lautstark. 17.06.2020

Erste Manöverkritik zu Distanzunterricht an Schule

CoronaDatenschutzDigitalität im Unterricht

Chancen und Risiken

Digitales Lernen und Lehren im Hauruckverfahren – das hat vor allem zu Beginn der Corona-Krise Lehrkräfte und Schüler*innen besonders gefordert. Aber wie geht es jetzt weiter? Und welche Unterstützung können alle Beteiligten von der Politik erwarten?

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  • Ausgabe: lautstark. 04/2020 | Gemeinsam durch die Krise
  • Autor*in: Iris Müller
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Plötzlich waren die Schulen geschlossen. Lehrer*innen konnten in der Corona-Zeit ihre Schützlinge nur noch aus der Ferne erreichen – und manche waren schlicht unerreichbar. Der Grund: „Deutschland ist beim Thema Digitalisierung weit hinterher“, erklärt Dirk Prinz, Experte der GEW NRW für Digitalisierung, der zudem als Hauptpersonalratsvorsitzender im Ministerium für Schule und Bildung aktiv ist. Einiges ist gut gelaufen, anderes muss besser werden, egal ob die zweite Corona-Welle kommt oder nicht.

Schulen im Lockdown unterschiedlich aufgestellt

Schaut man sich die Voraussetzungen an, unter denen Schüler*innen, Lehrer*innen und Schulen im März in den Lockdown gegangen sind, trifft man auf eine große Bandbreite unterschiedlicher Situationen: Einige Schulen haben schon vorher teilweise mit einem Lernmanagementsystem gearbeitet, einige Lehrer*innen haben im Unterricht Kindern mithilfe digitaler Medien den Lernstoff vermittelt. Andere Lehrkräfte standen täglich am Kopierer, haben analog gearbeitet und waren beim Thema Digitalisierung schlicht nicht aus- und fortgebildet. „Der Großteil der Lehrkräfte bewegt sich irgendwo dazwischen“, vermutet Dirk Prinz. Und so zeigte sich dann auch das Lernen und Lehren auf Distanz. Während einige Lehrkräfte ihre Schüler*innen zu Videokonferenzen einluden, detaillierte Aufgabenstellungen über eine Lernmanagementsoftware verschickten und Deadlines für Abgaben setzten, ließen andere Lehrer*innen nur einmal die Woche etwas von sich hören und schickten Arbeitsanweisungen per E-Mail, die lauteten: „Erarbeite dir das Thema Weltall.“

Digitale Mittel müssen Standard werden

Glück für die, die diese Aufgabenstellung wenigstens erhalten haben, denn einige Kinder sind komplett auf der Strecke geblieben. „Die Infrastruktur bei den Kindern zu Hause ist extrem unterschiedlich“, weiß Dirk Prinz und fordert gleiche Bedingungen für alle. Es muss Geräte für Schüler*innen und Lehrer*innen geben, es muss eine Software geben, mit der alle arbeiten können, und Digitalisierung muss fester Bestandteil der Aus- und Fortbildung sein. Dabei komme es nicht nur darauf an, wie man mit den entsprechenden Geräten und Programmen technisch umgeht, wie der Datenschutz gewährleistet ist und – für Personalräte besonders wichtig – ob eine Leistungs- und Verhaltenskontrolle der Lehrkräfte ausgeschlossen ist. Entscheidend sei zuallererst, wann es pädagogisch-didaktisch sinnvoll ist, diese digitalen Mittel einzusetzen. Derzeit fehle es an allen Ecken und Enden an der Hardware und auch an der Software. Ulrich Janzen von der Qualitäts- und Unterstützungsagentur – Landesinstitut für Schule QUA-LiS NRW bilanziert: „Das Lernen auf Distanz stellt für die Lehrkräfte und für die Schüler*innen eine besondere Herausforderung dar, auf die die Schulen unterschiedlich gut konzeptionell und ausstattungsbezogen vorbereitet waren.“

Soziale Herkunft beeinflusst Erreichbarkeit

Die Schüler*innen mussten sehr selbstständig arbeiten. Neben angemessenen, kompetenzorientierten und klar formulierten Aufgabenstellungen, einem ausgewogenen Verhältnis zwischen projektorientiertem Arbeiten und geschlossenen Aufgaben, der richtigen Balance zwischen Freiheit und Struktur, Feedback und Beratung sei eine wichtige Voraussetzung für gelingendes Distanzlernen die Gestaltung der Beziehungsebene, der persönliche Kontakt und die pädagogische Betreuung: Beziehungsnähe in Zeiten räumlicher Distanz, so Ulrich Janzen.

Auch für die Lehrer*innen sei die Zeit des Distanzunterrichtens äußerst herausfordernd gewesen. Gründe dafür könnten nach Angaben von Ulrich Janzen aufgrund erster Wahrnehmungen aus der Praxis der Schulen und der Kommunen vor allem die großen Unterschiede bei der technischen Ausstattung der Schüler*innen, schwacher oder kein Internetzugang, räumliche Gegebenheiten – also kein eigener Schreibtisch, kein eigenes Zimmer – oder gar keine digitale Erreichbarkeit sein, sodass nicht bei allen Lerngruppen in gleicher Weise digitale Plattformen und Kommunikationsmöglichkeiten genutzt werden konnten.

Hinzu komme in einigen Fällen die mangelnde Unterstützung im Elternhaus und ein durch das Lehren und Lernen auf Distanz deutlich erhöhter individualisierter Unterstützungsbedarf durch Lehrkräfte.

Dirk Prinz: „Deutschland hat in diesem Bereich in den vergangenen 15 Jahren viel verschlafen.“ Er blickt nach Dänemark und Estland als Vorzeigeländer der Digitalisierung. Dort sei die Infrastruktur ganz anders, Lehrer*innen schalten morgens ihre Klasse zur Videokonferenz zusammen und unterrichten sie zurzeit mehrere Stunden aus der Ferne.

Hilfen für Schüler*innen und Lehrkräfte

Doch auch in Deutschland und in NRW hat man sich auf den Weg gemacht und versucht aufzuholen. Schüler*innen, die in der Zeit, als die Schulen geschlossen waren, wegen mangelnder Hardware abgehängt wurden, sollen jetzt Geräte erhalten. Dafür hat der Bund Geld zur Verfügung gestellt.

Das Schulministerium hat eine Hilfestellung für Lehrkräfte zum Thema Lernen auf Distanz herausgegeben und bietet Webinare zur Fortbildung an. Eine Sammlung mit vielen kostenlosen digitalen Tools und (Online-)Angeboten von staatlich-kommunalen und privaten Anbietern, von Medienanstalten und Schulbuchverlagen sowie Learning-Apps hat QUA-LiS NRW zusammengestellt. Ulrich Janzen: „Die große Angebotsfülle ist für Lehrkräfte sicherlich eine Herausforderung, bietet aber auch die Chance, neue Tools, Wege und Möglichkeiten des Lehrens und Lernens, insbesondere für die jeweils spezifischen Anforderungen und Handlungsbedingungen, vor Ort zu erproben, Erfahrungen zu sammeln und sich hierüber im Kollegium auszutauschen – auch für die Zeit nach der Corona-Krise.“

Datenschutz bleibt eine Herausforderung

Des Weiteren wird das Land NRW allen Schulen ein kostenloses und datenschutzkonformes Lernmanagementsystem zur Verfügung stellen, an dessen Entwicklung QUA-LiS maßgeblich beteiligt war. Auch die kostenlose Plattform LOGINEO NRW soll für Schüler*innen geöffnet werden und das Land will ein Tool bereitstellen, mit dem Videokonferenzen problemlos stattfinden können. Denn die Themen Datenschutz und Urheberrecht spielen beim Lernen auf Distanz immer eine Rolle. „Das Selbstbestimmungsrecht der eigenen Person ist auch ein Grundrecht“, erinnert Dirk Prinz, der weiß, dass auch schon vor Corona-Zeiten nicht immer alle Datenschutzrichtlinien eingehalten wurden. Ulrich Janzen erläutert: „Bei der Nutzung von Onlineanwendungen kommt der Datensicherheit sowie dem Schutz der Daten von Schüler*innen und Lehrer*innen eine besondere Bedeutung zu. Durch die Möglichkeit der Bildübertragung sollten die Schulen mit der freiwilligen Nutzung von Videokonferenzsystemen sehr verantwortungsvoll umgehen, die Datenschutzvorschriften und die Datensicherheit einhalten und im konkreten Fall Beratung, etwa bei den behördlichen Datenschutzbeauftragten, einholen.“

Trotz der schwierigen Bedingungen zu Corona-Zeiten ist nicht alles schlecht gelaufen. „Viele Kollegen haben sich total reingehängt und letztendlich lebt davon das System Schule“, weiß Dirk Prinz, der aber auch betont, dass Schule der Ort ist, wo nicht nur der Lehrplan verfolgt wird, sondern an dem wesentliche Bildungsprozesse vor allem auch im sozialen und nicht im digitalen Bereich laufen. Daher sei Digitalisierung wichtig, Lernen auf Distanz bleibe aber hoffentlich die Ausnahme.