lautstark. 14.04.2022

Bildungsfinanzierung: Marode Schulen in NRW

BildungsfinanzierungArbeits- und GesundheitsschutzBelastungLehrkräftemangelDigitale Ausstattung

Neubau und Sanierung könnten Pull-Faktoren werden

Im Ländervergleich liegt Nordrhein-Westfalen bei der Finanzierung des Bildungssystems auf dem letzten Platz. Das zeigt sich nicht zuletzt am baulichen Zustand der Schulen. Gerade in finanzschwachen Kommunen wie Duisburg gehören marode Gebäude zum Alltag von Schüler*innen und Lehrkräften. GEW-Personalrat Rüdiger Wüllner und Elternvertreterin Melanie Maurer geben einen Einblick in die Situation in Duisburg – und erklären, was sich verändern muss.

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  • Ausgabe: lautstark. 02/2022 | Mehr für Bildung: Deine Stimme zählt
  • im Interview: Rüdiger Wüllner | Melanie Maurer
  • Funktion: Personalrat der GEW NRW | Elternvertreterin
  • Interview von: Anne Petersohn
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Wenn wir von maroden Schulen sprechen, haben wir alle unterschiedliche Bilder im Kopf. Können Sie das Spektrum in Duisburg beschreiben?

Rüdiger Wüllner: Grundsätzlich hat wohl fast jede Schule irgendeinen
Sanierungs- oder Ausstattungsbedarf, gerade im Bereich des digitalen Lernens. Ich würde sagen, dass bei uns in Duisburg nur etwa ein Dutzend der 150 Schulen gut dastehen. Umgekehrt sind etwa 30 von ihnen marode. Es geht vor allem um Feuchtigkeit, Schimmel, Hygiene und Lärm. Das krasseste Beispiel für mich war vor einiger Zeit ein Parkettboden, den man einfach mit einer Schaufel hätte herauslöffeln können – so feucht war er. Damit verbunden sind Schadstoffausdünstungen aus dem Kleber. Zum Teil hören wir von gehäuft auftretenden Asthmaanfällen unter Schüler*innen oder auch von Kopfschmerzen bei Kolleg*innen – auch wenn die Stadtverwaltung einen Zusammenhang bestreitet und stattdessen auf eine erhöhte Luftverschmutzung durch Industrieanlagen verweist.

Melanie Maurer: Diese Ebene, auf der es um gesundheitsbeeinträchtigende Zustände geht, ist natürlich die gravierendste. Aber auch auf einer anderen Ebene gibt es an vielen Schulen erhebliche Beeinträchtigungen, weil Dinge schlichtweg nicht mehr funktionieren. An einer Grundschule ließen sich beispielsweise über Jahre die Fenster der Turnhalle nicht mehr schließen. Man musste dann einfach immer mit dem aktuellen Wetter leben. Auch unverputzte Wände gehören in ganz vielen Schulen zum Alltag – mal ganz abgesehen von den Toiletten: Da findet man häufig Zustände vor, die an Bahnhofsklos erinnern und die man zu Hause niemals akzeptieren würde. 

Betrifft das alle Schulformen und Stadtteile gleichermaßen?

Rüdiger Wüllner: Es gibt keinen grundsätzlichen, direkten Zusammenhang zwischen Standort, Schulform und baulicher Situation. Allerdings lässt sich schon sagen, dass wir an Grund- und Förderschulen besonders heftige Zustände beobachten. Gleiches gilt für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf, also solche Viertel, in denen mehrere belastende Faktoren zusammenkommen, etwa weil sie während der Industrialisierung sehr schnell gewachsen sind. Viele Schulen, die hier stehen und heute noch genutzt werden, sind 100 oder 130 Jahre alt. Sie bringen ganz andere Voraussetzungen mit als Gebäude aus den 1960er-Jahren. Manche Sanierungsmaßnahme ist hier schlichtweg nicht möglich, weil beispielsweise eine denkmalgeschützte Fassade nicht einfach gedämmt werden darf.

Herausforderungen wie diese gibt es sicher auch in anderen Ruhrgebietsstädten. Ist die Situation dort genauso schlecht – oder wie bewerten Sie die Duisburger Lage im Vergleich zum Rest von NRW?

Melanie Maurer: Duisburg ist definitiv nicht die einzige Stadt mit maroden Schulen – aber sicher eine, die es besonders schwer hat. Bei einem Besuch an einer anderen Schule im Ruhrgebiet habe ich vor Kurzem ganz ähnliche Zustände beobachtet. Umgekehrt stelle ich aber auch fest, dass es Kommunen durchaus gelingen kann, eine Wohlfühlatmosphäre in den Schulen zu schaffen. Da funktioniert alles, es gibt Toilettenpapier und Seife auf den Klos, und die Klassenräume sind insgesamt so wohnlich gestaltet, dass Schüler*innen gut lernen können.

Rüdiger Wüllner: Ein gutes Beispiel in dieser Hinsicht ist aus meiner Sicht Gelsenkirchen: Die Stadt ist noch ärmer als Duisburg – trotzdem entwickelt sie sich bildungspolitisch in eine positive Richtung, nicht zuletzt durch die Entscheidung, neue Schulen zu bauen. Marode Zustände haben also nicht zwangsläufig mit der Finanzkraft einer Kommune zu tun.

Wenn es nicht ausschließlich die finanziellen Mittel sind: Welche anderen Faktoren machen Sie dafür verantwortlich, dass es in Duisburg so schlecht läuft?

Rüdiger Wüllner: Die Verwaltung springt von Fördertopf zu Fördertopf und gibt Millionen aus, um 30 Jahre alte Toiletten auf einen halbwegs akzeptablen Stand zu bringen oder dafür zu sorgen, dass Klassenräume mehr als eine Steckdose bekommen. Dieses Geld können andere Schulträger für wesentlich fortschrittlichere Dinge ausgeben – für Smartboards, Schulneubauten oder eine hochwertige Ausstattung. Hinzu kommt, dass die Stadt Duisburg immer mehr Bereiche ausgegliedert und Personal eingespart hat. So müssen externe Firmen und Planer*innen beauftragt werden, um bauliche Maßnahmen umzusetzen. Das ist unterm Strich nicht nur teurer und zeitaufwendiger, sondern sorgt auch dafür, dass Abstimmungsprozesse nicht richtig funktionieren. Alles ist gewinnorientiert – aber mit menschenfreundlicher Daseinsfürsorge und Maßnahmen für eine gute Bildung im 21. Jahrhundert lässt sich nun mal kein finanzieller Gewinn erzielen.

Melanie Maurer: Was wir brauchen, um den Sanierungsstau zu beheben, ist die langfristige Sicht in Form eines Schulentwicklungsplans. Derzeit wird dem Thema Bildung viel zu wenig Raum gegeben. Während der Corona-Krise hatten wir fast ein Jahr lang keine Schulausschusssitzungen – obwohl man ja auch ein digitales Format hätte finden können. Und selbst wenn wir Eltern uns engagieren und mit viel Eigeninitiative Sponsoren gewinnen, lassen sich die Zustände an den Schulen nicht zwangsläufig verbessern. Denn dann fehlt es der Stadt an Kapazitäten, die neue Ausstattung einzubauen. Als Eltern dürfen wir das nicht übernehmen. All das sind Dinge, die uns unglaublich frustrieren.

Apropos Frust: Wie gehen Schüler*innen, Beschäftigte und Eltern mit der mangelhaften baulichen Situation um? Wie wirkt sie sich auf das Lernen und Lehren aus?

Melanie Maurer: Wenn ich sehe, was Lehrkräfte hier leisten müssen, ist die Belastungsgrenze mehr als erreicht. An vielen Stellen gibt es deshalb eine gewisse Resignation – da geht es ums nackte Überleben. Für Klagen oder Träume bleibt keine Zeit. Auch die Schüler*innen nehmen vieles einfach hin. Und als Eltern sind wir oft in einer zwiespältigen Position: Einerseits möchten wir nicht, dass unsere Kinder ihren Tag unter diesen schlechten Bedingungen verbringen.

Ich habe also auch schon mal einen Klassenraum gestrichen. Andererseits ist das eigentlich nicht unser Job, und wir können uns nicht permanent ein Bein ausreißen, um Mangelleistungen seitens des Schulträgers beziehungsweise des Landes auszubügeln. So versuchen wir immer wieder, uns bei der Politik Gehör zu verschaffen und auf Missstände hinzuweisen. Dann wird erst mal Hilfe versprochen, aber unterm Strich ändert sich nichts. Wir hinken einfach in ganz vielen Bereichen hinterher, und es ist schwierig, aus dieser Situation wieder herauszukommen.

Rüdiger Wüllner: Das Problem ist auch, dass die maroden Schulgebäude für ein schlechtes Image sorgen – und das in einer Situation, in der uns ohnehin Lehrkräfte fehlen. Neue Schulstandorte und Sanierungsmaßnahmen könnten zu Pull-Faktoren für Duisburg werden – sie könnten gerade bei Nachwuchslehrer*innen die Motivation anregen, etwas zu bewegen und mitzugestalten. Damit könnten wir am Ende auch wieder mehr Stellen besetzen, was die Lage an den Schulen zusätzlich verbessern würde.

Die Notwendigkeit zum Aufbruch ist also unstrittig. Woher müssten die finanziellen Mittel dafür kommen? 

Rüdiger Wüllner: Für andere Dinge kann auch kurzfristig sehr viel Geld aus dem Ärmel geschüttelt werden, das haben die vergangenen zwei Jahre wieder deutlich gezeigt. Von daher geht es aus meiner Sicht vor allem darum, die Mittel besser und anders zu verteilen und somit Chancengleichheit zu ermöglichen. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Melanie Maurer: Ich wünsche mir, dass die Corona-Krise nicht einfach ein Tief-, sondern auch ein Wendepunkt ist. An vielen Schulen herrschen Zustände, die kein Unternehmen jemals dulden würde. Die Stadt sollte deshalb in Zukunft großzügiger kalkulieren und langfristiger planen, um einen Puffer für Sanierungen aufzubauen. Das geht einher mit einer neuen Form der Wertschätzung, mit dem Bestreben, gute Bildungsräume für alle zu schaffen. Hier würde ich mir klare Richtlinien dafür wünschen, was eine gute Schule braucht und ausmacht. Anhand dieser verbindlichen Kriterien könnte man dann Schulen sukzessive nachrüsten oder neu bauen – und das idealerweise nicht nur in Duisburg, sondern in allen Kommunen in NRW.