lautstark. 09.06.2022

Berufsstart: Wenn 40 Stunden nicht genug sind

BelastungVorbereitungsdienstAusbildung

Belastung im Berufseinstieg senken

Sie brennt für ihren Beruf. Deshalb hat Zora Bobbert Lehramt studiert. Und deshalb übt sie ihren Beruf immer noch mit großer Freude aus. Auch wenn die Realität im Schulalltag es ihr von Anfang an schwer gemacht hat, ihre Ansprüche an guten Unterricht umzusetzen. Die 32-Jährige erzählt, was sich beim Berufsstart am Arbeitsplatz Schule ändern müsste – in Zeiten von Lehrkräftemangel erst recht.

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  • Ausgabe: lautstark. 03/2022 | Besser arbeiten: Arbeitsplatz Bildung attraktiver machen
  • Autor*in: Simone Theyßen-Speich
  • Funktion: Diplom-Journalistin
Min.

Vor zweieinhalb Jahren hat Zora Bobbert ihr Referendariat abgeschlossen. Es folgten anderthalb Jahre mit Vertretungsjobs. Seit dem Schuljahr 2021/2022 ist die 32-Jährige am Georg-Büchner-Gymnasium in Düsseldorf fest angestellt als Lehrerin für Mathematik und Sozialwissenschaften. Derzeit ist sie verbeamtet auf Probe, nur noch wenige Revisionsstunden und das Abschlussgutachten der Schulleitung trennen sie von der Verbeamtung auf Lebenszeit.

Der Weg zur Festanstellung ist lang

Mit anderthalb Jahren, die sie mit zwei Vertretungsstellen, immer wieder neuen Verträgen und dem ständigen Blick auf LEO, das landesweite Onlineportal für die Lehrer*inneneinstellung, zugebracht hat, liegt Zora Bobbert gut im Schnitt. „Im Gespräch mit anderen Kolleg*innen habe ich festgestellt, dass jetzt, zweieinhalb Jahre nach dem Referendariat, etwa die Hälfte der Absolvent*innen eine unbefristete Planstelle haben, die andere Hälfte arbeitet immer noch in befristeten Stellen“, erzählt sie. Diese seien meist auf sechs Monate befristet. „Bei Elternzeitvertretungen beginnt oder endet der Job auch schon mal mitten im Schuljahr.“ Bei einem Vertretungsangebot habe sie sogar schon für ihre zukünftige Klasse den Stundenplan geplant, ohne einen Vertrag zu haben. „Und dann hat es am Ende doch nicht geklappt.“

Einblicke in verschiedene Schulen zu bekommen, das sei aber auch immer eine Bereicherung gewesen. „Ich hätte mir auch überall vorstellen können, zu bleiben.“ Letztendlich ist Zora Bobbert mit ihrer Festanstellung in Düsseldorf sehr zufrieden. „Ich habe bewusst nur im innerstädtischen Bereich von Düsseldorf gesucht, um den Weg mit dem Fahrrad machen zu können.“ Sie habe darauf gepokert, dass ihre Chancen mit dem begehrten Fach Mathe gut sind – und lag richtig. „Andere Kolleg*innen mit ungünstigeren Fächern wie Deutsch und Geschichte müssen da teilweise lange Wege auf sich nehmen, sich manchmal selbst für befristete Stellen ein Auto anschaffen oder umziehen“, skizziert sie die Kehrseite.

Dazu komme der Stress, dass freie Stellen vom Land nur an vier Terminen im Jahr online gestellt werden. „Da liest man immer vom Lehrer*innenmangel und dann ist es frustrierend, zu sehen, wie wenige Stellen tatsächlich ausgeschrieben werden“, so ihre Kritik. Berücksichtige man dann noch die eigene Fächerkombination, Fahrtwege und Schulprofil, schrumpfe das Angebot deutlich. Dass dann alle Vorstellungstermine immer am selben Tag sind, bringe zusätzlichen Stress. „Ich bin manchmal im Stundentakt durch Düsseldorf geradelt, um alle Termine zu schaffen“, erinnert sie sich. Und bei der Entscheidung, das Stellenangebot anzunehmen, machten die Schulen dann oft noch zusätzlich Zeitdruck.

Erste Erkenntnis: Die Zeit reicht nicht

Ihre Stelle als Lehrerin für Mathe und Sowi in der Sekundarstufe I und II gefällt ihr gut. Auch wenn der Berufsalltag ein gänzlich anderer ist als im Referendariat. „Als Referendar*in hat man neun Unterrichtsstunden pro Woche, jetzt auf der Planstelle im Gymnasium sind es 25,5. Anfangs habe ich pro Unterrichtsstunde auch noch eine Stunde Vorbereitungszeit gebraucht.“ Das könne man sich auf Dauer gar nicht leisten. „Da hat man im Studium gelernt, wie man didaktisch guten und anspruchsvollen Unterricht macht, und dann ist das das erste, wofür man keine Zeit mehr hat.“ Etwa fünf Stunden braucht sie beispielsweise für die Korrektur eines Klassensatzes an Mathearbeiten im fünften Jahrgang – pro Schuljahr werden sechs geschrieben. Die Sowi-Oberstufen-Klausuren sind entsprechend aufwendiger. „Zehn Stunden für Korrekturen kommen da, aufs Schuljahr gerechnet, pro Woche zusammen, dazu Unterrichtsvorbereitung, Organisatorisches, Elterngespräche und Konferenzen.“

Man merke schnell, dass eine 40-Stunden-Woche nicht ausreicht. Da man bei den formellen Aufgaben wenig zeitlichen Spielraum habe, sei es dann traurig, wenn die Unterrichtsvorbereitung das erste sei, woran man Zeit zu sparen versuche. „Gutes Unterrichten ist es doch, was am Lehrberuf Spaß macht.“

Zora Bobbert versucht, einen guten Mittelweg zu finden. „Manchmal weiß ich selbst nicht, wie ich das alles zeitlich schaffe“, sagt sie auch mit Blick auf ihre diversen Ehrenämter und ihr politisches Engagement als SPD-Bezirksvertreterin.

Kollegialer Austausch für einen guten Start

Eine zeitliche Entlastung sei es, wenn man auch Stunden im Plan habe, die keiner Vor- und Nachbereitung bedürfen, etwa Förder- und Vertiefungskurse. „Darauf sollte man gemeinsam mit der Schulleitung bei der Erstellung des Stundenplans achten.“ Das Referendariat, besonders die Teamarbeit, die Absprache in den Fachseminaren und mit den Ausbildungslehrer*innen seien eine gute Starthilfe gewesen. Auch im Lehrer*innenteam wünscht sie sich mehr kollegialen Austausch. „Es wäre beispielsweise spannend, bei anderen Kolleg*innen zu hospitieren, sich etwas abzuschauen, so wie das im Referendariat üblich ist.“ Hospitations- und Absprachestunden wären als Vernetzung auch über den Berufseinstieg hinaus sinnvoll. Mehr Austausch sei auch wichtig, damit sich das Schulsystem weiterentwickelt. Ihr Idealmodell: vier Tage in der Schule, ein Tag im Homeoffice für Korrekturen und im Stundenplan feste Stunden für den kollegialen Austausch.

Auch wenn die Rahmenbedingungen verbesserungswürdig sind und Zora Bobbert nicht davon ausgeht, dass sie aufgrund der hohen Belastung in 30 Jahren noch mit voller Stundenzahl vor der Klasse steht, macht ihr der Lehrberuf inhaltlich große Freude. „Wenn dann kleine Mädchen vor mir stehen und freudestrahlend erzählen, dass ihnen Mathe Spaß macht, dann weiß ich, wofür ich den Beruf mache.“