lautstark. 02.08.2023

Arbeitskampf: Was ist Solidarität?

StreikPolitische Bildung

Wenn Eisenbahner*innen für Fahrradkurier*innen einstehen

Streikende stehen nicht nur für sich selbst ein, sagt der Soziologe Stephan Lessenich. Sie ermöglichen auch bessere Arbeitsbedingungen in anderen Bereichen und sollten deshalb mehr Solidarität erfahren. Im Interview erklärt der Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, wie sich solidarisches Handeln befördern lässt – und warum Solidarität gerade in Krisenzeiten eine zentrale Bedeutung zukommt.

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  • Ausgabe: lautstark. 04/2023 | Tarifarbeit: Gemeinsam stark
  • im Interview: Stephan Lessenich
  • Funktion: Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung
  • Interview von: Anne Petersohn
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Ob Streik oder Klimakrise: In der aktuellen Berichterstattung fällt immer wieder der Begriff der Solidarität. Was verbirgt sich eigentlich dahinter?

Stephan Lessenich: Es gibt in der Soziologie unterschiedliche Verständnisse des Begriffs. Übereinstimmung besteht wohl darin, dass Solidarität eine Beziehungsweise ist, eine bestimmte Art, sich aufeinander zu beziehen in einer Gesellschaft: Es gibt soziale Gruppen, typischerweise soziale Nahbeziehungen von Personen, die sich kennen und der Ansicht sind, dass sie etwas teilen, und auf Grundlage dieser Gemeinsamkeit erklären sie sich gegenseitig solidarisch. Solidarität bedeutet in diesem Sinne, füreinander einzustehen, gemeinsame Sache zu machen.

Welche Arten der Gemeinsamkeit sind denkbar?

Stephan Lessenich: Da ist zunächst die Familie oder ein Kreis von Freund*innen. Dann gibt es Beschäftigte, die sich in Berufsgruppen zusammenfinden. Klassischerweise denken wir hier an Industriearbeiter*innen, die ein gemeinsames Berufsrisiko verband. Für die Soziologie, aber auch gesellschaftspolitisch stellt sich immer die Frage, wie man Solidarität aus dem sozialen Nahbereich auf eine abstraktere Ebene bekommt: Wie funktioniert sie zwischen Menschen, die sich nicht kennen oder wenig miteinander teilen?

Was würden Sie antworten?

Stephan Lessenich: Die klassische Antwort in der Soziologie lautet: Die Leute wissen, dass sie voneinander abhängig sind. Jede*r leistet einen Beitrag in der kollektiven Herstellung von Gütern. Und deshalb lassen sich die Menschen darauf ein, in eine wechselseitige Unterstützungsbeziehung zu treten mit Leuten, die sie möglicherweise niemals kennenlernen werden. Der Sozialstaat ist aus dieser Perspektive ein Solidaritätsarrangement. Das ist nicht immer einfach.

Unsere Gesellschaft ist stark geprägt von industriegesellschaftlichen Normen: Wer viel leistet, hat ein gutes Einkommen; wer viel in die Rentenversicherung einzahlt, soll später auch viel herausbekommen. Im Sozialstaat steht man aber auch in Beziehung mit jemandem, der raucht oder Risikosport betreibt – obwohl man sich selber vielleicht gesundheitsbewusst oder extrem vorsichtig verhält. Solidarität bedeutet also auch, dass Menschen im Zweifel in asymmetrischer Weise füreinander einstehen und Unterschiede überbrückt werden.

Welche Regeln oder Mechanismen liegen diesen Prozessen zugrunde?

Stephan Lessenich: Eine wichtige Rolle spielt, dass Solidarität eine Erfahrungskategorie ist, eine Kategorie der Praxis und des Alltagshandelns. Man vollbringt etwas gemeinsam und stellt fest: Da sind Verbindungen, die wir nie vermutet hätten. Wenn ein Auto vor einen Baum fährt, sind die meisten Menschen sofort bereit, zu helfen – egal von wem das Auto gefahren wurde. Aus so einer Hilfeleistung kann sich mehr entwickeln. Ähnlich ist es mit der Solidarität mit Geflüchteten: Indem man ihnen hilft, sie bei sich zu Hause aufnimmt, erfährt man mehr über ihre Situation – und setzt sich am Ende möglicherweise für eine Änderung des Asylrechts ein.

Wie können solche Entwicklungen befördert werden?

Stephan Lessenich: Aus meiner Sicht müssen wir die zentralen Lebensbereiche dieser Gesellschaft demokratisieren: Die Leute müssen mehr alltägliches Mitspracherecht haben – bei der Arbeit, aber auch bei der Gestaltung des Wohnumfelds und letztlich in allen Lebensbereichen. Wenn es normaler wäre, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und mit ihnen gemeinsam Entscheidungen zu treffen, würde das zu neuen Beziehungsebenen führen. Die Menschen würden unerwartete Verbindungen zu anderen entdecken und neue Positionen kennenlernen können – eine Grundvoraussetzung für Solidarität.

Ist Solidarität ein Auslaufmodell oder für unsere Gesellschaft wichtiger denn je, etwa mit Blick auf rechtspopulistische Tendenzen?

Stephan Lessenich: Aus soziologischer Sicht ist Solidarität ein basaler sozialer Mechanismus. Die Bereitschaft, füreinander einzustehen, kann zum Zusammenhalt von gesellschaftlichen Zusammenhängen beitragen. Wenn dieser Zusammenhalt gefährdet scheint, wird daher nach mehr Solidarität gerufen. Solidarisch zu sein bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, etwas Gutes zu tun.

So kann sich auch ein ganzes Dorf solidarisch zeigen in der Entscheidung, keine Flüchtlinge vor Ort haben zu wollen. Dennoch sind alle Formen des sich wechselseitig In-Beziehung-Setzens erst einmal positiv zu bewerten. Und gerade in heterogenen Gesellschaften, wie wir sie heute haben, ist Solidarität ein wichtiger Faktor gesellschaftlichen Zusammenlebens. Allerdings ist in der Vergangenheit auch viel dafür getan worden, Solidarität unwahrscheinlicher zu machen.

Inwiefern?

Stephan Lessenich: Ich sehe eine starke Spannung zwischen den Diskursen über gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem, was politisch ermöglicht wird. Wir leben in einer Gesellschaft, die durchweg auf Konkurrenzbeziehungen setzt: auf den Wettbewerb um gute Arbeit, gute Bildung, gute Wohnungen. Konkurrenz aber ist das Gegenteil von solidarischer Praxis.

Gleichzeitig muss man sich Solidarität leisten können – man braucht die materielle Ausstattung, die nötigen Zeitressourcen, und man muss auch physisch dazu in der Lage sein. Wir brauchen deshalb eine politische Intervention, die diese Voraussetzungen für alle Menschen schafft, auch abseits der Mittelschicht. Eine bessere Grundsicherung in jeder Hinsicht wäre ein Instrument, das auch dazu beitragen könnte, dem Rechtspopulismus das Wasser abzugraben.

Wie lässt sich Solidarität mit Streikenden innerhalb der Gesellschaft befördern?

Stephan Lessenich: Streikende sind erst einmal untereinander solidarisch. Wenn aber die Eisenbahner*innen streiken, bebt die Republik. Vielen fehlt das Verständnis, dass ein solcher Streik auch positive Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen in anderen Bereichen haben kann. Kund*innen der Bahn bräuchten aber genau diese Einstellung, um den Streik ideell zu unterstützen, sich solidarisch zu zeigen – und je mehr sie sich auf diese Weise mit den Streikenden in Beziehung setzen würden, umso größer wären die möglichen Weiterungen.

Damit das aber passiert, müssten entsprechende Diskurse befördert werden, und zwar nicht nur durch die Gewerkschaften. Auch anderweitig müsste deutlich gemacht werden, dass es ganz normal ist, seine Interessen durchzusetzen, und dass der Streik dafür ein legitimes Mittel ist. Der Fluchtpunkt wäre die Idee vollständig verallgemeinerter Solidarität: wenn etwa Eisenbahner*innen für Fahrradkurier*innen einstehen oder Ärzt*innen für die Beschäftigten in der Krankenpflege.