lautstark. 09.06.2022

Zufriedenheit im Job: Was gute Arbeit ausmacht

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Geld, Gesundheit und Gespräche

Wann sind Beschäftigte zufrieden im Job? Was macht gute Arbeitsbedingungen in einer Arbeitswelt im Wandel aus? Und was können Unternehmen dafür tun? Wir haben mit einem Gewerkschafter und einem Arbeitspsychologen über Arbeitsqualität gesprochen.

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  • Ausgabe: lautstark. 03/2022 | Besser arbeiten: Arbeitsplatz Bildung attraktiver machen
  • Autor*in: Nadine Emmerich
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

Drei Monate Sabbatical pro Jahr, Meditation im Büro, ein Heimtrainer am Schreibtisch oder Napping Rooms für das Schläfchen zwischendurch: 2019 listete die Onlineplattform Glassdoor die zwölf kreativsten Benefits für Beschäftigte auf. Angesichts des Fachkräftemangels in fast allen Branchen konkurrieren Unternehmen immer stärker um Mitarbeiter*innen und versuchen, mit immer ausgefalleneren Ideen für sich zu werben. „Arbeitgeber*innen müssen sich inzwischen mehr anstrengen“, sagt Guido Hertel, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. „Das ist für die Qualität der Arbeit zunächst eine günstige Entwicklung und für Arbeitnehmer*innen erst mal positiv.“

Nicht alle Benefits, die sich jemand allein im stillen Kämmerlein ausdenkt, bedeuteten für die Beschäftigten jedoch tatsächlich mehr Arbeitsqualität und Zufriedenheit mit dem Job. Zentrale Säulen seien nach wie vor ein angemessenes Gehalt und die Sicherheit des Arbeitsplatzes, betont Guido Hertel. Auch wenn Faktoren wie die Sinnhaftigkeit der Arbeit und eine gute Work-Life-Balance stärker ins Bewusstsein gerückt seien: „Eine schlechte Bezahlung lässt sich nicht durch Gestaltungsmöglichkeiten komplett wettmachen.“
Andererseits gilt auch: „Man darf die weichen Faktoren wie ein gutes Betriebsklima und Wertschätzung durch Vorgesetzte nicht unterschätzen“, sagt Sozialwissenschaftler Rolf Schmucker, der das Institut DGB-Index Gute Arbeit in Berlin leitet. Und wenn jemand im Job völlig überlastet sei, kompensiere das auch ein gutes Einkommen nicht. Für die Qualität von Arbeit insgesamt seien viele Aspekte wichtig.

DGB-Index Gute Arbeit 2021: Arbeitsqualität im Mittelfeld

Der Deutsche Gewerkschaftsbund veröffentlicht seit Jahren den DGB-Index Gute Arbeit, in dem Beschäftigte ihren Job anhand von elf Kriterien bewerten. Dazu gehören Sinngehalt, Beschäftigungssicherheit, Arbeitszeit, Betriebskultur, Weiterbildungsmöglichkeiten, Einkommen und Arbeitsintensität. Diese gleichrangigen Kriterien wurden auf Basis von Arbeitnehmer*innen-Befragungen erstellt. Der Index untersucht damit Bedingungen, die von den Beschäftigten zuvor selbst als relevant für gute Arbeit definiert wurden. Für jeden Faktor ist ein Wert von 0 bis 100 möglich. Aus allen Teilindizes zusammen wird dann ein Durchschnittswert, der Gesamtindex, berechnet.

Im DGB-Index Gute Arbeit 2021 lag dieser bei 65 Punkten. „Das ist im Mittelfeld, bedeutet aber auch: Bei der Qualität der Arbeitsbedingungen ist noch deutlich Luft nach oben“, sagt Rolf Schmucker. Gute Arbeit beginnt bei einem Indexwert von 80 Punkten, bei weniger als 50 Punkten spricht man von schlechter Arbeit.

Am besten schnitt im Jahr 2021 der Sinngehalt der Arbeit mit durchschnittlich 82 Punkten ab. Auch die Beschäftigungssicherheit (79 Punkte) und die Arbeitszeitlage (76 Punkte) wurden relativ gut bewertet. Materielle Aspekte wie Einkommen und Rente (54 Punkte) sowie betriebliche Sozialleistungen (55 Punkte) im unteren Mittelfeld.

Arbeitsbelastung bleibt drängendes Thema

Die schlechteste Bewertung bekam die Arbeitsintensität, die mit 49 Punkten in den Bereich schlechte Arbeit rutschte. Viele Beschäftigte haben das Gefühl, immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit und mit immer weniger Leuten machen zu müssen. Das führt zu Stress – und macht im schlimmsten Fall krank.

„Die wichtigste Erkenntnis aus dem aktuellen Index ist, dass wir bei der Arbeitsbelastung nicht weitergekommen sind, obwohl das Thema seit Jahren auf der Agenda ist“, sagt der DGB-Experte. „Der Wert schwankt immer um die 50 Punkte. Hier gibt es arbeitspolitischen Handlungsbedarf.“ Das Thema psychische Belastungen müsse im Arbeits- und Gesundheitsschutz wirksamer verankert werden, um präventiv agieren und den Arbeitsplatz entsprechend gestalten zu können. Bisher gibt es eine solche rechtliche Präzisierung nicht, der DGB fordert bereits seit einigen Jahren eine Anti-Stress-Verordnung.

Positiv ist nach Aussage von Rolf Schmucker derweil: Der Index-Durchschnittswert stieg seit 2012 von 61 auf 65 Punkte. Das geht zu einem wesentlichen Teil auf das Kriterium Sicherheit zurück: Durch eine stabile Arbeitsmarktentwicklung in den vergangenen Jahren haben die Beschäftigten weniger Sorge, ihren Job zu verlieren. Zudem gab es in keinem Indexbereich eine deutliche Verschlechterung. Zwar verändern etwa die Digitalisierung und mobiles Arbeiten seit Längerem schleichend die Arbeitswelt. „Aber es wurde nicht von einem Tag auf den anderen alles auf den Kopf gestellt. Es gab graduelle Veränderungen, keine grundlegenden Umwälzungen.“

Gutes Arbeiten auch im Homeoffice ermöglichen

Mögliche Veränderungen im Index sind jedoch in den nächsten Jahren möglich. Schon 2021 gab etwa jede*r Dritte (35 Prozent) an, sich aufgrund der Digitalisierung von Kommunikation stärker belastet zu fühlen. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Homeoffice nutzten zudem ein Arbeitszimmer in der eigenen Wohnung. Ein Drittel (32 Prozent) fühlte sich dort stärker belastet. Und 96 Prozent trugen die Kosten für Miete, Heizung, Strom, Internet- und Telefonverbindungen allein.

Die Ergebnisse des jüngsten Indexes sind zwar durch Corona geprägt. „Mobiles Arbeiten wird uns aber auch nach der Pandemie begleiten“, sagt Rolf Schmucker. „Daher wird es eine wichtige Frage für die Zukunft der Arbeit sein, wie das Homeoffice gestaltet wird. Damit sich die Arbeitsbedingungen nicht verschlechtern, braucht es Regelungen, um Überlastung zu verhindern.“

Miteinander von Unternehmen und Beschäftigten nötig

Geht es um die Qualität der Arbeitsbedingungen, sind zunächst die Unternehmen am Zug. Guido Hertel plädiert jedoch dafür, nicht ausschließlich auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden zu schauen. „Auch Arbeitgeber*innen müssen bestimmte Kriterien erfüllen, etwa wirtschaftlich arbeiten, damit ein Unternehmen am Markt bestehen kann.“ Daher sei ein Miteinander von Unternehmen und Beschäftigten, aber auch von Gewerkschaften erforderlich.

Da Mitarbeiter*innen unterschiedliche Bedürfnisse hätten, beispielsweise abhängig vom Alter, sei auch mehr Flexibilisierung nötig, sagt der Arbeitspsychologe. Jungen Familien sei Sicherheit und eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatem wichtig, bei Älteren rückten andere Aspekte wie arbeitsbezogene Autonomie, die Verwirklichung persönlicher Ziele, das Aufrechterhalten sozialer Kontakte und kollegiale Hilfeleistung in den Fokus.

Coaching statt Controlling

„Unternehmen müssen noch zielgruppenspezifischer auf die Interessen der Beschäftigten eingehen“, sagt Guido Hertel. Dabei gehe es nicht darum, alle Wünsche zu erfüllen, sondern auszuloten, was für beide Seiten machbar sei. Die Hauptherausforderung für Führungskräfte sei es heute, in engem Kontakt und regelmäßiger Kommunikation mit den Mitarbeitenden Lösungen zu finden. „Die Aufgaben für Vorgesetzte verändern sich: Coaching wird wichtiger als Controlling.“

Wichtig sei es auch, Beschäftigte mit Blick auf die Ziele ihrer Tätigkeit sowie des Betriebs mitzunehmen. „Ich brauche einen Draht zu meinen Mitarbeiter*innen. Der Aufbau von vertrauensvollen Beziehungen ist das A und O – insbesondere wenn im Homeoffice gearbeitet wird“, betont der Experte. „Hier gibt es nach wie vor Diskrepanzen.“

Guido Hertel plädiert für mehr partizipative Modelle, zum Beispiel Beratungsgruppen, in denen die Arbeitsbedingungen reflektiert werden. Das sei in kleineren Teams einfacher als in großen Unternehmen, aber auch dort umsetzbar. Von Arbeitgeber*innenseite sollte das Signal kommen: „Uns ist das Thema wichtig und wir bieten eine Plattform zum Austausch an.“

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