lautstark. 17.06.2020
Bildungsbereich steht vor großen Herausforderungen




Chancenungleichheit, Ausbildungslosigkeit von Jugendlichen, Fokussierung der Schulentwicklung auf Bildungsstandards und Tests, Lehrkräftemangel und nicht zuletzt Defizite bei der Digitalisierung beschäftigen die Bildungspolitik schon lange, in der Corona-Krise aber noch verstärkt.
Chancenungleichheit
Spätestens seit den Pisa-Studien wissen wir, dass in Deutschland im internationalen Vergleich die soziale Herkunft schulisch erbrachte Leistungen besonders stark bestimmt. Dies gilt gleichermaßen für den Migrationshintergrund der Kinder und Jugendlichen. Benachteiligungen dieser Gruppen nehmen in der Corona-Krise noch zu: Häufig fehlen ihnen nicht nur die fürs Lernen auf Distanz nötigen Geräte, ihre Eltern können ihnen auch grundsätzlich weniger helfen, insbesondere dann, wenn in den Familien kein Deutsch gesprochen wird. Damit Chancen-ungleichheit nicht weiter wächst, bedürfen diese Kinder und Jugendlichen bis weit in das kommende Schuljahr hinein einer besonderen Unterstützung – auch durch zusätzliche Unterrichtsstunden. Lehrer*innen können die Schüler*innen auswählen, die jetzt besonders gefördert werden müssen. Sie wissen aufgrund der Rückmeldungen während des Distanzunterrichts am besten, wer diese Förderung nötig hat.
Ausbildungslosigkeit von Jugendlichen
Derzeit haben in Nordrhein-Westfalen von den 20- bis 30-Jährigen 18 Prozent keine Berufsausbildung; sie sind auch nicht mehr dabei, eine zu erwerben. Die schulischen Leistungen der schwächeren Schulabsolvent*innen, insbesondere der jungen Leute, die den Hauptschulabschluss verfehlen, werden infolge des Unterrichtsausfalls noch schwächer werden. Dies tritt zu einer Zeit ein, in der die Zahl angebotener Ausbildungsplätze im Vergleich zum Vorjahr zurückgeht. Vor diesem Hintergrund müssen ausbildungsbegleitende Hilfen der Bundesagentur für Arbeit verstärkt eingesetzt werden.
Fokussierung auf Bildungsstandards und Tests
Internationale Leistungsstudien, Lernstandserhebungen sowie Überprüfungen der Bildungsstandards konzentrieren sich auf die Fächer Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften. Parallel dazu wird ein breites Fächerspektrum marginalisiert. Dazu gehören – nur um Beispiele zu nennen – für das gesellschaftliche Zusammenleben so wichtige Gebiete wie Geschichte, Politik, Kunst und Musik. Die Tendenz zur „Drei-Fächer-Schule“ nimmt jetzt noch zu: Die Unterrichtsinhalte der Klassen, die jetzt geteilt und tageweise wieder zur Schule gehen, konzentrieren sich insbesondere in den Grundschulen auf Mathematik und Deutsch. Mit Blick auf die Abschlussklassen interessiert im öffentlichen Diskurs überwiegend das Abitur. Wir müssen aufpassen, dass sich bei der Gestaltung von Schule nicht die durchsetzen, für die Schule im Kern eine Veranstaltung von Tests ist und die alles Übrige für pädagogisches Gedöns halten.
Lehrkräftemangel
Der Lehrkräftemangel nimmt ein bedrohliches Ausmaß an: Viele Stellen bleiben unbesetzt. Allein in den Grundschulen des Landes unterrichten etwa 5.000 Seiteneinsteiger*innen – unzureichend vorbereitet und unterstützt. Hinzu kommt aktuell, dass häufig der Einsatz älterer Lehrer*innen nicht möglich ist. Die Corona-Krise lehrt uns, wie hochriskant „auf Kante genähte“ Lehrkräftebedarfsplanungen sind.
Defizite bei der Digitalisierung
Die Ausstattung der Schulen sowie der Familien mit digitalen Lehr- und Lerngeräten ist wie die Vorbereitung der Lehrkräfte auf deren Nutzung weit davon entfernt, Präsenz- und Fernunterricht miteinander zu verbinden. Wir lernen in dieser Krise, dass großer Nachholbedarf bei der Digitalisierung der Schulen und der Familien ebenso wie bei der Fortbildung der Lehrkräfte besteht und diese Defizite beschleunigt aufgeholt werden müssen. Wir wissen aber auch, dass die in diesem Schuljahr entstandenen und weit in das nächste Schuljahr hineinreichenden Probleme dadurch nicht mehr gemindert werden. Wer jetzt nur von Digitalisierung spricht und die anderen Maßnahmen nicht vorantreibt, benutzt Digitalisierung – so wichtig sie ist – als Feigenblatt.
Deutlich ist: Die Herausforderungen sind groß. Klar ist aber auch: Wenn irgendetwas systemrelevant ist, dann sind es unsere Bildungseinrichtungen!
Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm
Bildungsforscher
Forderungen des DGB
Für mehr Chancengleichheit an Schulen während und nach der Corona-Krise fordert der DGB-Bund mittel- und langfristig bessere Rahmen- und Arbeitsbedingungen.
- Investitionsstau an Schulen beheben
- Ausbau von Ganztagsschulen voranbringen
- Investitionen in pädagogische Fachkräfte anheben
- Digitale Infrastruktur ausbauen, digitale Lernangebote weiterentwickeln
- Ausstattung von Schulen mit anspruchsvollen Aufgaben nach einem Schulsozialindex
- Länderübergreifendes Vorgehen statt Kleinstaaterei

