lautstark. 19.08.2020

Schulpsychologie unterstützt Schulen

SchulsozialarbeitMPT – Fachkräfte im multiprofessionellen Team

Aktive Kooperation erforderlich

Christine Hemmen arbeitet als Schulpsychologin in Bielefeld. Sie ist zwar unabhängig, aber ohne eine enge Zusammenarbeit mit den Schulen geht es nicht.

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  • Ausgabe: lautstark. 05/2020 | Mehr Profis für gute Bildung
  • Autor*in: Iris Müller
  • Funktion: freie Journalistin
Min.

In 15 Jahren Berufsalltag hat Christine Hemmen noch keinen einzigen langweiligen Tag erlebt. „Ich bin immer mit Freude dabei“, erklärt die 45-jährige Schulpsychologin. Sie hat alle Hände voll zu tun, denn die Bandbreite der Probleme bei ihren Klient*innen wird immer vielfältiger.

Christine Hemmen arbeitet bei der Schulberatungsstelle in Bielefeld, einer von 54 Anlaufstellen in NRW. „Wir unterstützen nicht nur Kinder, sondern auch Lehrkräfte, Eltern und Schulen“, erklärt die Diplom-Psychologin, „und das über alle Schulformen hinweg vertraulich, neutral, unabhängig und freiwillig“. Nach dem Amoklauf von Emsdetten im Jahr 2006 baute die Landesregierung die Schulpsychologie weiter aus, um Prävention und frühzeitige Intervention zu intensivieren. Das Ziel: Bildungschancen erhöhen sowie zur psychosozialen Gesunderhaltung der Schüler*innen und der Pädagog*innen beitragen.

Einbettung in ein multiprofessionelles Team ist wichtig

Die Einzelfallberatung kann beispielsweise beginnen, wenn ein Kind in der ersten Klasse Probleme hat, sich von den Eltern zu trennen. Sie setzt sich fort bei Verhaltensauffälligkeiten wie Konzentrationsproblemen, wenn ein Kind Ängste, Depressionen, Prüfungsangst oder Suizidgedanken hat – die Liste ist lang. Dabei ist die Einbettung der Schulpsychologie in ein multiprofessionelles Team entscheidend: „Wir arbeiten mit allen, die am Geschehen beteiligt sind, also auch mit Lehrern, Eltern und Schulsozialarbeitern“, erklärt Christine Hemmen, die sich freut, wenn sie an den Schulen mit einem multiprofessionellen Netzwerk kooperieren kann. Diese seien zuletzt immer präsenter geworden. Ziel sei, dass es am Ende allen Beteiligten besser gehe. Dafür gilt es, verschiedene Faktoren, wie etwa den schulischen Werdegang, das Elternhaus, den Freundeskreis und Umweltfaktoren in den Blick zu nehmen. Christine Hemmen erklärt: „Man muss in jedem Einzelfall individuell vorgehen.“ Dabei geht es nicht um einen therapeutischen Ansatz, sondern um eine Beratung. Ist eine Therapie, eine Erziehungs- oder Suchtberatung oder Ähnliches nötig, wird das Kind weitervermittelt, ohne den Kontakt zur schulpsychologischen Beratungsstelle zu verlieren.

Systemische Beratung versus Einzelfallberatung

Die Schulpsychologin betont, dass der systemische Blick wichtig ist und gibt ein Beispiel: Wenn eine Schule noch keine klaren Regeln bezüglich der Smartphone-Nutzung hat, kann es sein, dass Cybermobbing mehr und mehr zum Problem wird. Dann sei es sinnvoll, die Schule konzeptionell zu beraten. Wenn eine Schule also systemisch gut aufgestellt ist, kann es gut sein, dass es weniger Einzelfälle gibt, in denen schulpsychologische Beratung angefragt wird. Ganz so einfach ist die Rechnung aber nicht.Schließlich ist die Bandbreite der Probleme so groß, dass es auch individueller Lösungsansätze bedarf. Die Schulpsychologin wahrt den Blick von außen, arbeitet nicht an der Schule selbst. Der Vorteil: Sie hat ein 15-köpfiges Team in der Bielefelder Beratungsstelle, innerhalb dessen sie sich austauschen kann. Der Nachteil: Sie kennt Schule beziehungsweise Schüler*innen nicht aus dem Alltag, ist also auf Hilfe von Schulsozialarbeiter*innen, Lehrkräften und Eltern angewiesen. Außerdem ist die Hemmschwelle, sich an die Beratung zu wenden, höher, wenn diese nicht direkt vor Ort ist.

Profis bei Fortbildungskonzeption einbinden

Im ersten Schritt ist es nach Angaben von Christine Hemmen wichtig, dass die Schulen wissen, welche Beratungsstelle für sie zuständig ist und was diese anbietet, beispielsweise auch Fortbildungen und Supervisionen. „Je präsenter wir sein können, umso niedriger ist die Hemmschwelle für Schulen, mit uns in Kontakt zu kommen“, weiß Christine Hemmen, die sich noch mehr und einfach zugängliche Fortbildungen für ihre Berufsgruppe wünscht. „Die Anforderungen wachsen, Cybermobbing gab es zum Beispiel vor 15 Jahren noch nicht und subjektiv gemessen nimmt auch der Leistungsdruck bei den Kindern zu.“ Daher sei es auch eine wichtige Ergänzung, wenn das Schulministerium bei konzeptionellen Entscheidungen wie beispielsweise zum Thema Digitalisierung die schulpsychologische Expertise einholt. „Wir sind eine sehr motivierte Berufsgruppe.“

Mehr Arbeit durch die Corona-Krise

Eine Berufsgruppe, die sich jetzt auf einen Sturm vorbereitet. Denn die Corona-Krise wird einen besonderen Stellenwert haben. Für viele Kinder sei es eine enorme Belastung gewesen, dass sämtliche Beziehungen außerhalb der Familie abrupt abgebrochen wurden und die Struktur im Alltag fehlte. „Das kann Einfluss auf die psychische Verfassung haben und etwa zu Prüfungsangst oder Depressionen führen“, weiß die Psychologin. Ihr Credo: Einen kühlen Kopf bewahren und bereit sein für das, was kommt. Mit dieser Einstellung ist sie immer gut gefahren, wenn sie auch – wie all ihre Kolleg*innen – schreckliche Vorfälle verarbeiten muss: „Das größte Scheitern ist, wenn wir eine*n Schüler*in durch einen Suizid verlieren, mit der*dem wir vorher schon in Kontakt waren.“ Sie weiß, dass sie keine Feuerwehrfrau ist. Sie kann ein Feuer nicht löschen, sondern lediglich Prozessbegleiterin sein, aber: „Manchmal geht es einem unter die Haut.“