lautstark. 16.02.2024

Gute Bildung für alle braucht echten Wandel

BildungsfinanzierungBildungsgewerkschaftChancengleichheitFachkräftemangelLehrkräftemangel

Zukunft der Bildung in NRW

Ob 2024 bildungspolitisch ein gutes Jahr wird, ist ungewiss. Derzeit sieht es düster aus für die Bildung in NRW – "PISA" lässt grüßen. Damit es besser wird, muss es anders werden, fordert Ayla Çelik. Sie skizziert die Zukunftsvision der GEW NRW für gute Bildung und fordert die Landesregierung auf, endlich zu handeln.

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  • Ausgabe: lautstark. 01/2024 | Zukunft von Bildung und Arbeit: Gute Aussichten?
  • Autor*in: Ayla Çelik
  • Funktion: Vorsitzende der GEW NRW
Min.

Die soziale Ungleichheit nimmt zu und verschärft die vorhandene Chancenungleichheit. In herausfordernden Lagen wie in Duisburg, Bottrop oder Gelsenkirchen kann aufgrund des Lehrkräftemangels die Stundentafel nicht mehr aufrechterhalten werden. Eine Studie nach der anderen attestiert einen massiven Abfall der Kompetenzen bei Schüler*innen, zuletzt "Pisa 2022".

Bildungsmissstände sind kein Naturgesetz, sondern Folge von politischem Missmanagement

Der massive Abfall schockiert, erstaunt aber nicht, weil das Ergebnis erwartbar zu sein scheint. Und das ist das eigentlich Erschreckende: Wir als Gesellschaft gewöhnen uns an diesen Missstand und nehmen ihn hin. Er ist aber kein Naturgesetz, sondern Folge von politischem Missmanagement.
Um zu verstehen, warum unser Bildungssystem derart leistungsunfähig zu sein scheint, reicht ein Blick auf die Bildungspolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Bildungspolitische Fehlplanungen und die jahrzehntelange chronische Unterfinanzierung haben Bildung in eine Sackgasse manövriert. In unseren Bildungseinrichtungen wird der Mangel verwaltet: der Mangel an Fachkräften, an Räumen, an Ressourcen – und das bei einem Investitionsstau in Milliardenhöhe. Strukturelle Defizite und unzureichende Rahmenbedingungen belasten die Beschäftigten immens und mindern die Qualität des Lehrens. Ergo: Die Leistungsfähigkeit unseres Schulsystems spiegelt die Leistungen der Bildungspolitik in unserem Land wider.
Im Jahr 2024 sind also die alten Herausforderungen auch die neuen. An allen Ecken steht das Bildungssystem vor gewaltigen Baustellen. Die drängendste ist sicherlich der Fachkräftemangel.

Gute Bildung braucht Investitionen

Bildung ist der Schlüssel für die wirtschaftliche und sozioökologische Transformation. Wer in sie investiert, investiert in die Zukunft. Das bedeutet allerdings auch: Wer notwendige Investitionen vorenthält, blendet die gelebte Notsituation aus. Diesen Abwärtstrend aufzuhalten und Bildung aus der Sackgasse hinauszumanövrieren, den Wandel hin zu einer qualitativ hochwertigen Bildung einzuleiten, erfordert Mut, Entschlossenheit und die Bereitschaft, vorhandene, festgefahrene Strukturen zu überdenken und neue Wege einzuschlagen. Dazu gehört mit Sicherheit auch ein modernes Arbeitszeitmodell, welches der tatsächlich geleisteten Arbeit, die die Lehrkräfte jenseits von Pflichtstunden leisten, gerecht wird.

Gute Bildung für Kinder und Jugendliche duldet keinen weiteren Aufschub, weil gute Bildung ein grundlegendes Menschenrecht ist und kein Privileg bleiben darf. Die Landesregierung ist in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass gute Bildung nicht von der Kassenlage der Kommune abhängt, weil Bildung und Wissen Schlüsselressourcen unserer Gesellschaft sind und über Zukunftschancen entscheiden. Gerade Schulen in herausfordernden Lagen brauchen zusätzliche Ressourcen.

Bildungsarmut bekämpfen, Demokratie stärken und Perspektiven für junge Menschen schaffen

Armut bedeutet im Bildungsland NRW Bildungsarmut und trotzdem ist NRW, was die Bildungsfinanzierung angeht, im Länder-Ranking seit Jahren Schlusslicht. Anstatt jetzt gegenzusteuern und massiv zu investieren, den Beschäftigten die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen, hält die Landesregierung an der Unterfinanzierung fest – hier reicht ein Blick in den Haushaltsentwurf 2024. Fatal, wenn jedes vierte Kind in NRW armutsgefährdet ist.

Für die Gesamtgesellschaft ist dieser Zustand ebenfalls fatal: Weil Demokratie auf mündige Bürger* innen angewiesen ist, die mitbestimmen und sich einmischen können. Dafür ist gute Bildung die Grundlage. Auch deshalb ist es höchste Zeit, dass die Entscheider*innen in der Bildungspolitik aufwachen und eine echte Trendwende einleiten. Durch die Vernachlässigung von Bildung wird Chancengleichheit verspielt – die Grundvoraussetzung für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben.

Die Folgen der Mangelwirtschaft, die die Landesregierung nicht effektiv und nachhaltig bekämpft, sind bekannt und durch Studien belegt: Schüler*innen mit großen Defiziten, Lernrückständen und drohendem Schulversagen. Tausende von Schüler*innen, die jedes Jahr ohne Schulanschluss in die Perspektivlosigkeit entlassen werden. Aufgabe guter Bildung muss es sein, diesen jungen Menschen eine Perspektive zu geben und sie zu den Fachkräften zu machen, die wir in allen Bereichen gerade so händeringend benötigen.

GEW NRW: Treiber für eine moderne Bildungspolitik und gute Arbeitsbedingungen

Deshalb sagen wir als GEW NRW Nein zu einem auf Selektion ausgerichteten Bildungssystem. Wir sagen Nein zu Raummangel. Wir sagen Nein zu einem Sanierungsstau in Milliardenhöhe und einem Innovationsstau, der verhindert, dass Bildung dem dynamischen Wandel von Gesellschaft gerecht wird.

Die GEW NRW erwartet, dass die überbordende Bürokratie vereinfacht wird und Ressourcen von den Bildungsinstitutionen selbst gezielt eingesetzt werden dürfen. Gesetze, die wie potemkinsche Dörfer Rechte vorgaukeln, die nicht erfüllt werden, wie der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, sind unerträglich und zynischer Betrug an Familien.

Ob in Kita, Schule, Hochschule oder in der Weiterbildung – wir wollen auch in 2024 den politischen Diskurs prägen. Die Weiterentwicklung der Schulstruktur, das längere gemeinsame Lernen, ein Abschulungsverbot, die längst überfällige Reform der Besoldungsstruktur als logische Konsequenz der Einführung von A 13 als Einstiegsamt, eine einheitliche Laufbahn für alle Lehrkräfte, die Reformierung der Lehrkräfteausbildung sowie die Weiterentwicklung des schulscharfen Sozialindexes hin zu einem echten Steuerungselement von Ressourcen nach dem Grundgedanken „Ungleiches ungleich behandeln“ sind neben der Schulfinanzierung, die auf den Prüfstand gehört, wichtige Bausteine.

Bildung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und verlangt daher eine Verantwortungsgemeinschaft aus Bund, Land und Kommune. Es ist dringend geboten, einen Konsens über die Priorität und den Umfang von Bildungsinvestitionen über Legislaturperioden hinaus zu finden. Dabei kann der Gedanke förderlich sein, dass Investitionen in Bildung keine Ausgaben sind, sondern gut angelegtes Kapital für die Zukunft unserer Gesellschaft.