lautstark. 17.06.2020

Einfache Antworten mit gefährlichen Folgen

CoronaMedienkompetenzPolitische Bildung

Verlockend simple Erklärungen boomen in der Pandemie

In der Krise steigt das Bedürfnis nach Vereinfachung. Auch deshalb sind Verschwörungserzählungen* während der Corona-Pandemie weit verbreitet. Welche Gefahren dahinterstecken und wie wir mit den Erzählungen umgehen können, haben wir mit einer Wissenschaftlerin und einer Lehrerin besprochen.

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  • Ausgabe: lautstark. 04/2020 | Gemeinsam durch die Krise
  • Autor*in: Iris Müller
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Das Coronavirus existiert gar nicht. Die Regierung hat den Lockdown beschlossen, damit die Menschen nicht merken, dass ein neuer Krieg begonnen hat. Bill Gates will die Welt kontrollieren und nutzt Corona als Vorwand, um eine Impfpflicht einzuführen und den Menschen einen Mikrochip zur Überwachung einzupflanzen. Das sind Verschwörungserzählungen, die im Zuge der Corona-Pandemie kursieren. Dass besonders junge Menschen für solche Mythen anfällig sind, hat auch die Gelsenkirchener Lehrerin Bahar Aslan gemerkt, als sich ihre Neunt- und Zehntklässler*innen während der Phase des Distanzlernens an sie wandten. Doch woran können wir solche Verschwörungserzählungen erkennen?

Kontrollverlust fördert Hang zu einfachen Erklärungen

Die Sozialpsychologin Pia Lamberty definiert eine Verschwörungserzählung so: „Der Glaube an geheime Mächte, die im Verborgenen einen Plan aushecken, um größtmöglichen Schaden anzurichten.“ Während die Schulen coronabedingt geschlossen waren, kursierten diverse Verschwörungserzählungen in den sozialen Medien. Und die Schüler*innen? „Die waren total verunsichert“, erklärt die Lehrerin für Englisch- und Sozialwissenschaften Bahar Aslan. Genau das ist einer der Gründe, warum Verschwörungserzählungen im Moment besonders präsent sind. „In einer Pandemie spüren viele Menschen einen Kontrollverlust, den sie versuchen zu kompensieren“, erklärt Pia Lamberty. Die Menschen seien verunsichert und dann helfe es, einen gemeinsamen, sichtbaren Feind zu haben –  und zwar nicht das Virus, sondern zum Beispiel Bill Gates oder den Virologen Christian Drosten. Damit beginne unter Umständen ein Teufelskreis, denn wenn das Feindbild immer mächtiger zu werden scheint, müsse auch das wieder kompensiert werden – und zwar oft mit einer weiteren Verschwörungserzählung.

Wirre Mythen erklären nichts, sondern schaffen Feindbilder

An dieser Stelle kann es nach Angaben von Pia Lamberty gefährlich werden. „Viele antisemitische, menschenfeindliche und rassistische Bilder werden über Verschwörungserzählungen transportiert“, weiß die Wissenschaftlerin aus empirischen Studien. Verschwörungsideolog*innen wollen mithilfe von Feindbildern politische Mobilisierung erreichen. Darüber hinaus glauben Menschen wie Xavier Naidoo, Attila Hildmann und Ken Jebsen mitunter tatsächlich an ihre Erzählungen oder wollen schlicht Geld damit verdienen.

Empfänglich für die Verschwörungserzählungen seien unter anderem Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen sehen, nicht gehört fühlen oder aber nach Einzigartigkeit streben. Ihr Weltbild fußt auf Misstrauen. „Eine Studienreihe zeigt, dass die Intelligenz selbst keine Rolle spielt“, erklärt Pia Lamberty. Verschwörungsideolog*innen gebe es in allen sozialen Schichten und sie seien unabhängig vom Alter.

Nachrichtenflut einordnen lernen

Schüler*innen befinden sich noch im Prozess der Identitätsentwicklung. Sie haben oft noch keine weitreichenden Kenntnisse in Politik und Geschichte und können aktuelle Ereignisse daher nicht immer einordnen. Hinzu kommt, dass sie einer Flut von Informationen ausgesetzt sind. Die Frage in diesem Zusammenhang: Was ist gesichertes Wissen? „Meine Schüler*innen lesen keine Zeitung“, weiß Bahar Aslan. Ihre Hauptinformationsquellen seien die sozialen Medien. „Durch das unreflektierte Teilen von Videos und Sprachnachrichten ist es für sie schwierig, Fake News zu erkennen“, erklärt die Lehrerin, die es herausfordernd fand, ihre Schützlinge aus der Ferne auf den richtigen Weg zu bringen. Wie sortiert man die Nachrichten? Wie sind Autor*innen einzuschätzen? Was sind seriöse Quellen und wie kann man sie erkennen? Das alles galt es für Bahar Aslan per WhatsApp zu erklären, angereichert mit Links der Bundeszentrale für politische Bildung, Safer Internet und dem Podcast des Virologen Christian Drosten. „Leute, ihr habt Zeit, hört euch das an, dann seid ihr sicher informiert“, schrieb sie ihren Schüler*innen und empfahl außerdem, seriösen Quellen in den sozialen Medien zu folgen – und nicht nur Influencer*innen. Schließlich nahm sie selbst ein Video auf, in dem sie erklärte, warum die Verschwörungserzählungen, mit denen ihre Schüler*innen konfrontiert waren, widersprüchlich und unglaubwürdig sind.

Fragen ohne Antworten aushalten

Auch Pia Lamberty wünscht sich, dass Jugendliche in Bezug auf Verschwörungserzählungen und den Umgang mit Quellen mehr sensibilisiert werden und das Thema verstärkt in den Lehrplan aufgenommen wird: „Die Menschheit hatte noch nie so einen unbegrenzten Zugang zu Wissen wie durch das Internet, doch der Umgang damit muss gelernt werden. Wie funktionieren Prozesse, was bedeuten Algorithmen, was sagen Statistiken aus?“

„In der Schule hätte ich das ganz anders, viel praktischer aufgezogen“, sagt Bahar Aslan, die sich eine Unterrichtsreihe zu dem Thema wünscht, bei der die Schüler*innen anhand von Beispielen Fake News identifizieren müssten, am besten anhand einer Checkliste. Denn sie ist sich sicher: „Corona wird Spuren hinterlassen. Fragen und Unsicherheiten werden bleiben, aber die Schüler*innen müssen lernen auszuhalten, dass es auf manche Fragen keine Antworten gibt.“