lautstark. 17.06.2020

Corona-Auswirkungen auf die Wirtschaft

CoronaFrauenGehalt

Was sich in der Pandemie wandelt

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf das Leben von Beschäftigten aus? Auf welche wirtschaftlichen Folgen müssen wir uns einstellen? Im Interview mit der lautstark. gibt Mechthild Schrooten Antworten.

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  • Ausgabe: lautstark. 04/2020 | Gemeinsam durch die Krise
  • im Interview: Mechthild Schrooten
  • Funktion: Professorin für Volkswirtschaftslehre
  • Interview von: Jessica Küppers
  • Funktion: Redakteurin im NDS Verlag
Min.

Pflegekräfte, Verkäufer*innen und Kitabeschäftigte sind meist weiblich. Außerdem betreuen vielen Frauen gerade ihre Kinder oder Familienangehörigen zu Hause und leisten unbezahlte Care-Arbeit. Sind Frauen die großen Verliererinnen der Krise?

Mechthild Schrooten: Covid-19 hat die gesamte Gesellschaft getroffen, besonders aber den Dienstleistungssektor. Hier sind viele Frauen beschäftigt, die kurzfristig ihr Leben und die Arbeit neu organisieren mussten. Dabei ließ sich in kurzer Zeit ein Zurückfallen in alte Rollen feststellen. Plötzlich war sie wieder da: die extreme Geschlechterungleichheit.

Damit Frauen nicht dauerhaft die Verliererinnen bleiben, ist es dringend notwendig, die Dienstleistungsarbeit nicht nur symbolisch, sondern auch finanziell aufzuwerten. Würden Frauen und Männer über gleich hohe Einkommen verfügen, dann würde sich die Frage nach der Aufteilung der unbezahlten Care-Arbeit anders stellen. Der Gender-Pay-Gap spielt erheblich in die Ausgestaltung der Alltagssituationen von Frauen und Familien hinein.

Die Krise hat auch Einfluss auf die politische Agenda. Themen wie Klimaschutz rücken momentan zunehmend in den Hintergrund. Dabei haben wir sehr eindrücklich gesehen, welche Möglichkeiten es gibt, zum Beispiel auf unnötigen Individualverkehr zu verzichten. Was sollten wir daraus lernen und in Zukunft besser machen?

Mechthild Schrooten: Jede Krise bietet auch Chancen. Sie hat die Notstände besonders deutlich gemacht. Zukunftsfähigkeit bedeutet auch soziale und klimapolitische Verantwortung. Die Argumente für den Individualverkehr scheinen allerdings durch die Krise erst einmal gestärkt zu sein. Denn bei dieser Krise ging es um Ansteckungsgefahr, und wer ein Auto oder Fahrrad hat, war hier klar im Vorteil. Ein großer Teil unseres Mobilitätswahnsinns ist jedoch durch Homeoffice-Lösungen nicht nötig. Allein das dürfte schon positiv auf die CO2-Bilanz durchschlagen.
Es werden Milliarden Euro in die Hand genommen, um die wirtschaftlichen Folgen der Krise akut abzumildern.

Was kommt voraussichtlich auf Steuerzahler*innen und Unternehmen zu? Welche Vorschläge gibt es, um die neuen finanziellen Herausforderungen zu stemmen?

Mechthild Schrooten: Milliardenschwere Rettungspakete haben die Gesellschaft durch die Corona-Krise getragen – finanziert vorrangig durch Kredite. Das Grundgesetz fordert einen Tilgungsplan. In den letzten 20 Jahren waren die Vermögenden auf der Gewinnerseite. Solidarität würde bedeuten, dass sie einen Teil der Kosten schultern. Genau diese Solidarität ist nun gefordert.

Welche Solidarität ist auch innerhalb der EU gefragt?

Mechthild Schrooten: Das Virus kennt keine Grenzen. Wir stehen einer Herausforderung gigantischen Ausmaßes gegenüber, die sich nationalstaatlich nicht bewältigen lässt. Solidarität ist nicht naiv, sondern bedeutet Stärke in Krisensituationen. Bonds und Fonds sind hier die Zauberworte. Kein Mitgliedsland hat einen Vorteil, wenn die EU an Finanzierungsfragen zerbricht.