin in Sachen Schulentwicklungspreis ist die Gesamtschule Barmen. „2012 haben wir den Preis zum ersten Mal verliehen bekommen, 2018 durften wir uns zum vierten Mal darüber freuen“, erzählt Schulleiterin Bettina Kubanek-Meis. Seit 14 Jahren ist sie an der Schule, an der über 1.350 Schüler*innen von 120 Lehrer*innen unterrichtet werden. „Wir haben uns immer wieder beworben, weil dieser Preis für uns eine wunderbare Möglichkeit zur externen Evaluation ist. Denn je öfter man sich bewirbt, desto höher sind auch die Anforderungen, weil man neue Schulentwicklungsprozesse und Ergebnisse vorweisen muss.“

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass das Thema Gesundheit intensiver angegangen wurde? „Kurz nachdem ich Schulleiterin wurde, hatte ich ein einschneidendes Erlebnis. Ein Kollege kam zu mir und sagte: ‚Ich höre auf, ich kann nicht mehr.‘ Das war für mich der Punkt, mich intensiver damit auseinanderzusetzen, was wir an unserer Schule noch verändern können. Zufällig lag genau an dem Tag eine Einladung der Unfallkasse zu einer zweitägigen Fortbildung mit dem Thema „Gute gesunde Schule“ im Briefkasten. Ich habe mich und meine didaktische Leiterin direkt angemeldet“, erinnert sich Bettina Kubanek-Meis. Und diese Fortbildung war wie eine Initialzündung, um das Thema weiter voranzutreiben: „Wir waren beide Feuer und Flamme: Im Fokus der Fortbildung stand das Modell der Salutogenese nach dem Soziologen Aaron Antonovsky – und dieser Ansatz traf auf viele Strukturen zu, die wir bereits an der Schule lebten. Im Grunde war es mehr eine Blickschärfung dafür, was wichtig ist.“

Alte Strukturen stärken, neue Maßnahmen entwickeln

Im ersten Schritt wurden einzelne Schulbereiche unter die Lupe genommen: „Wir haben zum Beispiel geguckt, wie wir die Kommunikation noch transparenter gestalten oder in welchen Bereichen Lehrer*innen und Schüler*innen noch mehr Eigenverantwortung übernehmen können“, so Bettina Kubanek-Meis. Dann wurden neue Maßnahmen eingeleitet: Um mehr Ruhe in den Schulalltag zu bringen, wurde beispielsweise eine neue Zeitrechnung eingeführt: Die Schüler*innen haben seitdem fünf Lerneinheiten à 65 Minuten pro Tag und eine lange Mittagspause von 70 Minuten.

Eines der großen Entwicklungsfelder war die Digitalisierung: „Wir haben das Thema Medien und Medienkompetenz gezielt in den Blick genommen und das in NRW einzigartige Wahlpflichtfach „Medientechnik und Gestaltung“ entwickelt“, sagt die Schulleiterin stolz. Auch in Sachen Medien werden Regeln nicht einfach von oben erlassen, sondern in Absprache mit Schüler*innen und Eltern getroffen. Teilhabe ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts, Regeln sind ein Ausdruck von Fürsorge und Wertschätzung. Ein Beispiel dafür ist das Thema Handys und Smartphones: „Wir wollten nicht einfach ein grundlegendes Verbot aussprechen, hinter dem niemand wirklich steht. Zwei Jahre lang haben wir mit den Schüler*innen und den Eltern diskutiert. Das Ergebnis: Zu Unterrichtszwecken dürfen die Geräte genutzt werden, in den Pausen sind sie verboten.

Ein gesundes Schulklima, das sich von den Prinzipien der Salutogenese leiten lässt, fördert nicht nur das Lernen, sondern auch die Zufriedenheit der Lehrkräfte. „Das war für uns ein ganz wichtiger Punkt, denn die Wertschätzung spielt ja eine große Rolle für die psychische Gesundheit von Arbeitnehmern. Und ich glaube, eine Haltung der Wertschätzung von allen Schulbeteiligten ist völlig unabdingbar für eine psychische und physische Gesundheit.“

Mit Blick auf die Zukunft sagt die Schulleiterin: „Wir werden in Sachen Schulentwicklungspreis auch weiterhin am Ball bleiben. Im Zuge des Bewerbungsverfahrens schaut man einfach noch mal ganz anders auf die eigenen Prozesse – das ist ein toller Anreiz, den wir auch weiterhin nutzen wollen.“

Das fordert die GEW NRW!

Die Gesundheit geht vor!

Gesundheit ist eine Voraussetzung und zentrale Ressource, um Bildungs- und Erziehungsziele zu erreichen. In Schulen gilt das für Schüler*innen und Lehrkräfte gleichermaßen. Nur gesunde Beschäftigte können sich ihren Aufgaben mit vollem Engagement widmen – in allen Bildungseinrichtungen.

Ziel ist es daher, die Rahmenbedingungen sowohl im psychosozialen Bereich als auch in räumlichen Lehr- und Lernumgebungen so zu verändern, dass gesundheitliche Risiken beseitigt oder wenigstens minimiert werden. Die Beispiele der beiden Schulen aus Datteln und Barmen zeigen, dass es möglich ist.

Die Arbeitsbedingungen in Schulen müssen endlich grundlegend verbessert werden. An erster Stelle stehen weniger Pflichtstunden und kleinere Klassen sowie die Erhöhung der Anrechnungsstunden.

In Zeiten von Corona gehört dazu sicherlich noch mehr! Wenn zum Teil Hunderte Schüler*innen in der Schule sein sollen, müssen vorher alle Vorbereitungen für einen risikolosen Hygieneschutz abgeschlossen sein. Wie sollen die Schulleitungen das bewerkstelligen? Mit welcher Unterstützung der Schulträger*innen und der Gesundheitsämter können sie rechnen? Wer trägt die Verantwortung? Insbesondere für Beschäftigte und Schüler*innen, die einer Risikogruppe angehören oder mit Angehörigen einer solchen zusammenleben, muss es einen besonderen Schutz geben.

Die GEW NRW fordert die Landesregierung auf, ihre gesetzlichen Pflichten als Arbeitgeberin zu erfüllen. Das ist auch ein Zeichen des Respekts!


Sabine Hofmann (Berufskolleg), Heiko Rüttermann (Förderschule) und Markus Peiter (Gesamtschule)
Expert*innen für Gesundheitsschutz der GEW NRW

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