

Für Ingrid Rath-Arnold (62) war der erste Besuch mit Schüler*innen des Oberstufen-Kollegs Bielefeld 2014 in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, ein Kulturschock. Die jungen Leute sahen, wie Kinder in den Slums leben. Sie sahen die Perspektivlosigkeit. „Ein Umfeld, das wir uns als Europäer nicht vorstellen können“, erinnert sich Jan Wende (21), der als Kolleg-Schüler 2018 bei einer Reise dabei war. Ingrid Rath-Arnold, die Biologie und Chemie am Kolleg in Bielefeld unterrichtet, handelte nach der Tour 2014. Unterstützt von ihrem Kollegen Reimund Brockhoff wollte sie der Betroffenheit etwas entgegensetzen. Gemeinsam mit George Makori, einem Pädagogen aus Nairobi, gründete sie 2016 die St. Joseph The Worker School. Mit dem „Habari Kenia Club e. V.“ riefen die Bielefelder einen Verein ins Leben, der die Slum-Schule unterstützt. Kinder ab drei Jahren werden dort in drei Klassen unterrichtet. Die 32 Schüler*innen kommen aus ärmsten Verhältnissen. Auf der Homepage des „Habari Kenia Clubs“ beschreibt die Teilnehmerin einer Kennenlernreise aus dem Herbst 2019 die Lebensverhältnisse dieser Kinder im Slum von Nairobi: „Das, was ich dort gesehen und erlebt habe, werde ich wohl nie vergessen. Und es übersteigt mein Vorstellungsvermögen.“ Allein der Geruch von der Müllkippe, der sich in der Kleidung festsetzte, sei schwer zu ertragen gewesen. Aber Menschen zu beobachten, die mit bloßen Händen im Müll wühlen, um dort etwas zu finden, was sich irgendwie noch nutzen oder verkaufen lässt, sei kaum auszuhalten gewesen, schildert die Teilnehmerin ihre Eindrücke.
Die Schulmahlzeit ist oft die einzige am Tag
„Eltern, meist Alleinerziehende, schicken die Kinder in die St. Joseph School, weil sie hier auch Essen bekommen – und Bildung“, schildert Ingrid Rath-Arnold die Situation. Für sie ist klar: Ohne Schulbildung haben die Kinder keine Chance auf ein besseres Leben. Die St. Joseph School soll für die oft traumatisierten Kinder ein Ort der Geborgenheit sein. Schulleiter George Makori legt Wert auf gewaltfreies Lernen in sauberen Klassenräumen und einen liebevollen Umgang. Dazu gehört auch eine warme Mahlzeit – oft die einzige am Tag. Ziel ist es, die Schüler*innen bis zum Abschluss zu führen. Die Alternative wäre „Prostitution oder Steine kloppen“, sagt Ingrid Rath-Arnold.
Neben dem „Habari Kenia Club“ fördert inzwischen auch die Von-Zumbusch-Gesamtschule aus Herzebrock-Clarholz die Schule in Nairobi. Die Gesamtschule hat eine Patenschaft übernommen. Sie hilft finanziell mit Spenden und bietet, wie früher das Oberstufen-Kolleg Bielefeld, ihren Schülern*innen Begegnungsreisen nach Kenia an. Die Gesamtschüler können ihren Horizont durch theoretisches und praktisches Lernen erweitern und sich mit Missständen auseinandersetzen, umreißt die didaktische Leiterin der Gesamtschule, Anne Fallner-Ahrens, den Nutzen. Der Bezug zwischen Europa und Afrika wird thematisiert. Schüler*innen organisieren Hilfsaktionen für die St. Joseph School. „Es gibt viele, die bewusst über den Tellerrand blicken möchten und neugierig sind auf andere Lebensweisen“, schätzt Anne Fallner-Ahrens die Motivation ein. Wie dieses Leben aussieht, wird in Workshops erarbeitet. Die Schüler*innen, die mit nach Nairobi wollen, zwölf pro Jahr, müssen sich bewerben – auf Englisch. Eine Kommission, bestehend aus der Schulleiterin, der Schulpflegschaftsvorsitzenden und drei Lehrkräften, die sich in Sachen Patenschaft engagieren, wählt aus und checkt die Motivation – all das sind Erfahrungen, die auch bei Bewerbungen für den Berufsstart hilfreich sein können.
Austausch unter Lehrkräften
Die Lehrkräfte wiederum sehen, wie gut jahrgangsübergreifender Unterricht an der St. Joseph School funktioniert. „Da sind sie uns in mancher Hinsicht voraus. Zudem wird noch individuell stark differenziert. Es sind tolle Lernerfolge, die die Kinder dabei haben. Das machen sie sehr, sehr gut“, zollt Anne Fallner-Ahrens den Kolleg*innen in Kenia fachliches Lob. Mit eigenen Ratschlägen halte man sich zurück. „Die Lehrkräfte sehen vor Ort, was nötig ist“, sagt Anne Fallner-Ahrens. Ingrid Rath-Arnold nennt dazu ein Beispiel. In Corona-Zeiten ist Hygiene immens wichtig. Um die Schüler*innen zu schützen, habe Schulleiter George Makori von den knappen Finanzmitteln zunächst Seife gekauft. Es zeige, wie begrenzt die Möglichkeiten sind. Sie wünscht sich daher weitere Schulen oder Förderer, die an einer Patenschaft interessiert sind. Für vertiefende Einblicke bietet sie interessierten Kolleg*innen sowie Kollegschüler*innen an, sich ihren zweiwöchigen Informationsfahrten anzuschließen. Ziel sei es, mehr Kinder beschulen zu können und die St. Joseph School langfristig zu sichern. Was Schulpaten- oder Partnerschaften angeht, „können die Schulen eigenständig entscheiden“, heißt es aus dem Schulministerium, das auf seiner Internetseite Informationen dazu anbietet. „Es liegt an einzelnen Personen“, ist Ingrid Rath-Arnolds Erfahrung. In Herzebrock-Clarholz steht die Gesamtschule hinter dem Projekt. Der gute Kontakt zur heimischen Wirtschaft, zu Sponsoren oder Eltern erleichtere es, Spenden zu akquirieren, freut sich die didaktische Leiterin Anne Fallner-Ahrens.
Begegnungen hinterlassen bleibende Eindrücke
Für Schüler*innen, die in Nairobi waren, „ist das ein Gewinn fürs Leben“, ist Ingrid Rath-Arnold überzeugt. Sie realisierten, dass die Altersgenossen dort Bildung noch als Privileg sähen. Trotz sozialer Unterschiede stellten sie bei dem Austausch fest, dass sie sich „bei Themen wie Umweltschutz, „Eine Welt“ oder Geschlechterrollen näher sind, als viele denken“.
Ex-Kolleg-Schüler Jan Wende sieht es ähnlich. Für ihn war der Kontakt mit der St. Joseph School entscheidend für die Berufswahl. In Nairobi hat er „völlig andere Eindrücke gewonnen, als sie Touristen sonst bekommen“, erinnert er sich an die Parallelwelt. Es sei „ein zentraler Punkt, zu sehen, was möglich ist, Kinder aus Armut zu holen und die Schule am Leben zu halten“. Dadurch erst sei er auf die Idee gekommen, Jura zu studieren. Angesichts von Ausbeutung und Korruption sei ihm klar geworden, „wie wichtig ein Rechtsstaat ist.“ Der Ex-Kollegiat engagiert sich weiter in dem Förderkreis für die St. Joseph School.
Hintergrund
Unterstützung für Patenschaften
Mehr als 880 Schulen in NRW pflegen internationale Kontakte. Vertreten sind dabei laut Internetauftritt des NRW-Schulministeriums Schulen auf allen fünf Kontinenten. Mit 499 Kontakten liegt Frankreich an der Spitze der Länder, vor Großbritannien (237), Polen (211), den Niederlanden (195), Spanien (137) und Italien (127). 121 Kontakte gibt es in die USA, 60 in die Türkei, 52 in die Russische Föderation, 59 nach Finnland und 51 nach Israel und Palästina. Für Kenia werden drei Kontakte gelistet. Auf seiner Internetseite bietet das Schulministerium NRW Interessierten auch Hilfestellung bei der Suche nach Partnern und Vermittlungen. Über Förderprogramme für den Austausch, auch mit EU-Mitteln, informiert der Pädagogische Austauschdienst (PAD) der Kultusministerkonferenz.
An einer Kennenlernreise nach Nairobi Interessierte können sich per Mail an info[at]habarikenia.de bei Ingrid Rath-Arnold melden.