

Der Duden hat Anfang 2021 etwa 12.000 personenbezogene Einträge geschlechtergerecht überarbeitet. Was genau wurde dabei verändert und wie bewerten Sie den Einfluss dadurch auf die deutsche Sprache?
Gabriele Diewald: Die Wörterbucheinträge im Duden werden meines Wissens kontinuierlich überarbeitet. Entscheidend aber ist bei dieser Überarbeitung, dass nun jeder Eintrag von Personenbezeichnungen eigenständig ist. Und nicht wie vorher zum Beispiel beim Eintrag „Lehrerin“ auf den Eintrag „Lehrer“ verwiesen wird. Das ist nur folgerichtig: Bei beiden Einträgen handelt es sich ja um in der deutschen Sprache gebräuchliche Wörter. Entsprechend erhalten sie jetzt jeweils einen unabhängigen Eintrag im Onlinewörterbuch.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass Wörterbücher wie der Duden in den letzten Jahren verstärkt auf das Thema geschlechtergerechte Sprache eingegangen sind. Das entspricht ja auch dem zunehmenden gesellschaftlichen Stellenwert. Schwierig ist in jedem Fall die Frage nach der sprachlichen Repräsentation nicht binärer Geschlechterkonzepte, da die deutsche Sprache historisch gesehen hier eine Benennungslücke aufweist. Es bleibt abzuwarten, wie die sprachliche Entwicklung an diesem Punkt weiter verläuft.
Wen stellt gendergerechte Sprache dar? Was kann sie bewirken und wo stößt sie an ihre Grenzen?
Gabriele Diewald: Hier sollten wir vielleicht einen Schritt zurücktreten. Es sind immer die Sprechenden, die mittels Sprache etwas darstellen und etwas beabsichtigen. Der Ausdruck „gendergerechte Sprache“ bezieht sich auf eine bestimmte Art, die deutsche Sprache zu verwenden. Es geht also um geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Und hier ist natürlich sofort die Frage zu stellen: Was verstehe ich unter geschlechtergerechtem Sprachgebrauch? Meine ich damit im Wesentlichen die sachlich angemessene und faire Darstellung von Frauen und Männern? Oder will ich auch Personen jenseits binärer Geschlechterkonzepte sprachlich repräsentieren?
Im ersten Fall bietet mir die deutsche Sprache viele Möglichkeiten, im zweiten Fall stoße ich auf Benennungslücken. Es fehlen geeignete Bezeichnungen in der Sprache. An dieser Stelle setzen die aktuell zu beobachtenden Bemühungen an: Die neuen Formen – also zum Beispiel der Genderstern wie in Lehrer*in oder der Gendergap wie in Lehrer_in – sollen zum Ausdruck bringen, dass auch Personen sprachlich repräsentiert werden, die sich jenseits des tradierten binären Modells verorten. Natürlich gibt es eine Menge Diskussionen darüber, wie nützlich und sinnvoll solche Formen sind. Bekannt ist inzwischen, dass Formen wie der Genderstern sich gut verwenden lassen und auch keine Probleme bei der Rezeption bereiten, wenn sie eher sparsam eingesetzt werden und vor allem mehrfache Sternchen innerhalb einer Phrase, also eines Satzglieds, vermieden werden. Ein Satz wie „Lehrer*innen liegen in der Wertung vorne“ ist also unproblematisch; nicht gut ist hingegen ein Satz wie „Wir suchen eine*n engagierte*n Lehrer*in, die*der die Nachmittagsbetreuung verstärkt“.
Eine weitere Möglichkeit, geschlechtergerecht zu kommunizieren, besteht darin, geschlechtsbezogene Bedeutungskomponenten bei Personenbezeichnungen zu vermeiden. Stattdessen können wir ganz einfach Neutralisierungsformen verwenden wie Lehrkraft statt Lehrer oder Lehrerin.
Aktuell scheint jede*r eine Meinung zum Gendern zu haben. Viele Medien greifen diese nur zu gerne auf und der Wahlkampf scheint die Diskussion zu befeuern. Ist die gewachsene öffentliche Aufmerksamkeit förderlich für das, was gegenderte Sprache tatsächlich bewirken soll?
Gabriele Diewald: Die Diskussion ist natürlich schon viel älter, etwa ein halbes Jahrhundert. Und sprachlich hat sich seither schon viel verändert – übrigens oft ganz unbemerkt. Da gab es immer auch wieder Phasen, in denen das Thema mehr im Vordergrund stand, zum Beispiel in den frühen 1980er Jahren, und Phasen, in denen sich die Öffentlichkeit kaum dafür interessierte wie ein Jahrzehnt später in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Was heute auffällt, ist neben der großen allgemeinen, auch wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, die starke Instrumentalisierung des Themas zum Transport weiterer weltanschaulicher oder politischer Inhalte – gerade auch in Wahlkampfzeiten. Der Qualität der sprachwissenschaftlichen Argumentation tut das nicht gut, der inhaltlichen Aufklärung auch nicht. Ein gelassenerer Umgang mit diesem Thema, der nicht nur tagesaktuelle Aufreger produziert, sondern die Veränderungen kontinuierlich begleitet, wäre sehr hilfreich.
Was entgegnen Sie öffentlichen Personen, die sich mit aller Entschiedenheit, mal mehr mal weniger fundiert, gegen das Gendern aussprechen?
Gabriele Diewald: Nun ja, wir haben – so sagt man – Meinungsfreiheit. Das muss auch für Menschen gelten, die sich gegen etwas aussprechen, was ich selbst und auch viele andere durchaus befürworten. Konkret versuche ich immer die Gründe zu erfahren, die zu einer negativen Haltung zum Thema geschlechtergerechte Sprache führen. Dann hat man – vielleicht – eine Chance, Gegenargumente zu platzieren, die – vielleicht – auch gehört und verstanden werden. Interessant dabei ist, dass, je inhaltsleerer die Gründe für die Ablehnung sind, das Beharren auf der Ablehnung umso stärker ist.
Unsere Leser*innen sind den Genderstern gewöhnt. Vor einigen Jahren begegnete uns hauptsächlich der Gendergap, der Unterstrich. Mittlerweile sehen wir immer öfter den Gender-Doppelpunkt. Gibt es Unterschiede zwischen den typographischen Zeichen beim Einsatz für diskriminierungsfreie Sprache? Für welches sprechen Sie sich heute aus?
Gabriele Diewald: Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive kann ich keine inhaltlichen Unterschiede erkennen beziehungsweise kenne ich keinen Ansatz, der behaupten würde, dass zum Beispiel Lehrer*in ein anderes Modell der Geschlechtervielfalt zum Ausdruck brächte als Lehrer:in oder Lehrer_in. Sprachwissenschaftliche Studien liegen zu diesen Fragen meines Wissens noch nicht vor und ich habe zwischen den neuen Formen tatsächlich keine Präferenzen.
Historisch gesehen tauchten die Zeichen für diskriminierungsfreie Sprache übrigens genau in dieser Reihenfolge auf: Gendergap 2003, Genderstar 2009 und Gender-Doppelpunkt 2013. Persönlich verwende ich am liebsten das Binnen-I, also LehrerIn, das heute – anders als noch vor ein paar Jahren – durchaus inklusiv bezüglich anderer Geschlechterkonzepte interpretiert wird.
Gendergerechte Sprache zu leben bedeutet natürlich mehr als typographische Zeichen zu nutzen und eine bewusste Pause bei der Aussprache zu setzen. Wie wird es für das Gendern in Zukunft weitergehen? Wird gendergerechte deutsche Sprache irgendwann zum Alltag gehören?
Gabriele Diewald: In bestimmten Gruppen gehören bestimmte geschlechtergerechte Gebrauchsweisen bereits zum Alltag. Auch im beruflichen Alltag werden in Kommunikationssituationen und Textsorten häufig geschlechtergerechte Formen verwendet – unter anderem bei der direkten Anrede im Austausch mit der Kundschaft und GeschäftspartnerInnen sowie in Gesetzestexten und Verordnungen. Es ist sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass wir alle in unserem Sprachgebrauch mehrere Register zur Verfügung haben, die wir je nach Bedarf ziehen. Wir variieren unseren Sprachgebrauch und damit auch die Wahl der sprachlichen Mittel je nach Situation. Angesichts der Entwicklung der letzten Jahre und der Gebrauchsgewohnheiten der Jüngeren gehe ich davon aus, dass es in Zukunft eher mehr als weniger Anlässe geben wird, bei denen im Alltag geschlechtergerechte Sprache Verwendung findet.